Chinas riskante Experimente mit Coronaviren

Chinesische Forscher ahmen Techniken ihrer US-Kollegen nach, um neuartige Coronaviren zu konstruieren – unter unsicheren Bedingungen, wie sich nun zeigt.

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BSL-4-Labor, hier am RKI.

(Bild: RKI)

Von
  • Rowan Jacobsen
Inhaltsverzeichnis

Die Sache begann vor gut acht Jahren. 2013 sprach der amerikanische Virologe Ralph Baric von der The University of North Carolina at Chapel Hill (UNC) seine chinesische Kollegin Zhengli Shi bei einem Treffen an. Baric war schon damals ein Top-Experte für Coronaviren mit Hunderten von Veröffentlichungen – und Shi hatte zusammen mit ihrem Team am Wuhan Institute of Virology (WIV) haufenweise neue Patogene dieser Art in Fledermaushöhlen entdeckt. In einer Probe von Fledermaus-Guano hatte Shi unter anderem das Genom eines neuen Virus namens SHC014 entschlüsselt, der einer der beiden engsten Verwandten des ursprünglichen SARS-Virus war. Doch ihrem Team gelang es nicht, das Virus im Labor anzuzüchten.

Da konnte Baric helfen. Er hatte einen Weg entwickelt, dieses Problem zu umgehen – eine Technik der sogenannten Reverse Genetics bei Coronaviren. Sie erlaubte es ihm nicht nur, ein echtes Virus aus seinem genetischen Code zum Leben zu erwecken, sondern er konnte auch Teile mehrerer Viren vermischen und miteinander kombinieren. Seine Idee: Er wollte das "Spike"-Gen von SHC014 nehmen und es in eine genetische Kopie des SARS-Virus einfügen, das er bereits in seinem Labor hatte. Das Spike-Protein ist jener Bestandteil des Virus, das es eine Zelle öffnen und in sie eindringen lässt. Die resultierende Chimäre sollte zeigen, ob sich der Spike von SHC014 an menschliche Zellen anheften könnte.

Falls dem so war, hätte es Baric bei seinem langfristigen Projekt helfen können, universelle Medikamente und Impfstoffe gegen das gesamte Spektrum SARS-ähnlicher Viren zu entwickeln, die er zunehmend als Quelle potenzieller Pandemien ansah. Ein – bis heute nicht zugelassener – Impfstoff gegen SARS war bereits entwickelt worden, aber es war nicht zu erwarten, dass er gegen verwandte Coronaviren sehr effektiv sein würde, ähnlich wie Grippeimpfungen nur selten gegen neue Stämme wirken. Um einen allumfassenden Impfstoff zu entwickeln, der eine Antikörperreaktion gegen eine ganze Reihe von SARS-ähnlichen Viren hervorruft, müsste man dem Immunsystem einen Cocktail von Erregern zeigen. SHC014 könnte die Basis bilden, dachte Baric.

Baric fragte also Shi, ob er die genetischen Daten für SHC014 haben könne. "Sie war so großzügig, uns diese Sequenzen fast sofort zu schicken", sagt er. Sein Team führte das mit diesem Code modifizierte Virus erst in Mäuse und dann in der Petrischale in menschliche Atemwegszellen ein. Tatsächlich zeigte die Chimäre eine "robuste Replikation" in den menschlichen Zellen – ein Hinweis darauf, dass die Natur voll von Coronaviren ist, die bereit zu sein scheinen, direkt auf den Menschen überzuspringen.

Während Barics Studie im Gange war, kündigten die amerikanischen National Institutes of Health (NIH) an, dass sie die Finanzierung von "Gain of Function"-Forschung, also Experimenten, die bereits gefährliche Viren virulenter oder übertragbarer machen, vorrübergehend einstellen werde – für SARS, MERS (das ebenfalls durch ein Coronavirus verursacht wird) und Influenza. Erst müsse die Sicherheit solcher Forschung beurteilt werden. Die Ankündigung brachte die Arbeit von Baric zum Stillstand.

