Corona-Antikörpertests: Bye-bye, soziale Distanzierung?

Forscher weltweit wollen herausfinden, ob Menschen COVID-19 womöglich überstanden haben, ohne es zu merken. Was die Tests können – und was nicht.

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Corona-Antikörpertests: Bye-bye, soziale Distanzierung?

(Bild: CDC)

Von
  • Neel V. Patel

Wir müssten dringend herausfinden, wer sich bereits mit dem Coronavirus infiziert hat, seine Erkrankung womöglich nicht bemerkte und nun – mindestens für eine Weile – immun gegenüber SARS-CoV-2 ist. Seit Beginn des Ausbruchs arbeiten viele verschiedene Gruppen an serologischen Tests, die nach Antikörpern gegen das Virus Ausschau halten – ein Indiz dafür, dass eine Person infiziert war. Wäre ein solcher Test weitläufig verfügbar, könnte dies die Reaktion auf die Krise radikal ändern. Menschen, die immun sind, könnten ihre Häuser verlassen und zu einem normalen Leben zurückkehren. Unser Überblick zeigt, wie der aktuelle Stand der Dinge ist.

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Warum sollte man auf Antikörper testen?

Viele Infizierte durchleben nur milde oder moderate Symptome, die sich ziemlich schnell wieder verziehen. Da es noch immer nicht genügend Testkits auf aktive Coronavirus-Infektionen gibt – beziehungsweise nur bestimmte Bevölkerungsgruppen getestet werden –, hängen viele Menschen in der Luft. Sie können nicht überprüfen, ob sie womöglich einmal krank waren und deshalb nun immun, oder ob sie womöglich noch immer zu jener Gruppe gehören, die sich anstecken und das Virus dann weitergeben könnte. Hinzu kommt: Wenn wir nicht jeden testen können, haben wir auch keine Möglichkeit, die Frage zu beantworten, wie weit sich das Virus in der Bevölkerung verbreitet und wie hoch die tatsächliche Todesrate ist – und auch nicht, ob unsere Eindämmungsmöglichkeiten greifen.

Antikörpermassentests wären hier die Lösung. Sobald wir Näheres darüber wissen, wie Immunität auf das Coronavirus abläuft, könnten wir denjenigen, die die Infektion überstanden haben, das "all clear" geben. Sie sind dann nicht mehr selbst gefährdet und keine Gefahr für andere, könnten ins Arbeits- und öffentliche Leben zurückkehren. Das wäre insbesondere wichtig für Menschen in den Krankenhäusern, die Probleme haben, ausreichend Mitarbeiter zu finden – oder in systemkritischen Bereichen wie etwa der Stromversorgung.

Wie funktionieren Antikörpertests?

Sobald ein Erreger in den Körper eindringt, entwickelt das Immunsystem maßgeschneiderte Antikörper, die gegen die Infektion vorgehen. Antikörper bestehen lange – von einigen Jahren bis hin zur Lebenszeit, je nach Erkrankung. Während der Zeit der Immunität ist der Körper darauf vorbereitet, die Produktion dieser Antikörper anzufahren, sobald der Erreger erneut auftritt – und ihn sofort zu bekämpfen.

Ein Antikörpertest, auch serologischer Test genannt, analysiert das Serum des Menschen – der flüssige Teil des Blutes, dem Blutkörperchen und Gerinnungsfaktoren fehlen, aber die Antikörper nicht. Viele dieser Tests sind einfach und benötigen nur eine kleine Probe, etwa mittels Fingerpiks. Im Fall von Corona wird zumeist ein Verfahren verwendet, dass sich ELISA nennt ("enzyme-linked immunosorbent assay"). Dabei suchen die Techniker nach Antikörpern, die in Reaktion auf große Proteine agieren, die aus der Oberfläche des Virus herausstechen. Sind Antikörper vorhanden, binden sich diese an dieses "Spike"-Protein an. Weitere Antikörper, die sich an die ersten anbinden können, werden in die Lösung eingeführt. Nach einer Bindung wird ein Enzym aktiviert, dass dafür sorgt, dass sich die Farbe der Lösung ändert. Der Patient hat also die gesuchten Antikörper und damit mit hoher Wahrscheinlichkeit auch eine Corona-Infektion überstanden.

