Cloud Computing der etwas anderen Art

Die Android-App PressureNet soll aus Smartphones ein weltweites Sensornetz für Luftdruckmessungen machen, mit dessen Hilfe Wettervorhersagen und Klimamodelle verbessert werden könnten.

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  • Nancy Gohring

Die Android-App PressureNet soll aus Smartphones ein weltweites Sensornetz für Luftdruckmessungen machen, mit dessen Hilfe Wettervorhersagen und Klimamodelle verbessert werden könnten.

Cloud Computing ist bekanntlich eine clevere Rechnerarchitektur, hat jedoch mit echten Wolken herzlich wenig zu tun. Dachten wir jedenfalls bislang. Die Android-App PressureNet nimmt den Begriff jedoch wörtlich: Sie nutzt die Smartphones, auf denen sie installiert ist, als Sensoren für den Luftdruck – und leitet künftig die Daten an Wissenschaftler weiter, die mit ihnen genauere Wettervorhersagen berechnen können.

Entwickelt wurde PressureNet bereits Ende 2011 von dem Flighthub.com-Programmierer Jacob Sheehy und dem Webdesigner Phil Jones. Ihre App nutzt die in viele Android-Geräte eingebaute Funktion zur Messung des Luftdrucks aus. Die hatte Google im Betriebssystem Android mit angelegt, um den Aufenthaltsort eines Nutzers besser bestimmen zu können. Auch andere Apps nutzen diese Funktion aus, doch erst aus PressureNet soll jetzt ein verteiltes Messnetzwerk werden.

Der erste, der diese Möglichkeit sah, war Cliff Mass, ein Meteorologe an der University of Washington. Er kontaktierte Sheehy und Jones vergangenes Jahr, ob er deren App-Daten in seine Klimamodelle einspeisen könne. Mass erhoffte sich mehr atmosphärische Daten, die die Vorhersage von schweren Gewittern oder Tornados erleichtern könnten.

So einfach ging es jedoch zunächst nicht. Sheehy und Jones hatten schließlich die App-Nutzer nie gefragt, ob sie deren Daten herausgeben könnten. Das soll nun die neue Version von PressureNet ermöglichen, die die beiden Entwickler vergangene Woche veröffentlicht haben. Die App-Nutzer werden nun in einem Pop-up-Fenster darüber informiert, dass die App regelmäßig Zeitpunkt, Ort und Luftdruck einer Messung speichert. „Wir leiten diese Daten nur gemäß Ihren Wünschen weiter. Denken Sie aber bitte daran, dass, falls Sie die Weiterleitung einschränken, Sie die Arbeit von Wissenschaftlern an Wettervorhersagen einschränken“, heißt es da.

Derzeit ist die App ein „Opt-Out“-Dienst: Per Voreinstellung gehen alle Messdaten an Sheehy und Jones sowie verschiedene Wetterdienste und Universitätsforscher. Nutzer müssen selbst auswählen, ob sie die Datenweitergabe auf bestimmte Gruppen beschränken oder ganz unterbinden.

Sheehy und Jones haben inzwischen auch eine Funktion programmiert, die die Daten in Echtzeit an die Empfänger leitet. Noch ist sie nicht in Betrieb. Derzeit kann nur Cliff Mass als einziger Test auf einen solchen Live-Feed zurückgreifen. „Wir wollen sicherstellen, dass alles funktioniert, und zuerst die Haken ausmerzen“, sagt Sheehy. Mass will die Daten zunächst mit seinen Studenten analysieren und kalibrieren, bevor sie in das Modell eingehen.

Auch andere Forscher und Wetterdienste sollen demnächst auf der Website von PressureNet ein kostenpflichtiges Schnittstellen-Programm (API) herunterladen können, mit dem sie die Live-Daten direkt in ihre Modelle einspeisen. Derzeit überlegen Sheehy und Jones noch, was dieser Dienst kosten soll. Die Tarife sollen je nach der Häufigkeit der Daten-Updates und dem Einzugsgebiet der Messungen variieren.

In der Fachwelt hat sich PressureNet bereits herumgesprochen. Ein Forscher aus Deutschland habe bereits angefragt, um die Luftdruck-Messdaten mit Messungen im Erdreich zu korrelieren, sagt Sheehy. Ein Meteorologe aus Brooklyn wolle die örtlichen Wettervorhersagen verbessern.

Damit die App ein Erfolg wird, müssen aber möglichst viele Nutzer sie installieren. Bislang ist sie weltweit auf 18.000 Geräten installiert, die zusammen genommen im Durchschnitt rund 6000 Messungen pro Stunden produzieren. Wirklich nützlich werde PressureNet aber erst, wenn Millionen Menschen es laufen lassen, sagt Mass.

(nbo)