China: Wie gesperrte WeChat-Nutzer um Verzeihung betteln

Die chinesische Super-App sperrt User, weil sie sich über eine Pro-Demokratie-Demo ausgetauscht haben. Das zieht eine Flut an Beiträgen an Tencent nach sich.

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(Bild: Stephanie Arnett)

Von
  • Zeyi Yang
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Hunderte von verzweifelten chinesischen Nutzern haben in den vergangenen Wochen sogenannte Geständnis-Briefe beim dortigen Twitter-Ableger Weibo gepostet. Damit versuchen sie, ihren gesperrten Zugang bei WeChat wieder herzustellen, jener Super-App, ohne die das tägliche Leben in der Volksrepublik fast nicht mehr möglich ist.

"Ich habe mich", heißt es da beispielsweise, "aufgrund des massiven Drucks durch die jüngsten Pandemie-Präventionsmaßnahmen in einem schrecklichen mentalen Zustand befunden". Deshalb habe man die Kontrolle über sich verloren "und in einem Gruppenchat mit sechs Personen heikle Aussagen gemacht". Man habe seinen Fehler jedoch "auf jegliche Art" erkannt. "Ich hoffe deshalb, [WeChat-Betreiber] Tencent kann mir noch eine Chance für einen Neuanfang geben (...) Ich werde die Partei und das Land nicht im Stich lassen." Die Nachrichten werden stets mit dem speziellen Hashtag für den Tencent-Kundendienst versehen.

Viele Postings dieser Art unterscheiden sich nur leicht in ihrem Inhalt. Ihnen gemeinsam ist die Dringlichkeit, mit denen sie augenscheinlich verfasst wurden, nachdem es zuletzt eine Welle von Nutzersperrungen gegeben hatte. WeChat ist für sie ein unverzichtbarer Teil des Lebens; hier werden sowohl private als auch berufliche Dinge geregelt. Aus den Weibo-Nachrichten scheint dementsprechend pure Verzweiflung zu sprechen.

Alles begann am Nachmittag des 13. Oktober, zwei Tage vor dem enorm wichtigen 20. Parteitag der Kommunistischen Partei, als ein Demonstrant an einer Straßenüberführung in der Hauptstadt Transparente aufhängte, auf denen die Abschaffung der Pandemiekontrollmaßnahmen und die Einführung demokratischer Reformen gefordert wurden. "Sagt Nein zum COVID-Test, ja zur Nahrung. Nein zur Einsperrung, ja zur Freiheit", hieß es dort erstaunlich konfrontativ. "Streikt und setzt den Diktator und Landesverräter Xi Jinping ab."

Der Zeitpunkt unmittelbar vor dem Parteikongress – sowie die äußerst heikle Erwähnung des Namens des chinesischen Präsidenten, der auf dem Treffen eine noch nie dagewesene dritte Amtszeit durchsetzen dürfte – hat dazu geführt, dass Diskussionen über das Ereignis in den chinesischen sozialen Medien streng zensiert werden. Auf Weibo wird jeder Nutzerinhalt, der Wörter wie "Peking", "Brücke" oder "mutig" enthält, nicht mehr in der Suche angezeigt. Die chinesische Version von Apple Music entfernte gar einen Song mit dem Namen "Sitong Bridge" – vermutlich nur, weil sich der Name auf den Ort der Proteste bezieht.

Die Zensur erstreckt sich natürlich auch auf WeChat, die dominierende Messaging-Plattform Chinas mit über 1,2 Milliarden Nutzern weltweit, von denen die meisten in der Volksrepublik leben. Den Nutzern wurde schnell klar, dass schon das Posten eines Bildes von dem Ereignis – selbst in einem "privaten" Gruppenchat – dazu führen kann, dass ihr Konto dauerhaft gesperrt wird.

Chen, ein Einwohner von Peking, der nur mit seinem Nachnamen erwähnt werden möchte, sagte, er habe am Donnerstag um 13:11 Uhr Pekinger Zeit ein Foto des Protests an einen Gruppenchat geschickt, woraufhin sein Konto um 17:35 Uhr dauerhaft gesperrt wurde. Die Entscheidung wurde "gemäß den einschlägigen Internetrichtlinien sowie Gesetzen und Vorschriften" getroffen, heißt es in der Standardmitteilung von WeChat.

Ein anderes Mitglied von Chens Gruppenchats versuchte ebenfalls, das Foto zu versenden; auch sein Konto wurde gesperrt, wie er später erfuhr. "Wir wussten, dass es zu einer Sperrung kommen würde, aber wir haben nicht erwartet, dass sie dauerhaft sein wird. Ich dachte zu dem Zeitpunkt, ich würde nur für ein paar Tage gesperrt werden", klagt er.

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Obwohl es keine offizielle Zahl darüber gibt, wie viele Konten an diesem Tag tatsächlich gesperrt wurden, gibt es zahlreiche Berichte auf Weibo und anderen Social-Media-Plattformen über WeChat-Nutzer, die ihre Konten seit dem Protest verloren haben. Einige wissen nicht einmal, was genau sie falsch gemacht haben. Tencent reagierte nicht auf eine Anfrage von MIT Technology Review.

Der Ausschluss von WeChat ist keine Bagatelle. Sie hat erhebliche praktische Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen, da sie nun nicht mehr in der Lage sind, die vielen digitalen Dienste zu nutzen, die mit ihrem Konto verknüpft sind. Das sind Bezahldienste ebenso wie Gesundheitsangebote, für die man WeChat-QR-Codes braucht. Alle Online-Abonnements sind plötzlich weg. Einfach einen neuen Account anzulegen, ist nur theoretisch sinnvoll: Es dauert Tage bis Wochen, bis alle Anwendungen wiederhergestellt sind.

Die massenhafte Sperrung hat auch Auswirkungen auf die chinesische Gesellschaft als Ganzes: Das jüngste Beispiel dafür, wie schnell Chinas Zensurmaschinerie arbeitet, um Andersdenkende zum Schweigen zu bringen, wird diese Stimmen in Zukunft nur noch mehr zum Schweigen bringen. Proteste wie der jüngste sind in China bereits heute selten, und viele Menschen werden nie erfahren, dass es überhaupt dazu gekommen ist.