Corona-Trend: Die Sterberate sinkt

Ende April erreichte die COVID-19-Sterberate in vielen Ländern ihren bisherigen Höhepunkt. Seither sinkt sie und für Experten sticht ein möglicher Grund hervor.

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(Bild: Photo by Javier Matheu on Unsplash)

Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

Als sich das neue Coronavirus (SARS-CoV-2) am Jahresanfang über die ganze Welt ausbreitete und die Zahl der Infizierten schnell exponentiell wuchs, stiegen die COVID-19-Sterberaten in vielen westlichen Ländern wie Italien, Großbritannien und den USA zunächst stark an. Sie erreichten zwischen Ende April und Mitte Mai ihren bisherigen Höhepunkt (siehe Grafik).

Deutschlands Anstieg war dabei vergleichsweise niedrig. Der Grund für die höheren Sterberaten war hauptsächlich, dass viel mehr ältere Menschen erkrankten, bei denen die Infektion oft schwerer verläuft. Zudem wurden anfangs meist nur Infizierte mit Symptomen getestet, sodass die Statistik viele jüngere Menschen, die kaum oder gar keine Symptome zeigten, gar nicht erfasste.

Weil die Sterberaten vor allem in Europa und in den USA trotz steigender Neuansteckungen wieder sinken und sich etwa laut den Daten der Online-Plattform "Our World in Data" auf einem niedrigen einstelligen Bereich eingependelt haben, lohnt sich ein Blick auf die möglichen Ursachen. Diese sind vielfältig, allerdings sticht für viele Experten ein Hauptgrund hervor. „Der im Moment zu beobachtende Rückgang des Anteils der Verstorbenen unter den berichteten Fällen [in Deutschland, Anm. d. Redaktion] ist vornehmlich durch den relativ hohen Anteil an jüngeren Menschen unter den neu diagnostizierten Fällen zu erklären, von denen relativ wenige schwer erkranken und versterben“, schreibt das Robert-Koch-Institut (RKI) in seinem COVID-19-Lagebericht vom 8. September.

Die Sterblichkeitsrate der Kontinente sowie einiger europäischer Länder und der USA im Zeitverlauf

Dazu trügen zweitens auch die gestiegenen Testzahlen und zu einem geringeren Anteil auch das seit einigen Monaten vermehrte Testen von asymptomatischen Menschen bei – und wie Kontakte von Infizierten getestet werden, so das RKI weiter. Seit Anfang September sinke auch der wöchentliche Rückstau in den Testlaboren wieder, die durch Lieferproblemen bei Testreagenzien verursacht wurden. Werden die Proben schneller bearbeitet, lassen sich die Zahl der Infizierten und der Todesfälle aktueller und präziser bestimmen und daraus die Sterberate berechnen.

Für die Sterberate (case fatality rate, CFR) teilte man die Zahl der bestätigten Covid-19-Todesfälle durch die Zahl der bestätigten COVID-19-Fälle. Das Resultat ist eine Näherung, da etwa asymptomatische Infizierte bei den Fallzahlen nicht erfasst werden und vor allem in den ersten Wochen der Pandemie untypische Covid-19-Todesfälle – wie durch die gestörte Blutgerinnung ausgelösten Schlaganfalle, Herzinfarkte und Lungenembolien – nicht als solche erkannt wurden. Die Sterberate kann je nach Ort und Umständen wie erhöhte Testkapazitäten variieren. Diese Sterberate ist nicht zu verwechseln mit der tatsächlichen Todesrate (infection fatality rate, IFR), die sich derzeit nicht berechnen lässt, weil man dafür alle Todes- und alle Infektionsfälle kennen müsste.

Mehr junge Infizierte und gestiegen Testkapazitäten zählt auch Jennifer Dowd zu den Hauptgründen der gesunkenen Sterberate in Großbritannien. Hinzu komme „die verbesserte Intensivversorgung schwerer Fälle, da hat es definitiv eine Lernkurve gegeben“, sagt die Demografin und Epidemiologin von der University of Oxford. „Es gibt Evidenz dafür, dass die Sterberate auf den Intensivstationen gesunken ist.“ So meldeten etwa die University of Bristol und der Royal United Hospitals Bath NHS Trust Mitte Juli in einer Meta-Analyse im Fachjournal „Anesthaesia“, dass die Intensivstation-Corona-Sterberaten in Europa, Nordamerika und Asien im untersuchten Zeitraum von Ende März bis Ende Mai um ein Drittel von 59,9 Prozent auf 41,6 Prozent gefallen ist.

Welche Behandlungen konkret dazu beigetragen haben, sei bisher wenig untersucht, betont Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). „Relativ klar belegt ist der Vorteil von Kortikosteroiden bei beatmeten Patienten“, sagt Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Medizin am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler. Vorläufige Ergebnisse einer britischen Studie, die noch nicht in einem Peer-Review-Journal erschienen sind, hätten eine 36-prozentige relative Risikoreduktion der Sterblichkeit gezeigt, wenn Patienten das entzündungshemmend und immundämpfend wirkende Mittel erhalten. „Das ist schon enorm viel“, sagt Janssens. Bei Patienten, die Sauerstoff per Maske bekamen, senkte die Behandlung mit dem Corticosteroid Dexamethason die Sterberate um relative 18 Prozent.

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Auch Blutverdünner „setzt man sicherlich bei allen Patienten als Thromboseprophylaxe ein, weil man erkannt hat, dass SARS-CoV-2 die Gerinnungsneigung erhöht“. Gespannt warteten Ärzte auch auf Daten über den monoklonalen Antikörper Tocilizumab, der das Risiko eines Zytokinsturms, also einer lebensbedrohlich überschießenden Immunreaktion, senken soll. „Wir haben insgesamt auch gelernt, viel engmaschiger auf die Patienten zu schauen, um Verschlechterungen auch dann schnell zu erkennen, wenn es ihnen scheinbar gut geht“, erklärt Janssens.

„Wir schauen vor allem mit bildgebenden Verfahren wie Computertomografie, ob die Lunge schon schwer betroffen ist.“ Nicht zuletzt spiele das veränderte Verhalten der Bevölkerung eine positive Rolle. Man schütze die Älteren und immunsupprimierten chronisch Kranken, „deshalb sehen wir die viel weniger“. Obwohl sich viele über die Sicherheitsmaßnahmen beklagen, hielten sich die meisten daran, wenn auch nicht mehr so durchgehend wie früher.

Ganz genau wird man die Sterberaten erst mit einigem zeitlichen Abstand bestimmen können, sagt der US-Demograf Andrew Noymer von der University of California in Irvine. In den USA dauerte die Aufarbeitung und Ursachenprüfung für die Sterblichkeitsstatistik von 2018 rund 13 Monate. Die Daten erschienen Ende Januar dieses Jahres.

Abzuwarten bleibt, welchen Einfluss die in vielen europäischen Ländern wieder steigenden Covid-19-Infektionsfälle auf die Sterberate haben werden. „Sollten sich wieder vermehrt ältere Menschen infizieren, muss auch mit einem Wiederanstieg der Hospitalisierungen und Todesfälle gerechnet werden“, schreibt das RKI.

(vsz)