Baric ist eine Legende auf dem Gebiet, aber egal wie viele Sicherheitsvorkehrungen er und seine Kollegen auch trafen, es bestand faktisch immer die Möglichkeit, dass ein noch nie dagewesenes Virus aus dem Labor entkommen und einen Ausbruch verursachen wurde. Baric war der Meinung, dass die extremen Maßnahmen, die er in seinem Institut ergriff, das Risiko minimierten und seine Arbeit in der Tat kategorisch von der risikoreichen "Gain of Function"-Arbeit am Grippevirus unterschied, die das NIH eigentlich ins Visier genommen hatte. (Ein niederländischer und japanischer Forscher belebten das Grippevirus von 1918 neu.) Er war auch der Meinung, dass seine Forschung dringend war: Neue Fälle von MERS, die durch Kamele übertragen wurden, tauchten damals im Nahen Osten auf. Nach einige Gesprächen schließlich stimmte das NIH zu und Baric durfte weitermachen.

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Seine Arbeit aus dem Jahr 2015 mit dem Titel "A SARS-like cluster of circulating bat coronaviruses shows potential for human emergence" ("Ein SARS-ähnliches Cluster von zirkulierenden Fledermaus-Coronaviren zeigt Potenzial für Infektionen beim Menschen") gilt als eine Meisterleistung, bei der modernste Gentechnologie eingesetzt wurde, um die zivilisierte Welt vor einer drohenden Gefahr an ihrer Peripherie zu warnen. Es erweckte auch die Bedenken über Gain-of-Function-Experimente wieder, was Baric schon vorher klar gewesen war. In seinem Paper erläuterte er deshalb die zusätzlichen Vorsichtsmaßnahmen, die er getroffen hatte, und stellte die Forschung als Testfall dar. "Das Potenzial, sich auf zukünftige Ausbrüche vorzubereiten und diese abzuschwächen, muss gegen das Risiko abgewogen werden, noch gefährlichere Erreger zu schaffen", schrieb er. "Wissenschaftliche Prüfgremien könnten ähnliche Studien, die Virenchimären auf der Grundlage zirkulierender Stämme aufbauen, für zu riskant halten, um sie weiter zu verfolgen." Die NIH entschieden, dass das Risiko es wert war. In einer möglicherweise verhängnisvollen Entscheidung finanzierte es auch später ähnliche Arbeiten wie die von Baric am Wuhan Institute of Virology, das bald darauf seine eigene Technologie der Reverse Genetics einsetzte, um zahlreiche Coronavirus-Chimären herzustellen.

Von den meisten unbemerkt, gab es jedoch einen entscheidenden Unterschied, der die Risikokalkulation deutlich verschob. Die chinesische Forschung wurde auf Biosicherheitsstufe 2 (BSL-2) durchgeführt, einer viel niedrigeren Stufe als Barics Labor mit dem Rating BSL-3+. Was die Covid-19-Pandemie verursacht hat, bleibt ungewiss, und Shi behauptet steif und fest, dass ihr Labor vor dem Ausbruch in Wuhan nie auf das SARS-CoV-2-Virus gestoßen ist. Aber jetzt, da die US-Regierung beschlossen hat, dass die Möglichkeit eines Laborunfalls untersucht werden muss, ist das Rampenlicht auf die amerikanische Finanzierung der weniger sicheren Forschung des Wuhan-Labors gefallen. Heute meldet sich ein Chor von Wissenschaftlern – einschließlich Baric selbst – zu Wort und sagt, dass dies ein Fehler war. Selbst wenn es keine Verbindung zu COVID-19 gibt, ist die Zulassung von Arbeiten an potenziell gefährlichen Fledermausviren auf BSL-2-Niveau "ein echter Skandal", wie etwa Michael Lin sagt, ein Bioingenieur an der Stanford University.

Die schwelende Besorgnis, dass die USA riskante Forschung in China finanzieren, brach am 11. Mai in die nationale Debatte ein, als Senator Rand Paul den bekannten Corona-Koordinator Anthony Fauci, den langjährigen Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID), beschuldigte, eine "Supervirus"-Forschung in den USA zu finanzieren und einen "großen Fehler" begangen zu haben, indem er das Know-how nach China weitergab. Paul konfrontierte Fauci wiederholt und verlangte zu wissen, ob er Gain-of-Function-Forschung in diesem Land finanziert habe. Fauci bestritt den Vorwurf und erklärte kategorisch: "Die NIH haben nie und werden auch jetzt nicht die Gain-of-Function-Forschung im Wuhan Institute of Virology finanzieren."

