Corona: Warum der Johnson & Johnson-Impfstoff Vertrauen​ braucht

Die Pause für die Vakzine in den USA zeigt, dass die Sicherheitskontrollen funktionieren. Nun liegt es an Ärzten und Behörden, das Ungeimpften zu erklären.​

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(Bild: Mohammad Shahhosseini / Unsplash)

Von
  • Mia Sato

Ende April empfahlen die US-Aufsichtsbehörden FDA und CDC, die Impfungen mit dem Johnson & Johnson-Impfstoff gegen COVID-19 wieder aufzunehmen. Sie hatten entschieden, dass eine Nebenwirkung mit Blutgerinnseln in Gehirnvenen zu selten auftrat, um eine Fortsetzung der Impfpause zu rechtfertigen, die zuvor beschlossen worden war. Bei acht Millionen verimpften Dosen waren 15 Fälle gemeldet worden. Trotzdem weckte die elftägige Pause neue Bedenken, ob die US-Bürger Impfungen vertrauen werden. Umfragen hatten gezeigt, dass insbesondere das Vertrauen in die Johnson & Johnson-Vakzine sehr gering ist – das in Deutschland umstrittene AstraZeneca wird dort bislang nicht verwendet. 73 Prozent der nicht geimpften Personen gaben an, dass sie J & J nicht akzeptieren würden, wenn es ihnen angeboten würde.

Das schafft neue Herausforderungen für Ärzte, öffentliche Gesundheitsbehörden und Regierungsbeamte, die daran arbeiten, dass alle geimpft werden. Das verlorengegangene Vertrauen wiederherzustellen werde Zeit und Mühe kosten, sagt Ben Weston, Leiter des medizinischen Dienstes im Milwaukee County Office für Notfallmanagement in Wisconsin. „Alle versuchen immer noch herauszufinden, wie wir am besten kommunizieren können, dass es sich tatsächlich um einen sehr sicheren Impfstoff handelt“, so Weston. „Wir müssen auf nationaler und internationaler Ebene noch viel tun, um weiterhin Vertrauen in alle Impfstoffe zu schaffen.“

Auch die Europäische Union hatte den Impfstart des Mitte März zugelassenen Mittels noch vor dem ersten Einsatz zunächst gestoppt und der Hersteller die Lieferungen verschoben. Deutschland sollte insgesamt 36 Millionen Dosen erhalten. Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) leitete eine Untersuchung der Thrombosefälle ein. Am 20. April gab sie dem Impfstoff mit der Auflage grünes Licht, dass über das Risiko informiert werden muss. Insgesamt überwiege der Nutzen die Risiken.

Inzwischen hat Deutschland auf Empfehlung der Ständigen Impfkommission die Priorisierung für den Johnson & Johnson-Impfstoff aufgehoben, wenngleich über 60-Jährige bevorzugten Zugang erhalten sollen. Bislang wurden hierzulande nur knapp mehr als 24.000 Impfdosen verabreicht, die Datenlage ist also noch nicht besonders üppig. Hirnvenenthrombosen traten anders als beim AstraZeneca-Covid-Impfstoff bisher keine auf. So stützt sich die Stiko hauptsächlich aus Daten aus den USA.

Nicht alle Experten glauben, dass die Unterbrechung die Impfbemühungen zwangsläufig zurückwirft. Gerade wenn Impfungen schon bei einer so seltenen Nebenwirkung zeitweilig ausgesetzt werden, könnten sich die Menschen sicherer fühlen – wenn Regierungsbeamte die Botschaft effektiv kommunizieren, sagt Holly Fernandez Lynch, Assistenzprofessorin für medizinische Ethik an der Universität von Pennsylvania.

„Die Aufsichtsbehörden existieren, um Sie zu schützen. Sie drückten auf die Pausetaste, sobald sie Sicherheitsbedenken sahen. Sie können also darauf vertrauen, wenn die Dinge wieder aufgenommen werden können“, sagt Fernandez Lynch, die die US-Zulassungs- und Aufsichtsbehörde Food and Drug Administration (FDA) und ihre Richtlinien erforscht. „Das Regulierungssystem funktioniert genau so, wie es beabsichtigt ist.“

Auch die Bioethikerin Seema Shah vom Lurie Kinderkrankenhaus in Chicago glaubt, dass es schlimmer gewesen wäre, die Johnson & Johnson-Impfung weiter zu verabreichen, ohne die Blutgerinnsel zu untersuchen. Gleichwohl sei die Pause nicht ideal gewesen. „Ich denke immer über das Kontrafaktische nach“, sagt Shah. „Wenn die FDA nicht angehalten hätte, welche Art von Signal hätte das gesendet?“

Viele Ärzte und Regierungsbeamte sahen den Johnson & Johnson-Impfstoff, der konventionelle virusbasierte Technologie verwendet, als nützliche Alternative zu den mRNA-Impfstoffen von BionTech und Pfizer sowie von Moderna. Da er nur eine Dosis erfordert, eignet er sich gut für Menschen, die möglicherweise nicht lange genug an einem Ort bleiben, um einen zweiten Impftermin auszumachen, etwa Studenten und Obdachlose.

Viele andere bevorzugen die Eine-Dosis-Option einfach aus Bequemlichkeit oder weil sie keine Nadeln mögen. Auftrags- und Schichtarbeiter haben möglicherweise nur enge Zeitfenster, in denen sie einen Impftermin wahrnehmen können, was Johnson & Johnson zu einer besseren Option macht.

Er ist darüber hinaus auch einfacher zu verteilen und zu verabreichen, da er anders als die mRNA-Impfstoffe keine besonders kalten Lagertemperaturen benötigt. Dies erleichtert die Impfung von bettlägerigen Patienten, Menschen auf dem Land und von Patienten in mobilen Kliniken, die möglicherweise keine speziellen Gefrierschränke haben.

Trotz dieser Vorteile stieß der Impfstoff schon nach ersten Herstellungsproblemen und Studien, die zeigten, dass er bei der Verhinderung von Infektionen weniger wirksam war, auf Misstrauen. Während die Impfstoffe von Pfizer und Moderna zu 95 und 94 Prozent symptomatische Infektionen verhinderten, lag die Wirksamkeit der Johnson & Johnson-Vakzine gegen mittelschwere bis schwere Fälle bei 72 Prozent. Schlagzeilen über Minderwertigkeit können sich aufsummieren. Das müssen alle, die daran arbeiten, Vertrauen in die Impfung aufzubauen, berücksichtigen.

„Es wird einiges an wichtiger Kommunikation nötig sein, damit die Leute verstehen, dass wir ihnen nicht einen schlechten Impfstoff aufzwingen. Es gibt keinen schlechten Impfstoff, deren Verwendung wir weiterhin erlauben würden“, sagt Fernandez Lynch. Ärzte müssten nun mit Patienten sprechen, um ihr Vertrauen zu gewinnen und ihnen das relativ geringe Risiko von Nebenwirkungen erklären oder Alternativen anbieten.

Dieses Vertrauen aufzubauen, sei ein langfristiger Prozess. „Es geht nicht nur um heute. Es geht nicht nur um den Johnson & Johnson-Impfstoff. Es geht nicht nur um Covid-Impfstoffe. Es geht um Vertrauen in die Wissenschaft, die Regierung und die öffentliche Gesundheit.“

Die Originalversion dieses Artikels ist Teil des Pandemic Technology Project, das von der Rockefeller Foundation unterstützt wird.

(vsz)