Corona-Impfstudie: Warum ich mitmache

In den USA beginnt die frühe Erprobung eines Impfstoffs gegen Covid-19 an Menschen. Ein Teilnehmer erzählt, warum er sich zum Mitmachen entschlossen hat.

Lesezeit: 4 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 19 Beiträge
Corona-Impfstudie: Warum ich mitmache

(Bild: Photo by Dimitri Houtteman on Unsplash)

Von
  • Antonio Regalado

Um das neue Coronavirus zu stoppen, wird ein Impfstoff gebraucht – und zwar möglichst bald. Mehrere Kandidaten dafür werden bereits entwickelt. Der erste, der jetzt bei Menschen getestet wird, stammt von Moderna Therapeutics. Mit seiner Technologie konnte das Unternehmen so schnell einen Impfstoff in die klinische Erprobung bringen wie wohl nie zuvor.

Der erste Schritt, der bereits begonnen hat, ist eine Sicherheitsstudie, in der überprüft wird, ob der Impfstoff gefährlich ist und tatsächlich eine Immunreaktion auslöst. Im März wurden 45 Freiwillige gebeten, sich in einem Krankenhaus von Kaiser Permanente in Seattle zu melden. Dort mussten sie eine 20-seitige Einwilligungserklärung unterschreiben, in der sie die Risiken anerkennen und bestätigen, dass die Impfung ihnen wahrscheinlich nicht helfen wird. Außerdem wird ihnen in den kommenden Monaten mehrmals Blut abgenommen, ihre genetischen Informationen werden ausgewertet und sie sollten sich während der Studie nicht fortpflanzen.

Einer der Teilnehmer ist Ian Haydon, ein Kommunikationsspezialist an der University of Washington. Im Gespräch mit der US-Ausgabe von Technology Review erzählte er, warum er sich an der Studie beteiligt und wie er dafür ausgewählt wurde.

Technology Review: Sie gehören zu den 45 Personen in Seattle, die als erste eine versuchsweise Coronavirus-Impfung bekommen werden. Warum haben Sie sich dazu entschieden?

Haydon: Gute Frage. Ich bin Spezialist für öffentliche Information an der University of Washington, vor allem für das Institute of Protein Design, das an Covid-19 forscht. 35 Personen in dem Labor betreiben Impfstoff-Forschung, der Rest bleibt zuhause. Ich habe noch nie an einer solchen Studie teilgenommen, aber schon viele begleitet. Die Vorstellung, mich jetzt auf eine andere Weise einzubringen, kam mir richtig vor.

Wann bekommen Sie die Impfung?

Am 8. April um 9 Uhr morgens und ungefähr einen Monat später eine zweite Dosis.

Wie wurden Sie für die Studie ausgewählt?

Das war hauptsächlich Zufall. Ich habe von einem Labor-Kollegen von der Studie gehört – er hat auf Slack geteilt, dass Teilnehmer gesucht werden. Ich habe meine Gesundheitsdaten eingereicht, Sachen wie Krankheitsgeschichte und Alter. Ich hatte gar nicht erwartet, wieder davon zu hören – es gab tausende Anmeldungen. Aber dann kam eine Antwort. Ich ging für Tests und Blutproben ins Krankenhaus und bekam die Studie erklärt. Ich wurde gefragt, ob ich noch interessiert sei, und ich sagte Ja und unterschrieb.

Bereuen Sie das schon?

Nein, ich habe mich über den Anruf gefreut.

Wie alt sind Sie?

29 Jahre.

Haben Sie mit Ihren Eltern über die Studie gesprochen?

Ich habe meinen Eltern gesagt, dass ich zu den Tests gehe, ungefähr zur selben Zeit wie meiner Freundin. Ich glaube, meine Eltern sind stolz auf mich. Meine Mutter macht sich vielleicht etwas Sorgen, was ich verstehen kann.

Was sind Ihrer Meinung nach die Risiken?

Ich denke, es gibt ein paar kleinere Bereiche. Erstens gibt es die Gefahr eines anaphylaktischen Schocks – so etwas kann bei wenigen Menschen passieren, nicht nur in dieser Studie. Ein weiterer Faktor, bei dem aber noch nicht klar ist, ob er auch bei Covid-19 eine Rolle spielt, ist eine Infektionsverstärkung durch Antikörper – wahrscheinlich wird das in der Studie mit überprüft. Und drittens gibt es unerwartete Risiken wie bei jedem Impfstoff, vor allem wenn er auf neuer Technologie basiert.

Wie funktioniert die Impfung?

Es handelt sich um einen mRNA-Impfstoff. Darin befindet sich ein Teil des genetischen Codes des Virus innerhalb eines Lipid-Nanopartikels – im Grunde eine Fettkugel. Wenn er Patienten wie mir injiziert wird, soll er das Protein produzieren, in diesem Fall das Spike-Protein des Coronavirus. Dadurch soll mein Immunsystem zu einer Reaktion gebracht werden, sodass es Antikörper produziert. Der Impfstoff liefert das genetische Material, nicht direkt das Protein.

Wie schnell werden Sie Antikörper ausbilden?

Das wird während der Studie beobachtet, mehr als ein Jahr lang. Bei jedem Besuch werden meine Antikörper und die Immunzellen untersucht.