Allerdings: Das Dementi stützt sich allein auf die spezifische Definition der NIH, was unter das Moratorium fällt. Nämlich Arbeiten, die absichtlich SARS-ähnliche Viren, MERS oder Grippe virulenter gemacht hätten, indem sie zum Beispiel leichter durch die Luft verbreitbar gemacht worden wären. Die chinesische Forschung hatte nicht das spezifische Ziel, die Viren tödlicher zu machen – und statt SARS selbst wurden die nahen Verwandten von SARS verwendet, deren reales Risiko für den Menschen unbekannt war. Tatsächlich war die Bestimmung des Risikos der Sinn der Forschung. So wie man beim Pokern einen Teil des Blattes gegen neue Karten eintauscht, konnte man eben nicht wissen, ob die endgültigen Chimären stärker oder schwächer sein würden.

Die NIH haben ihre Entscheidungsfindung immer noch nicht vollständig erklärt und hat auch auf Fragen zu diesem Artikel nicht geantwortet. Unter Berufung auf eine ausstehende Untersuchung weigerten sie sich außerdem, Abrechnungskopien zu Zuschüssen freizugeben, die dem Institut in Wuhan zwischen 2014 und 2019 immerhin etwa 600.000 Dollar zukommen ließen. Die NIH haben bislang auch wenig Praktisches über ihr neues System zur Bewertung von Gain-of-Function-Risiken preisgegeben, das von einem anonymen Prüfgremium eingeführt wurde, dessen Beratungen wiederum nicht öffentlich gemacht werden. Solange in diesen Bereich nicht mehr Aufklärung gibt, werden die Spekulationen von Paul und anderen nicht aufhören.

Pikant: 2012 war es Fauci selbst, der in einem Kommentar zur Forschung im Bezug auf Pandemiekeime skizzierte. "Betrachten Sie dieses hypothetische Szenario", heißt es darin. "Ein wichtiges Gain-of-Function-Experiment mit einem Virus mit ernsthaftem Pandemie-Potenzial wird in einem gut regulierten, erstklassigen Labor von erfahrenen Forschern durchgeführt, aber die Informationen aus dem Experiment werden dann von einem anderen Wissenschaftler verwendet, der nicht die gleiche Ausbildung und Ausstattung hat und nicht den gleichen Vorschriften unterliegt." Was wäre, fragt Fauci dann, "wenn sich dieser Wissenschaftler in einem unwahrscheinlichen, aber theoretisch möglichen Fall mit dem Virus infiziert, was wiederum zu einem Ausbruch führt und schließlich eine Pandemie auslöst?""

Pauls Befragung von Fauci brachte neue Aufmerksamkeit auf die Beziehung zwischen Ralph Barics Labor an der UNC und dem von Zhengli Shi am WIV, wobei einige Darstellungen Baric als eine Art Sith-Meister von SARS und Shi als seinen aufstrebenden Kampflehrling darstellen. Sie teilten durchaus ihre Ressourcen – Baric schickte beispielsweise transgene Mäuse mit menschlichen Lungenrezeptoren nach Wuhan. Aber nach ihrer anfänglichen Zusammenarbeit waren die beiden Zentren der Coronavirenforschung eher Konkurrenten. Sie befanden sich in einem Wettlauf, um gefährliche Keime zu identifizieren, deren potenzielle Bedrohung zu bewerten und Gegenmaßnahmen wie Impfstoffe zu entwickeln.

