Chatbot statt Museumsführer

KI-Textsysteme bieten inzwischen auch in Kultureinrichtungen ihre Dienste an. Ein Forschungsprojekt untersucht, wie solche Chatbots verbessert werden können.

Lesezeit: 3 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen

So könnte ein Museums-Chatbot aussehen.

(Bild: Linon Medien KG)

Von
  • Susanne Keil

Chatbots dienten bislang vor allem Unternehmen zur Beantwortung von Kundenanfragen oder zum Beschwerdemanagement. Doch da die Sprachgeneratoren auf Methoden der Künstlichen Intelligenz basieren, eröffnen sich weitere Anwendungsfelder. Aktuell wird etwa "Chim" zum dialogorientierten Begleiter für Besuche des Städel Museums in Frankfurt ausgebildet.

"Wer war die junge Frau auf dem Gemälde? Kannte der Maler sie persönlich? Waren die Frisuren der Frauen seiner Zeit tatsächlich so aufwendig?" Das sind Fragen, mit denen Chim im Rahmen eines Forschungsprojektes gefüttert wird. Das Städel Museum fungiert dabei als Bildungspartner und bietet dem Projektleiter Linon Medien KG das Umfeld, in dem der Chatbot für seinen späteren Einsatz vorbereitet wird. Linon hat sich darauf spezialisiert, Museen bei der Entwicklung technischer Anwendungen zu unterstützten und das Forschungsprojekt beim Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung eingeworben. Als Projektpartner hat die Agentur das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) ins Boot geholt.

Der virtuelle Assistent soll lernen, die Fragen zu verstehen und zu beantworten, die den Besucherinnen und Besuchern beim Betrachten der Gemälde in den Sinn kommen. Das ist neu. Bisher spulen digitale Museums-Guides eher das Wissen der Kunstexperten ab. Auf einer eigens eingerichteten öffentlichen Website kann aktuell jeder 14 ausgewählte Werke betrachten und dazu seine Fragen eingeben. "Derzeit sind rund 1.800 sinnvolle Fragen eingegangen, die genutzt werden können", sagt Oliver Gustke von Linon. Daneben erhält dieser Chatbot für seinen Lernprozess Infos aus den Audioguides und Katalogen des Museums sowie aus wissenschaftlichen Abhandlungen zu den Werken.

Das Städel-Museum hat den Vorteil, dass die digitale Sammlung schon gut verschlagwortet ist. Aus den vorhandenen Daten, die neben Titel, Künstler, Material und Maßen auch umfangreiche Informationen zur Objektgeschichte enthalten, generiert der Chatbot laut Stefan Schaffer vom DFKI selbstständig Antworten auf Fragen. Er nutzt dafür annotierte Inhalte, die verschlagwortet und kategorisiert wurden. "Bei den geschlossenen Fragen wird das vermutlich noch ganz gut klappen", vermutet Schaffer. Schwieriger werde es bei offenen Fragen, wie zum Beispiel "Warum ist der Hund gelb?"

Das Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe (ZKM) will im ersten Halbjahr 2021 ebenfalls einen digitalen Begleiter anbieten. Auch dieser ist das Ergebnis eines zweijährigen Forschungs- und Entwicklungsprojektes. Dieses wurde durch das Programm "Digitale Wege ins Museum" des Landes Baden-Württemberg finanziert. Der ZKM-Chatbot wird aber zunächst nur Antworten auf Fragen im Sinne von FAQs geben, also Informationen zu laufenden Ausstellungen, Öffnungszeiten und Basisinformationen zu einzelnen Kunstwerken.

Er soll auf der Website, auf dem eigenen Smartphone und auf Stelen in den Ausstellungsräumen seine Dienste anbieten. Dominika Szope vom ZKM dämpft allzu große Erwartungen: "Im Hinblick auf die zeitlichen und personellen Kapazitäten haben wir das Projekt unterschätzt", sagt sie, "aber das ist unser Kind, das wir jetzt großziehen werden". Ihre Vision: In vier bis fünf Jahren soll der Chatbot über Medienkunst diskutieren können.

Das ZKM hat für die Entwicklung seiner eigenen Maschine für den Besucher-Dialog 2018 weltweit über 20 solcher digitalen Begleiter gefunden. Der erste stammt danach aus 2004 und führt immer noch durch das Heinz Nixdorf Museums-Forum in Paderborn. Daneben gibt es solche Anwendungen unter anderem im Museo de Arte Moderno de Buenos Aires oder im Brooklyn Museum in New York City. Aber ihre Gesprächskompetenz ist sehr unterschiedlich weit entwickelt und nur wenige aus der Liste nutzen Methoden der künstlichen Intelligenz. Es bleibt in der Regel bei Service-Informationen, bei Audioguides, die bei den Exponaten abgespielt oder Augmented-Reality-Erweiterungen, die in den Ausstellungsräumen abgerufen werden können.

Für die Interaktion werden oft Messenger-Dienste wie der von Facebook oder WhatsApp genutzt oder sie sind Entwicklungen auf der Grundlage der KI-Plattform Watson von IBM. Um etwaige Probleme mit dem Datenschutz zu vermeiden, arbeiten das ZKM und das DFKI mit einem Berliner Anbieter für Open-Source-Lösungen zusammen.

Das ZKM will seine Smartphone-Variante zudem über den Messenger Signal laufen lassen. Schaffer vom DFKI betont, dass für die Programmierung die DFKI-eigene Plattform genutzt wird und die Daten, mit denen der Chatbot lernt, auf in Deutschland gehosteten Servern liegen. Chim soll über eine App laufen, die als Prototyp ab Herbst 2021 im Feld getestet wird, und dann schreiben und sprechen können.

Ob der Besucher-Dialog im Städel-Museum im Herbst dann so klappt, wie es sich die Projektpartner wünschen, ist offen. Chim soll nicht nur Antworten geben, sondern auch Rückfragen stellen und die Besucher ganz gesprächig auf das ein oder andere Detail aufmerksam machen. Beim Feldversuch werden die Besucherinnen und Besucher auch nach ihren Erfahrungen mit Chim gefragt. "Da ist bestimmt nachzubessern", sagt Schaffer, der derzeit nicht davon ausgeht, dass der Chatbot nach Projektende im Januar 2022 direkt weiter seine Dienste im Städel anbieten wird. (bsc)