Corona-Pandemie: Hohe Infektionszahlen bedeuten auch mehr Long-Covid-Fälle

Wie Long Covid entsteht, ist bisher kaum verstanden. Klar ist aber: Auch eine Impfung schützt nicht davor. Long Covid wird uns somit noch lange begleiten.

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(Bild: narongpon chaibot/Shutterstock.com)

Von
  • Rainer Kurlemann

Long Covid ist die große Ungewissheit der Corona-Pandemie. Denn seit einiger Zeit ist klar, dass das Virus nicht nur eine akute Infektion auslöst, sondern bei den Betroffenen auch über einen längeren Zeitraum gesundheitliche Einschränkungen erzeugen kann. Hinter Long Covid steckt aber kein eindeutiges Krankheitsbild, sondern eine bunte Palette von Beschwerden, die in unterschiedlicher Häufigkeit und Intensität und selten gemeinsam auftreten.

Die Patienten berichten sehr häufig über Müdigkeit (Fatigue), Kurzatmigkeit, Leistungseinschränkung, Kopfschmerzen und Störungen im Geruchs- und Geschmackssinn. Zudem klagen sie über Husten, Schlafstörungen, depressive Verstimmung, Angstsymptomatik, Schmerzen, Konzentrationsstörungen, Hautveränderungen und Haarausfall.

Die Erkrankung spielt eine große Rolle. Ende Oktober alarmierte eine Studie des Zentrums für Evidenzbasierte Gesundheitsversorgung der Uni Dresden. Dort wurden die Krankenkassendaten von mehr als 150.000 Personen mit nachgewiesener COVID-19-Erkrankung unter Bezug auf eine Gruppe von 750.000 vergleichbaren Menschen ausgewertet. Demnach werden nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bei Kindern und Jugendlichen, mehr als drei Monate nach der COVID-19-Diagnose deutlich mehr neue Symptome und Erkrankungen diagnostiziert als in der Vergleichsgruppe. Die Rate lag bei den Corona-Fällen um mehr als 30 Prozent höher, Erwachsene sind stärker betroffen als Kinder und Jugendliche.

Welcher Anteil der Corona-Infizierten auch drei Monate nach der Infektion noch Symptome aufweist, ist noch nicht genau bekannt. Das Post-Covid-Zentrum der Charité in Berlin berichtet, dass vier Wochen nach Infektionsbeginn noch etwa 20 Prozent und nach sechs Monaten noch etwa 10 Prozent an Symptomen leiden. Andere Studien finden höhere Werte. Die Kölner Uni-Klinik berichtet, dass 35 Prozent der Covid-Infizierten nach sieben Monaten mindestens noch eines der Symptome aufweisen, die besonders typisch für Long Covid sind: Kurzatmigkeit, schnelle Erschöpfung oder Geruchs- und Geschmacksstörungen.

Sicher ist, dass solche Langzeitfolgen sowohl nach leichten als auch nach schweren Verläufen auftreten. Selbst eine vollständige Impfung schützt nicht unbedingt vor Long Covid, wenn sich ein Geimpfter infiziert. Viele Experten fordern deshalb die Politik auf, Long Covid in die Risikobewertung aufzunehmen, als ergänzendes Kriterium zu den aktuellen Inzidenzen und die Belegung der Intensivstationen. Auch die Ampelkoalition hat reagiert. Sie will eine bedarfsgerechte Versorgung sicherstellen und die Langzeitfolgen von COVID-19 mit einem deutschlandweiten Netzwerk erforschen lassen, heißt es im Koalitionsvertrag.