Für Baric begann diese Forschung schon in den späten 1990er Jahren. Damals galten Coronaviren als geringes Risiko, aber Barics Studien über die Genetik, die es den Viren ermöglicht, in menschliche Zellen einzudringen, überzeugten ihn davon, dass einige nur ein paar Mutationen davon entfernt sein könnten, die Speziesgrenze zu überspringen. Diese Vermutung wurde 2002/03 bestätigt, als SARS in Südchina ausbrach und 8.000 Menschen infizierte. So schlimm das auch war, sagt Baric, man sei bei SARS nochmal davongekommen. Die Krankheit breitete sich erst einen Tag nach dem Auftreten schwerer Symptome von einer Person zur anderen aus, so dass es einfacher war, sie durch Quarantäne und Kontaktverfolgung einzudämmen. Nur 774 Menschen starben bei diesem Ausbruch, aber wenn die Krankheit so leicht übertragen worden wäre wie SARS-CoV-2, "hätten wir eine Pandemie mit einer Sterblichkeitsrate von 10 Prozent gehabt", sagt der Forscher. "So nah war die Menschheit da dran."

So verlockend es auch war, SARS als einmaliges Ereignis abzuschreiben, im Jahr 2012 tauchte MERS auf und begann, Menschen im Nahen Osten zu infizieren. "Für mich persönlich war das ein Weckruf, dass es in den Tierreservoiren noch viele, viele weitere Stämme geben muss, die für eine artübergreifende Verbreitung bereit sind", sagt Baric. Zu diesem Zeitpunkt waren Beispiele für solche Gefahren bereits von Shis Team entdeckt worden, das jahrelang Proben von Fledermäusen in Südchina genommen hatte, um den Ursprung von SARS zu finden. Das Projekt war Teil einer globalen Virusüberwachung, die von der US-amerikanischen Non-Profit-Organisation EcoHealth Alliance angeführt wurde. Die Non-Profit-Organisation – mit einem Jahresbudget von über 16 Millionen Dollar, das zu mehr als 90 Prozent aus staatlichen Zuschüssen besteht – hat ihr Büro in New York, arbeitet aber mit lokalen Forschergruppen in anderen Ländern zusammen, um Feld- und Laborforschung zu leisten. Die WIV war dabei ihr Kronjuwel – und der britische Zoologe Peter Daszak, Präsident der EcoHealth Alliance, hat zusammen mit Shi an den meisten ihrer wichtigsten Paper gearbeitet.

Durch die Entnahme von Tausenden von Proben aus Guano, Fäkalabstrichen und Fledermausgewebe und die Suche nach genetischen Sequenzen, die SARS ähneln, begann Shis Team, viele eng verwandte Viren zu entdecken. In einer Höhle in der Provinz Yunnan entdeckten sie 2011 oder 2012 die beiden am nächsten verwandten Viren, die sie WIV1 und SHC014 nannten. Shi gelang es, WIV1 in ihrem Labor aus einer Fäkalprobe zu kultivieren und zu zeigen, dass es menschliche Zellen direkt infizieren kann, was beweist, dass SARS-ähnliche Viren, die bereit sind, direkt von Fledermäusen auf den Menschen überzuspringen, bereits in der Natur lauerten. Dies zeige, so Daszak und Shi, dass Fledermaus-Coronaviren eine "erhebliche globale Bedrohung" darstellten. Wissenschaftler, so sagten sie, müssten sie finden und studieren, bevor sie uns finden.

Viele der anderen Viren konnten nicht angezüchtet werden, aber Barics System bot eine Möglichkeit, ihre Spikes schnell zu testen, indem er sie in ähnliche Viren umwandelte. Als die Chimäre, die er mit SHC014 herstellte, sich als fähig erwies, menschliche Zellen im Labor zu infizieren, sagte Daszak der Presse, dass diese Erkenntnisse "dieses Virus von einem Krankheitserreger-Kandidaten zu einer echten Gefahr (a clear and present danger) machen".

Für andere war es das perfekte Beispiel für die unnötigen Gefahren der Gain-of-Function Wissenschaft. "Die einzige Auswirkung dieser Arbeit ist die Schaffung eines neuen, nicht natürlichen Risikos in einem Labor", sagte der Rutgers-Mikrobiologe Richard Ebright, ein langjähriger Kritiker solcher Forschung, gegenüber "Nature". Für Baric war die Situation nuancenreicher. Obwohl seine Schöpfung gefährlicher sein könnte als das ursprüngliche, an die Maus angepasste Virus, das er als sogenanntes Backbone verwendet hatte, war es immer noch schwach im Vergleich zu SARS – sicherlich nicht das Supervirus, das Senator Paul später an die Wand malen würde.