Was kostet der Antikörpertest?

Ein serologischer Test auf Coronaviren-Antikörper ist deutlich billiger als der PCR-Test, der nach genetischem Material sucht und derzeit zur Prüfung auf eine Infektion verwendet wird. Ein Beispiel aus den USA soll das beleuchten. Die kalifornische Firma Biomerica verkauft einen serologischen Test für unter 10 US-Dollar. Ein PCR-Test für COVID-19 kann 51 Dollar kosten, wenn er über das US-Versicherungssystem Medicare abgerechnet wird.

Wie schnell ist der Antikörpertest?

Man bekommt das Ergebnis eines serologischen Tests nach Minuten. Mehrere Forschergruppen arbeiten an einer Version, die man sogar zuhause einsetzen kann, ohne dass Proben an ein Labor geschickt werden müssten. Ein PCR-Test braucht hingegen Stunden und weil Proben zum Labor geschickt werden müssen, warten Patienten häufig mehrere Tage. Mobile Tests werden zwar langsam ausgerollt, aber das könnte noch eine Weile dauern. Bestenfalls könnte die Testdauer dann auf 15 Minuten schrumpfen.

Wer arbeitet an Antikörpertests?

Viele Wissenschaftler in vielen Ländern. Singapur, China und andere Weltregionen haben erste Testreihen durchgeführt. Eine Gruppe, die der Virologe Florian Krammer an der Icahn School of Medicine am Krankenhaus Mount Sinai in New York City leitet, entwickelte kürzlich einen ELISA-basierten Antikörpertest auf COVID-19. Amerikanische Firmen wie Biomerica oder Chembio Diagnostics verkaufen Antikörpertests bereits außerhalb der USA oder versuchen gerade, Zertifizierungen zu bekommen. BioMedomics aus North Carolina hat einen Praxistest entwickelt, der Ergebnisse nach 15 Minuten verspricht. Großbritannien hat einen eigenen Test, den Public Health England herausgeben wird – er soll über Amazon und Apotheken im ganzen Land verteilt werden.

Wo liegen die Grenzen der Antikörpertests?

Da wir immer noch nicht wissen, wie lang eine COVID-19-Immunität anhält, ist die Präsenz von Antikörpern keine Garantie dafür, dass man sich niemals wieder anstecken könnte. Gleichzeitig lassen sich Antikörper nicht verwenden, um zu bestimmen, ob eine Person derzeit noch ansteckend ist – ein nachfolgender PCR kann notwendig sein, um dies auszuschließen. Mit anderen Worten: Man möchte stets ein positives Ergebnis für die Immunität durch den Antikörpertest haben (und zwar auch eine ganze Zeit lang, nachdem die Infektion überstanden ist), aber ein negatives Ergebnis auf das Virus selbst durch einen PCR-Test.

Außerdem gibt es noch große Fragen zur Genauigkeit serologischer Tests. PCR-Tests haben, trotz all ihrer Nachteile, eine hohe angenommene Akkuratheit. Bei Antikörpertests könnte man jedoch positiv getestet werden, obwohl man nicht COVID-19 überstanden hat, sondern Antikörper für andere Coronaviren zeigt (etwa die einer normalen Erkältung).

Zwei Patienten könnten sich infiziert haben und sich gleichzeitig erholen, doch beide müssen nicht gleichlang positive Antikörpertests aufweisen. Weiterhin gibt es außerdem ein großes Unsicherheitsfenster, weil es eine Woche oder länger dauern kann, bis der Körper nach einer Infektion Antikörper gegen das Virus generiert. Läuft die Infektion, könnte das Ergebnis ebenfalls ungenau sein. Und eine Genauigkeit von nur 80 Prozent könnte einer von fünf Personen ein falsches Ergebnis liefern.

(bsc)