Dass Infektionskrankheiten auch langanhaltende Beschwerden auslösen können, ist vor allem bekannt durch das Pfeiffersche Drüsenfieber (Infektiöse Mononucleose), das mehr als sechs Monate dauern kann. Auch der Erreger der ersten SARS-Epidemie 2002 zeigte diesen Effekt. Trotzdem ist die Entstehung von Long Covid kaum verstanden. Experten unterscheiden mehrere Formen. Am einfachsten zu erklären sind Langzeitfolgen, die nach schweren Verläufen entstehen. Wenn Patienten ins Krankenhaus eingeliefert werden, weil die Lunge schwer geschädigt ist oder sie sogar mit einer Beatmungsmaschine versorgt werden müssen, dauert es lange, bis die Lunge wieder die alte Leistungsfähigkeit erreicht. Manche Patienten, die schon zuvor an chronischen Erkrankungen litten, werden durch die Infektion so stark beeinträchtigt, dass sich ihre Lebensqualität dauerhaft verringert.

Doch viel rätselhafter sind die Long Covid-Fälle, die nach einem eher harmlosen Verlauf der Erkrankung entstehen. Forschende wissen, dass Covid nicht nur eine Lungenerkrankung ist, auch wenn die Infektion sich dort meistens am stärksten ausprägt. Das Virus kann an sehr vielen Stellen im Körper aktiv werden. Um in die Zellen einzudringen, benutzt SARS-Cov-2 den Eintrittsrezeptor ACE2, der in vielen Geweben vorkommt. So kann das Virus komplexe Schädigungen verursachen. Es greift die Innenhaut der Blutgefäße an, es führt zu einer Fehlregulation des Immunsystems, die sich durch Entzündungen oder Autoimmunerkrankungen ausprägen. Es verändert die Zusammensetzung der weißen Blutkörperchen, begünstigt die Entstehung von Gerinnungsstörungen wie Thrombosen und Embolien. Wenn der Geruchssinn geschädigt wird, liegt es daran, dass die Zellen der Riechschleimhaut infiziert werden, haben Forschende am Max-Planck-Institut für Neurogenetik entdeckt. Fast jeden Monat melden Forschergruppen neue Erkenntnisse zu Long Covid. Eine spezifische Therapie gibt es derzeit nicht, die Mediziner können nur die Symptome behandeln.

Nicht zu vernachlässigen ist allerdings auch, dass die Psyche bei Long Covid eine Rolle spielen kann. Die seit 2012 laufende Kohortenstudie Constances aus Frankreich liefert ein gutes Beispiel, wie Selbstwahrnehmung trügen kann. Die Forschenden befragten 26.823 Freiwillige nach einer Covid-19-Erkrankung. 914 Menschen gaben an, dass sie glauben, dass sie sich mit Corona infiziert hätten, aber wohl einen leichten Verlauf hatten. Jeder Siebte aus dieser Gruppe berichtete über Müdigkeit und Erschöpfung als bleibende Nachwirkung. Als die Forschenden diese Gruppe auf Antikörper gegen das Virus untersuchten, fanden sie heraus, dass sich nur etwa die Hälfte tatsächlich infiziert hatte.

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Studienleiterin Joane Matta von der Universität Paris vermutet, dass einige der anhaltenden körperlichen Symptome nach einer COVID-19-Infektion eher mit dem Glauben an eine Infektion als mit einer im Labor bestätigten Erkrankung zusammenhängen. Per Zufall hatten die französischen Forscher nämlich eine passende Vergleichsgruppe gefunden. 638 Teilnehmende hatten laut Laborbefund Corona durchgemacht, aber es nicht bemerkt. In dieser Gruppe berichteten nur etwa drei Prozent von anhaltender Müdigkeit. Nur bei einem Symptom stimmten in beiden Gruppen eigene Wahrnehmung und Befund im Labor überein. Die Menschen, die über den Verlust von Geruch und Geschmack klagten, hatten auch eine Infektion durchgemacht.

Klar ist, dass die Pandemie nicht nur bei den Infizierten ihre langfristigen Folgen hinterlässt. Die Zahl der Depressionen, Essstörungen und Zwangserkrankungen hat sich während der Pandemie massiv verschlimmert. Während des Lockdowns bis in das Frühjahr 2021 habe die psychische Gesundheit zunehmend gelitten und den bisherigen Tiefpunkt im Verlauf der Pandemie erreicht, berichten Wissenschaftler der Forschungsgruppe Soziale Neurowissenschaften der Max-Planck-Gesellschaft.

(jle)