Letzten Endes war die NIH-Verordnung aber zahnlos. Sie enthielt eine Klausel, die Ausnahmen gewährte, "wenn der Leiter der finanzierenden Organisation feststellt, dass die Forschung dringend notwendig ist, um die öffentliche Gesundheit oder die nationale Sicherheit zu schützen". Nicht nur Barics Studien durften weitergeführt werden, sondern auch alle Studien, die solche Ausnahmen beantragten. Die Finanzierungsbeschränkungen wurden im Jahr 2017 schließlich aufgehoben und durch ein milderes System ersetzt. Wenn das NIH nach einem Wissenschaftler suchte, der Aufsichtsbehörden mit der Gain-of-Function-Forschung vertraut machen konnte, war Baric die offensichtliche Wahl. Jahrelang hatte er auf zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen bestanden, und er bemühte sich, diese in seinem Papier von 2015 hervorzuheben, als ob er den Weg in die Zukunft modellieren würde.

Die US-Seuchenschutzbehörde Centers for Disesase Control (CDC) kennt vier Stufen der biologischen Sicherheit und empfiehlt, welche Krankheitserreger auf welcher Stufe untersucht werden sollten. Biosicherheitsstufe 1 (BSL-1) ist für nicht gefährliche Organismen gedacht und erfordert praktisch keine Vorsichtsmaßnahmen: Tragen Sie einen Laborkittel und Handschuhe, wenn nötig. BSL-2 ist für mäßig gefährliche Erreger, die in dem Gebiet bereits endemisch sind, und es sind relativ milde Maßnahmen angezeigt: Schließen Sie die Tür, tragen Sie Augenschutz, entsorgen Sie Abfallmaterialien in einem Autoklaven. BSL-3 ist der Bereich, in dem es ernst wird. Die Stufe ist für Erreger vorgesehen, die durch Übertragung über die Atemwege schwere Krankheiten verursachen können, wie z. B. Influenza und SARS, und die zugehörigen Protokolle umfassen mehrere Barrieren gegen Leaks. Die Labore sind durch zwei selbstschließende, verriegelbare Türen abgetrennt; die Luft wird gefiltert; das Personal trägt Schutzkleidung und N95-Masken und steht unter medizinischer Überwachung. BSL-4 ist für die schlimmsten aller Bösewichte, wie Ebola und Marburg gedacht: Mondanzüge und dedizierte Luftsysteme werden dem Arsenal hinzugefügt.

In Barics Labor wurden die Virenchimären in BSL-3 untersucht, ergänzt durch zusätzliche Maßnahmen wie Tyvek-Anzüge, doppelte Handschuhe und Atemschutzmasken für alle Mitarbeiter. Lokale Ersthelfer-Teams nahmen an regelmäßigen Übungen teil, um ihre Vertrautheit mit dem Labor zu erhöhen. Alle Mitarbeiter wurden auf Infektionen überwacht und die örtlichen Krankenhäuser verfügten über Verfahren zur Behandlung erkrankter Wissenschaftler. Es war wahrscheinlich eine der sichersten BSL-3-Einrichtungen der Welt. Das reichte dennoch nicht aus, um eine Handvoll Fehler im Laufe der Jahre zu verhindern. Einige Wissenschaftler wurden sogar von virusübertragenden Mäusen gebissen. Doch es kam zu keinen Infektionen.

Im Jahr 2014 gewährten die NIH der EcoHealth Alliance einen fünfjährigen Zuschuss in Höhe von 3,75 Millionen Dollar, um das Risiko zu untersuchen, ob weitere von Fledermäusen übertragene Coronaviren in China auftauchen, wobei dieselbe Art von Techniken verwendet werden sollte, mit der Baric Pionierarbeit geleistet hatte. Ein Teil dieser Arbeit sollte an das Wuhan Institute of Virology vergeben werden. Zwei Jahre später veröffentlichten Daszak und Shi eine Arbeit, in der sie berichteten, wie das chinesische Labor verschiedene Versionen von WIV1 entwickelt und ihre Infektiosität in menschlichen Zellen getestet hatte. Das Papier gab bekannt, dass das WIV sein eigenes System der Reverse Genetics entwickelt hatte und damit dem Beispiel der Amerikaner folgte. Die Studie enthielt auch ein beunruhigendes Detail: Die Arbeit, die zum Teil durch die NIH-Mittel finanziert wurde, war in einem BSL-2-Labor durchgeführt worden. Das bedeutete, dass dieselben Viren, die Daszak als "clear and present danger" für die Welt darstellte, unter Bedingungen untersucht wurden, die laut Richard Ebright "dem Biosicherheitsniveau einer amerikanischen Zahnarztpraxis" entsprachen.