Haben Sie sich selbst über die Technologie informiert?

Ja, ein bisschen. Ich habe verstanden, dass diese Lipid-Plattform für die Impfung schon einige Phase-1-Studien für andere Infektionen als Corona durchlaufen hat. Gemerkt habe ich mir eine Aussage der Ärzte dazu: Jeder dritte Patient, der einen mRNA-Impfstoff bekam, hatte für den Rest des Tages Schmerzen, die eine normale Tätigkeit unmöglich machten. Daran denke ich.

Was sagen Sie zu Moderna, dem Unternehmen hinter der Studie?

Ich finde die Technologie beeindruckend und bin froh, dass sie getestet wird. Sie könnte eine wichtige Plattform nicht nur für das Coronavirus werden, sondern für viele Krankheiten. Dass ein Unternehmen inmitten einer Pandemie entscheidet, einen Coronavirus-Impfstoff zu entwickeln und an Menschen zu testen, ist bemerkenswert. Moderna scheint hier viel aufs Spiel zu setzen, und ich hoffe, dass es funktioniert.

Wie viel bekommen Sie für Ihre Teilnahme?

Ich glaube, 100 Dollar pro Termin, also insgesamt etwa 1000 Dollar.

Sind Sie persönlich von Covid-19 betroffen?

Wie bei jedem anderen hat die Pandemie mein Leben auf den Kopf gestellt – man arbeitet zuhause, ist isoliert. Die ganze Erfahrung hat einen Teil der Grenzen zwischen meinem Privat- und Berufsleben eingerissen, vielen anderen geht es auch so. Ich weiß, dass sich viele Wissenschaftler an der Universität freiwillig gemeldet haben, um klinische Proben zu analysieren. Das ist eigentlich nicht ihre Aufgabe. Die Leute verändern ihre Arbeit. Ich habe nichts mit der Infektion selbst zu tun, aber spüre sie überall um mich herum.

Laut den Unterlagen dauert die Studie 14 Monate. Warum so lang – brauchen wir eine Antwort nicht früher?

Ich habe gehört, dass man vielleicht schon nach 3 Monaten genug über die Sicherheit wissen wird. Wenn das geklärt ist und das Coronavirus dann immer noch ein so großes Problem darstellt, würde ich erwarten, dass die Studien der Phase 2 vorgezogen werden. Aber solche klinischen Studien lassen sich nicht unbegrenzt beschleunigen – noch nie kam ein neuer Impfstoff-Kandidat schneller in die Erprobung an Menschen als der aktuelle. Hektik spüre ich aber nicht. Jeder, mit dem ich zu tun hatte, war ruhig und extrem professionell.

Sehen Sie eine Chance, dass die Impfung Sie schützt?

Das halte ich für möglich. Aber unter anderem werden in der Studie unterschiedlich hohe Dosierungen getestet. Also gehe ich nicht davon aus, dass ich eine schnelle Immunität bekommen werde.

In der Einwilligung heißt es sehr deutlich, dass jeder Teilnehmer Verhütung praktizieren soll. Was hat es damit auf sich?

Das habe ich mich auch gefragt und ich habe ein paar Theorien dazu. Ich wurde sogar gebeten, zu versprechen, dass ich verhüte. Vielleicht ist es so: Weil es sich um einen genetischen Impfstoff handelt, soll ausgeschlossen werden, dass eine neue Generation von Kindern mit mRNA-Impfstoff auf die Welt kommt.

Sie meinen, die DNA könnte in Ihrer Keimbahn enden, in Ihren Spermien?

Ich spekuliere nur. Ich denke, entweder Aufsichtsbehörden oder Moderna selbst sehen diese Möglichkeit und wollen sie ausschließen. Ob es einen molekularen Mechanismus gibt, der das möglich macht, oder nicht, kann ich nicht sagen. Aber es kommt mir vernünftig vor, es nicht zu riskieren.

Wie ist es, zu wissen, dass man sehr direkt helfen wird?

Ich schätze mich glücklich, in dieser Position zu sein. Ich habe das Glück, gesund genug für die Teilnahme zu sein. Ich hatte das Glück, aus einem großen Pool ausgewählt zu werden, und ich hoffe, dass andere in meiner Lage sich auch melden und mitmachen würden.

Vor kurzem haben wir über die Möglichkeit geschrieben, Impfstoff-Studien zu beschleunigen, indem Studienteilnehmer vom Virus herausgefordert werden – sie werden also absichtlich infiziert. Wären Sie auch dazu bereit?

Man sollte erwähnen, dass es bei dieser Studie nicht so sein wird. Aber diese Frage wird mir häufig gestellt: Bekommen Sie Kontakt mit dem Virus? Das ist eine interessante Diskussion. Ich weiß nicht, ob es verantwortungsbewusst wäre, aber ich habe darüber nachgedacht. Wenn mein Immunsystem laut Tests in einer Verfassung ist, die eine robuste Reaktion erwarten lassen, und wenn überzeugend argumentiert würde, dass eine Virus-Herausforderung medizinisch nützlich ist, würde ich mir diese Argumente zumindest anhören.

Und was würde Ihre Mutter dazu sagen?

Ich denke, dann würde Sie sich wahrscheinlich ebenfalls Sorgen machen.

(sma)