COVID-19: Wie ein Miteinander wieder möglich wäre

Nur mit differenzierten Verfahren kann die Corona-Krise überwunden werden, kommentiert Gideon Lichfield, Chefredakteur der US-Ausgabe von Technology Review.

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Die COVID-19-Tracing-App "COVIDSafe" der australischen Regierung auf einem Handy.

(Bild: dpa, Scott Barbour/AAP/dpa)

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Niemand weiß, wie die neue Zukunft nach der Corona-Krise aussehen wird. Ist es vielleicht eine Welt, in der es bei Fernreisen eine Registrierungspflicht für ein Programm geben wird, das mobile Standortdaten speichert? Zwar würden Fluggesellschaften nicht wissen, wohin ihre Passagiere sich fortbewegen, wohl aber informiert werden, wenn es zu Kontakten mit infizierten Personen oder Aufenthalten in Risikogebieten kommt.

Ähnliche Anforderungen könnten beliebig erweitert werden: auf die Eingangskontrolle großer Veranstaltungen, Regierungsgebäude oder auf viel frequentierte Bahnstationen. Denkbar wären auch Fieberkontrollen vielerorts oder auch Monitore am Arbeitsplatz, die Temperatur und Vitalfunktionen messen. Anstelle des Alters könnten Türsteher nun auf Immunität prüfen – indem sie entweder in Form eines Ausweises oder digital auf dem Handy einen Nachweis verlangen, der die Genesung von den neuesten Virusstämmen oder eine entsprechende Impfung bestätigt.

An solche Maßnahmen wird der Mensch sich gewöhnen und er wird sie akzeptieren, so wie er auch schon die zunehmend strengen Sicherheitsvorkehrungen an Flughäfen im Zuge der Terrorbekämpfung akzeptiert hat. Mit anderen Menschen zusammenzukommen ist ein Grundrecht und für diese Freiheit wird eine intensivere Überwachung ein geringer Preis sein.

Doch wie so oft werden die Kosten dafür die ärmsten und schwächsten der Gesellschaft schultern müssen. Menschen, die begrenzten Zugang zu gesundheitlicher Versorgung haben oder in Gegenden leben, die anfällig für Krankheiten sind. Sie werden es sein, die häufiger von Orten ausgeschlossen werden und von Möglichkeiten, die für andere selbstverständlich sind. Die Arbeitssituation von Gig Workers – von Fahrern zu Klempnern bis hin zu freiberuflichen Yoga-Lehrern – wird noch prekärer werden. Migranten, Geflüchtete, nicht gemeldete Einwohner, und Strafentlassene werden mit noch mehr Hürden konfrontiert, um gesellschaftlich Fuß zu fassen.

Solange es keine klar definierten Regeln gibt, wie die Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe bestimmt wird, könnten Regierungen und Unternehmen willkürliche Kriterien dafür heranziehen – beispielsweise könnte es dann heißen, Risikopatient sei man mit einem Jahreseinkommen von unter 50.000 US-Dollar im Jahr, als Mitglied einer mehr als sechsköpfigen Familie oder als Anwohner einer bestimmten Region. Das schafft gewissermaßen Spielraum für eine programmierte Voreingenommenheit und verborgene Diskriminierung, wie schon im vergangenen Jahr geschehen, als ein Algorithmus einer US-Krankenversicherung irrtümlich Menschen weißer Hautfarbe bevorzugte.

Die Welt hat sich oft gewandelt und gerade tut sie es wieder. Die Menschen werden sich an eine neue Art des Lebens, Arbeitens und Zusammenseins anpassen müssen. Doch wie bei jedem Wandel wird es welche geben, die mehr als andere verlieren, und das werden diejenigen sein, die ohnehin schon zu viel verloren haben. Das Beste, worauf wir hoffen können, ist, dass die Schwere dieser Krise endlich Nationen dazu drängen wird – insbesondere die USA – die Schere der sozialen Ungleichheit, die viele Bevölkerungsanteile so verletzlich macht, zu verringern. (bsc)