Ebright glaubt, dass hier mehrere zentrale Faktoren im Spiel waren: die Kosten und die Unannehmlichkeiten der Arbeit unter Hochsicherheitsbedingungen. Die Entscheidung des chinesischen Labors, mit BSL-2 zu arbeiten, hätte, so Ebright, das Fortkommen der Forschung bei sonst gleichen Bedingungen um den Faktor 10 bis 20 erhöht – ein enormer Vorteil. Die Arbeit in Wuhan ging tatsächlich schnell voran. Im Jahr 2017 folgten Daszak und Shi mit einer weiteren Studie, ebenfalls unter BSL-2-Bedingungen, die Barics Arbeit in North Carolina noch übertraf. Das WIV hatte Dutzende neuer SARS-ähnlicher Coronaviren in Fledermaushöhlen gefunden und berichtete, dass sie Chimären mit acht von ihnen herstellen konnte, indem sie die Spikes der neuen Viren mit dem Backbone von WIV1 kombinierte. Zwei dieser Virenchimären ihnen replizierten sich gut in menschlichen Zellen. Sie waren im Grunde genommen brandneue Krankheitserreger.

Die Enthüllung, dass das WIV mit SARS-ähnlichen Viren unter gefährlichen Sicherheitsbedingungen gearbeitet hat, führte mittlerweile dazu, dass zahlreiche Forschende die Möglichkeit neu bewerten, dass SARS-CoV-2 aus einer Art Laborunfall entstanden sein könnte. "Die Sache ist verkorkst", sagte der Virologe Ian Lipkin von der Columbia University, der ein viel zitiertes Papier mitverfasst hat, in dem argumentiert wird, dass COVID-19 einen natürlichen Ursprung haben muss, dem Journalisten Donald McNeil Jr. "Das hätte nicht passieren dürfen. Die Leute sollten sich nicht mit Fledermausviren in BSL-2-Laboren beschäftigen. Meine Ansicht zu dem Thema hat sich geändert."

Nur: Das WIV hat keine offiziellen Regeln gebrochen, indem mit BSL-2 gearbeitet wurde, wie Filippa Lentzos, eine Biosicherheitsexpertin am King's College London, sagt. "Es gibt keine durchsetzbaren Standards, was man hier tun sollte und was nicht. Das hängt von den einzelnen Ländern, Institutionen und Wissenschaftlern ab." Und in China, sagt sie, ist der enorme Aufschwung der biologischen High-Tech-Forschung nicht von einer entsprechenden Zunahme einer öffentlichen Aufsicht begleitet worden. Auf E-Mail-Nachfrage sagte Zhengli Shi, dass sie chinesische Regeln befolge, die denen in den USA ähnlich seien. Die Sicherheitsanforderungen richten sich danach, welches Virus man untersucht. Da bei Fledermausviren wie WIV1 noch nicht bestätigt wurden, dass sie beim Menschen Krankheiten verursachen, empfahl ihr eigenes Biosicherheitskomitee daher BSL-2 für die Entwicklung und das Testen dieser Viren – und BSL-3 für alle Tierversuche.

