Corona-Warn-Apps: Lebensretter oder nicht?

Oxford-Forscher sind sich sicher: Schon bei geringer Bevölkerungsbeteiligung hilft die digitale Kontaktverfolgung, die Verbreitung des Virus einzudämmen.

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(Bild: Photo by Daniel Romero on Unsplash)

Von
  • Patrick Howell O'Neill

Diese Frage könnte über Leben und Tod entscheiden: Sind Corona-Warn-Apps wirklich in der Lage, Menschen bei einem Risikokontakt zu warnen, damit potenziell ihr Leben zu retten – oder werden mit der Technik nur Ressourcen verplempert? Eine neue Studie der Oxford University in Zusammenarbeit mit Google kommt zu dem Schluss, dass Kontaktverfolgungsprogramme Infektionen, Krankenhauseinweisungen und Todesfälle tatsächlich reduzieren –, und zwar sogar weitgehend unabhängig davon, von wie vielen sie genutzt werden.

Das zeigt, dass die Technik als Ergänzung zu anderen Eindämmungsmaßnahmen wie Social Distancing und manueller Kontaktverfolgung wirken kann. "Der Hauptbefund der Studie ist, dass die digitale Kontaktverfolgung Teil des Interventionsprogramms sein muss", sagt Co-Autor Rob Hinch, Senior Researcher am Nuffield Department of Medicine der Oxford-Universität. "Selbst bei geringem Einsatz können [die Apps] bedeutsame Beiträge leisten. Es ist wichtig, sie als Grundsäule eines größeren Maßnahmenpakets zu betrachten."

Laut dem Model der Oxford University reduzieren die Warn-Apps Infektionsraten auf allen Ebenen, unabhängig davon, wie rege die Beteiligung ist. An der digitalen Kontaktverfolgung teilzunehmen und im Fall einer Risikobegegnung benachrichtigt zu werden, ist sehr viel einfacher geworden: Apple und Google haben kürzlich angekündigt, dass Gesundheitsbehörden mittels iOS und Android eine direkte Kontaktverfolgung nutzen können, ohne dass es eigene Apps braucht. Das spart Ressourcen.

iPhone-Nutzer müssten nur kurz auf den Bildschirm klicken, um am Contact Tracing teilzunehmen, und Android holt sich nach User-Genehmigung automatisch den notwendigen Code. Diese Vereinfachungen soll die Beteiligungsrate höherschnellen lassen – dann, meinen die Oxford-Forscher, würde die Infektionsrate des Coronavirus signifikant beeinflusst werden. Noch wurde die Oxford-Studie allerdings nicht von unbeteiligten Experten begutachtet.

Ausgestattet mit einer Menge neuer Pandemie-Daten sowie einem besseren Verständnis von Apples und Googles Risikobenachrichtigungssystem, entwarfen die Forscher drei verschiedene Modelle und testeten sie probeweise für den US-Bundesstaat Washington. Mittels Simulationen versuchten sie die Wirkung der digitalen Warn-Tools abzuschätzen, und schauten sich dafür changierende Bevölkerungsbeteiligungen von 15 Prozent bis 75 Prozent an (letzteres entspricht dem effektiven Bevölkerungsanteil aller US-amerikanischen Smartphone-Nutzer).

Das Ergebnis: Wenn 75 Prozent aller Menschen die App benutzen, könnte das die Todesfälle um bis zu 78 Prozent verringern, die Infektionsrate gar um 81 Prozent. Doch selbst eine Nutzung von 15 Prozent in der Bevölkerung könnte 11,8 Prozent weniger Todesfälle bedeuten und 15 Prozent weniger Infektionen. Über die Dauer des 300-Tage-Modells zeigte sich: Tausende von Leben könnten gerettet werden. Die Autoren der Studie hoffen, dass die Simulationen verdeutlichen, welche Rolle die digitale Technik in der Pandemie-Bekämpfung spielen könnte.

In den zehn Monaten, die seit dem ersten COVID-19-Fall vergangen sind, gab es Dutzende von technologischen Lösungsvorschlägen, um das Virus zu bekämpfen, doch wird bislang kaum verstanden, welche der Ansätze wirklich erfolgversprechend sind.

Frühere Studien über digitale Kontaktverfolgung wurden verzerrt dargestellt. Die Interpretation einer früheren Oxford-Studie vom April 2020 ließ viele glauben, dass wenigstens 60 Prozent der Bevölkerung eine Warn-App nutzen müssten, bevor eine Wirkung eintreten könnte. Da es kein Land gab, das diese Rate erreicht hätte, hielten Beobachter die Apps für gescheitert.

Tatsächlich aber kam bereits die April-Studie zum gegenteiligen Schluss: Schon ein kleines Beteiligungsmaß in der Bevölkerung kann Leben retten, zumindest in Kombination mit anderen Präventions- und Eindämmungsmaßnahmen wie Abstandhalten, Masken, effektiven Schnelltests, Lockdowns und medizinische Eingriffe. Jüngere Untersuchungen des University College London kamen zu ähnlichen Ergebnissen: Digitale Tools sind effektiv, wenn sie weitere Gegenmaßnahmen erweitern.

Auch in Irland und Deutschland wird die digitale Kontaktverfolgung als Erfolg bewertet. In beiden Ländern liegt die Annahme in der Bevölkerung etwas unter 60 Prozent, doch lassen sich erste Erfolge an unterbrochenen Infektionsketten und geretteten Leben messen. "Wir freuen uns zu sehen, dass Kontaktverfolgungs-Apps im Vereinigten Königreich und in den USA das Potential haben, die Zahl der Infektionen, Krankenhauseinweisungen und Todesfälle bei allen Beteiligungsgraden und durch die Bevölkerung hindurch zu reduzieren", sagt Christophe Fraser vom Department of Health der Oxford University.

Die neue Studie untersuchte auch den Einfluss von manueller Kontaktverfolgung. Auch hier zeigte sich, dass die effektivste Strategie die verschiedenen Interventionsmöglichkeiten kombinieren muss. Digitale und manuelle Kontaktnachverfolgung funktionieren dann am besten, wenn gleichzeitig weiter Abstand gehalten wird. Im Ergebnis müssen dann weniger Menschen in Quarantäne und schnelle Lockerungen werden weitaus wahrscheinlicher.

(bsc)