Corona-Warn-Apps weltweit: Zwang, wenig Transparenz und Missbrauchsgefahr

International fahren Länder sehr unterschiedliche Strategien beim COVID-19-Tracking. Nicht immer wird die Privatsphäre respektiert.

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Corona-Hinweis in Singapur.

(Bild: Photo by Shawn Ang on Unsplash)

Von
  • Bobbie Johnson

Nicht überall ist es wie in Deutschland: In vielen Ländern, in denen Kontaktverfolgungs-Apps gegen die Verbreitung des Coronavirus eingesetzt werden, wurde zunächst nur wenig Rücksicht auf den Datenschutz genommen. Teilweise gibt es hier Verbesserungen, teilweise überhaupt nicht.

Das zeigt das Projekt "Covid Tracing Tracker" (CTT) der US-Ausgabe von Technology Review. Der CTT startete im vergangenen Mai und überprüft seither regelmäßig, wie die Kontaktverfolgung auf der ganzen Welt umgesetzt wird. Erst kürzlich mussten einige Einträge erneuert werden, da signifikante Veränderungen festgestellt wurden, wie die internationalen Apps persönliche Daten verwenden und speichern.

Singapur ist das erste Land, indem ein bedeutendes Kontaktverfolgungssystem eingeführt wurde und seine "TraceTogether"-Technik wurde von vielen Ländern übernommen. Doch wenngleich die Verwendung des Programms anfangs freiwillig war, hat sich das nach und nach verschoben, je mehr die Pandemie weltweit um sich griff und die Infektionszahlen stiegen. Etwa 45 Prozent der 5,6 Millionen Einwohner des Landes nutzen aktuell TraceTogether – und das Land hat die App mit seinem digitalen Check-in-System namens "SafeEntry" verbunden, mit dem die Bewegungskoordinaten von Menschen beobachtet und Kontakte zur Corona-Nachverfolgung gespeichert werden.

Die Regierung plant, die Verwendung dieser Systeme bis Ende Dezember verpflichtend zu machen. Einwohner müssen dann die Smartphone-App oder ein anderes tragbares Gerät benutzen, um SafeEntry ständig parat zu haben – ohne diesen Check-in wird es ihnen nicht erlaubt sein, Geschäfte, Schulen oder andere öffentliche Einrichtungen zu betreten.

Berichten zufolge sagte Bildungsminister Lawrence Wong, dass 70 Prozent des Landes das System verwenden müssten, damit weitere Lockerungsmaßnahmen der sogenannten Phase 3 möglich werden können – doch das sei nur mit staatlichem Zwang erreichbar. "Wenn wir sowohl eine höhere Verwendungsrate von TraceTogether haben und eine weitere Bereitstellung von SafeEntry (...) und die Übertragungsrate in der Gesellschaft in dieser Zeit gering bleibt, dann haben wir eine gute Chance, dass wir Phase 3 (...) bis zum Ende des Jahres erreichen können", sagte er. In Singapur verlangt das Gesetz bereits, dass Gesundheitsinformationen in TraceTogether hochgeladen werden müssen, wenn man von der Regierung kontaktiert wird. Singapurs System wird verpflichtend.

In Indien macht das Land derweil nur durchwachsenen Fortschritt mit seinem eigenen gigantischen Kontaktverfolgungssystem. Die "Aarogya Setu"-App wurde mehr als 160 Millionen Mal seit ihrer Veröffentlichung im April heruntergeladen – und schon früh für ihren Mangel an Transparenz und einen nebulösen "Freiwilligkeits"-Status kritisiert.

Doch die Regierung in Delhi hat seitdem an einigen Fronten Fortschritte gemacht, zum Beispiel, indem als Erstes der Code der App quelloffen wurde, sodass er von Außenstehenden einfacher untersucht werden kann. Außerdem wurde Mitte November angekündigt, dass aus dem gleichen Grund auch der Back-End-Code des Systems veröffentlicht wird. Die Bedingungen für die Weitergabe der Gesundheitsdaten wurden klarer gefasst.

Doch trotz dieser Änderungen bleibt das Vertrauensverhältnis zwischen Regierung und Nutzern brüchig. Indiens nationales Zentrum für Informatik antwortet auf Nachfragen nicht oder ausweichend. So scheint niemand klar sagen zu können, wer Aarogya Setu überhaupt entwickelt hat.

Auf den Philippinen gibt es Kontroversen über die Art und Weise, wie die App Daten verwendet. Ein in diesem Jahr erschienener Bericht nannte die nationale App des Landes "Borderline Spionage-Software" – und es wird befürchtet, dass das Regime von Präsident Rodrigo Duterte, dem von Bürgerrechtsorganisationen Tötungen ohne Gerichtsverfahren vorgeworfen werden, die gesammelten Daten missbrauchen könnte. Da solche Informationen auf unbestimmte Zeit zurückgehalten wird, hat sich die Bewertung der philippinischen App durch den CTT verschlechtert.

Nicht jedes Land trackt privatsphärenfeindlich. In Europa gab es positive Entwicklungen etwa in Frankreich zu beobachten, wo es neue Schutzbedingungen gibt, die verhindern sollen, dass Gesundheitsdaten mit anderen Regierungsstellen oder Strafverfolgungsbehörden geteilt werden.

Im Vereinigten Königreich gab es wiederum Verbesserungen bei der Datenweitergabe, den Transparenzkriterien sowie der Möglichkeit, Daten löschen zu lassen. Der strenge EU-Datenschutz gilt dort allerdings nicht mehr lange – der Brexit rückt näher.

Die Originalversion dieses Beitrags wurde im Rahmen des "Pandemic Technology Projects" der Rockefeller Foundation unterstützt.

(bsc)