Als Antwort auf Fragen zu der Entscheidung, die Forschung unter BSL-2-Bedingungen durchzuführen, leitete Shis Kollege Peter Daszak wiederum eine Erklärung der EcoHealth Alliance weiter, in der es heißt, dass die Organisation die lokalen Gesetze der Länder, in denen wir arbeiten, "befolgen muss" und dass die NIH entschieden habe, "dass die Forschung kein Gain-of-Function ist". Es gibt jedoch rein gar nichts, das gegen strengere Sicherheitsvorkehrungen in einem solchen Labor spricht, und laut Baric machen diese Viren es auch nötig. "Ich würde nie argumentieren, dass WIV1 oder SHC014 in BSL-2 untersucht werden sollten, weil die Viren in primären menschlichen Zellen heranwachsen können", sagt er. "Es gibt ein gewisses Risiko, das mit diesen Viren verbunden ist. Wir haben keine Ahnung, ob sie tatsächlich eine schwere Krankheit beim Menschen auslösen könnten." Aber man sollte auf Nummer sicher gehen, meint er. "Wenn man Hundert verschiedene Fledermausviren untersucht, kann einem schon einmal das Glück ausgehen."

Seit Beginn der Pandemie hat Baric nicht viel über die möglichen Ursprünge des Virus oder über seine chinesischen Kollegen gesagt. Bei mehreren Gelegenheiten hat er jedoch leise auf Sicherheitsbedenken im WIV hingewiesen. Im Mai 2020, als nur wenige Wissenschaftler bereit waren, die Lab-Leak-Theorie in der Öffentlichkeit in Betracht zu ziehen, veröffentlichte er ein Paper, in dem er einräumte, dass "Spekulationen über ein versehentliches Entweichen aus dem Labor wahrscheinlich anhalten werden, angesichts der großen Sammlung von Fledermaus-Virom-Proben, die in den Laboren des Wuhan Institute of Virology gelagert werden, der Nähe der Einrichtung zu ersten Ausbrüchen und der Betriebsabläufe in der Einrichtung." Er wies auf die BSL-2-Arbeit von Daszak und Shi hin, falls jemand nicht verstanden haben sollte, was er damit meinte.

Die National Institutes of Health haben ebenfalls ihre Verbindungen zum Labor in Wuhan überdacht. Im April 2020 beendeten sie seinen Zuschuss an die EcoHealth Alliance für die Fledermausvirusforschung, angeregt durch die Trump-Regierung. In einem darauffolgenden Brief an Daszak vom 8. Juli bot man an, den Zuschuss wieder zu gewähren, aber nur, wenn die EcoHealth Alliance Bedenken ausräumen könnte, dass das WIV "in seinen Einrichtungen in China Forschungen durchführt, die ernsthafte Probleme hinsichtlich der biologischen Sicherheit" für andere Länder aufwerfen. Die NIH fügten hinzu: "Wir haben Bedenken, dass das WIV die Sicherheitsanforderungen im Rahmen der Förderung nicht erfüllt hat, und dass die EcoHealth Alliance ihren Verpflichtungen zur Überwachung der Aktivitäten ihres Partners nicht nachgekommen ist."

Der genetische Code von SARS-CoV-2 ähnelt nicht dem eines Virus, von dem bekannt war, dass das WIV es in ihrem Labor kultiviert hat, wie z.B. WIV1. Baric sagt, dass er immer noch glaubt, dass ein natürlicher Spillover die wahrscheinlichste Ursache ist. Aber er kennt auch die komplizierten Risiken der Arbeit gut genug, um einen möglichen Weg zu Problemen zu sehen. Deshalb schloss er sich im Mai diesen Jahres 17 anderen Wissenschaftlern in einem Brief in der Zeitschrift "Science" an und forderte eine gründliche Untersuchung des Labors seiner ehemaligen Kollegin und der dortigen Praktiken. Er will wissen, welche Barrieren es gab, um zu verhindern, dass ein Erreger in die 13-Millionen-Einwohner-Stadt Wuhan und möglicherweise in die ganze Welt eingeschleust wird. "Seien wir ehrlich: Es gibt unbekannte Viren im Guano oder in den Mundabstrichen, die oft in einem Pool gesammelt werden. Und wenn man versucht, ein Virus heranzuzüchten, kann man neue Stämme auf die Zellkulturen herabfallen lassen", sagt Baric. "Einige werden sich vermehren. Man könnte so rekombinante Stämme erhalten, die einzigartig sind. Und wenn das unter BSL-2 gemacht wurde, dann ergeben sich daraus Fragen, die man stellen möchte."

(bsc)