Corona macht den digitalen Dollar wahrscheinlicher

Aktuell müssen Regierungen schnell finanzielle Soforthilfen verteilen. Das könnte in den USA die Entstehung eines öffentlichen Kryptobezahlsystems begünstigen.

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(Bild: Steve Buissinne, gemeinfrei (Creative Commons CC0))

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Ron Kim ist schon lange davon überzeugt, dass Geld anders gedacht werden muss. Jetzt, im Zuge der Corona-Pandemie, legt der amerikanische Politiker noch eine Schippe drauf. Kim ist Abgeordneter für den Stadtbezirk Queens im New Yorker Abgeordnetenhaus. Bereits vor der Ausbreitung von COVID-19 hatte er sich dafür eingesetzt, dass der Staat ein neues, öffentlich betriebenes digitales Bezahlsystem einführen müsse. Er und andere Befürworter beschreiben das Konzept als eine Art "öffentliches Venmo", benannt nach dem beliebten amerikanischen Peer-to-Peer-Zahlungsdienst. Venmo ist ein Mobile-Payment-Service von Paypal, mit dem Nutzer einander Geldbeträge senden und Einkäufe bezahlen können, und funktioniert dabei ähnlich wie ein soziales Netzwerk.

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Kim argumentiert, dass die Einwohner New Yorks ein kostenfreies und öffentlich zugängliches Zahlungsnetzwerk brauchen. Denn Kreditunternehmen und andere profitorientierte, digitale Finanzdienstleiter erheben häufig hohe Transaktionskosten und schließen Personen ohne Bankkonten aus. Zudem sei deren Umgang mit dem Datenschutz fragwürdig.

Nun habe die Pandemie einmal mehr deutlich gemacht, weshalb öffentlich zugängliche digitale Bezahlsysteme notwendig seien, meint Kim. Die US-Regierung brauche effizientere Wege, um bedürftigen Menschen finanzielle Unterstützung zukommen zu lassen. "Es ist jetzt umso dringlicher, eine reibungslose, digitale Möglichkeit bereitzustellen, Geld zu versenden." Kims Idee eines "öffentlichen Venmo" in New York entstand ursprünglich in Zusammenarbeit mit Robert Hockett, Juraprofessor an der Universität Cornell. In einem gemeinsamen Paper stellen sie das Konzept vor. Darin erklärt Hockett, der auch IT-Hintergrund mitbringt, dass neue Finanztechnologien des letzten Jahrzehnts den Aufbau eines Peer-to-Peer-Zahlungssystems "zu einer einfachen und unkomplizierten Angelegenheit" machen würden.

Im letzten Herbst haben Kim, Hockett und die Senatorin Julia Salazar, die große Teile Brooklyns vertritt, einen Gesetzesvorschlag erarbeitet und ihrem Konzept den Namen "Inklusives Wertkonto" ("Inclusive Value Ledger") gegeben. Eine solche Plattform würde es Nutzern erlauben, in einer neuen digitalen Währung zu sparen, sie auszugeben und auch an andere zu verleihen – allerdings nur im Bundesstaat New York. Weitere Ideen: Bestimmte öffentliche Leistungen, wie staatliche Steuergutschriften für Menschen mit niedrigen Einkommen, könnten in eine digitale Währung umgewandelt und den Empfängern in eine Art "digitale Geldbörse" ausbezahlt werden. Während des Lockdowns wäre es mit solch einer Technologie beispielsweise auch möglich, Eltern den Wert des Mittagessens zukommen zu lassen, das die Kinder aktuell nicht in ihren geschlossenen Schulen serviert bekommen. Theoretisch könnten sogar Bundesleistungen über dasselbe öffentliche System an New Yorker verteilt werden – möglicherweise in Form einer zukünftigen digitalen Variante des US-Dollars, sagt Kim.

Die Pandemie hat Überlegungen zu einer digitalen Währung also vorangetrieben. Deutlich wurde das im Vorfeld des 27. März, als Donald Trump ein Gesetz verabschiedete, welches es der US-Regierung bei Notfällen erlaubt, über 2 Billionen Dollar an Soforthilfe zu verfügen. Da sehr viele Amerikaner bereits ihren Job verloren hatten und schnell reagiert werden musste, ermächtigte das Gesetz die amerikanische Steuerbehörde unmittelbare Zahlungen an Millionen von Amerikaner für ihre lebensnotwendigen Kosten zu leisten. Während der Kongress über die besten Wege zur Übermittlung dieses Geldes debattierte, drängten einflussreiche Demokraten im Repräsentantenhaus auf die Entwicklung einer neuen Währung, die sie als "digitalen Dollar" bezeichneten.

Die Grundidee: Amerikas Zentralbank, die Federal Reserve, würde es nicht nur Banken, sondern auch Privatkunden erlauben, Konten zu eröffnen und zwar in Form "digitaler Geldbörsen". Diese Konten könnten entweder über ihre Privatbank initiiert werden oder über die amerikanische Post (US Postal Service), die Dienstleistungen und Geldautomaten bereitstellen würde. Nicht nur wäre dieser Weg sehr viel schneller als der Versand von Schecks (was Wochen oder Monate in Anspruch nehmen kann), die Überweisung des digitalen Dollars über ein öffentlich betriebenes System wäre viel inklusiver, wenn keine Banken als Mittler dazwischenstünden. Privatbanken in den USA sind nämlich nicht dazu verpflichtet, jedem Interessierten ein Konto anzubieten. Das führe dazu, dass "dieses Bankensystem Wege findet, Menschen auszuschließen, die sich finanziell nicht lohnen", so Morgan Ricks, Professor an der Vanderbilt Law School, der Kongressabgeordnete im März zum digitalen Dollar beraten haben soll.

Dass der amerikanische Staat Privatbanken nutzte, um die Hilfszahlungen zu übermitteln, hatte für manchen bereits negative Auswirkungen. Da der Kongress die Zahlungen nicht von Inkassomaßnahmen befreit hat, halten die Banken offenbar manchmal das Geld zurück, um noch ausstehende Schulden der Kontoinhaber auszugleichen. Im verabschiedeten Gesetz ist vom "digitalen Dollar" sowieso nichts zu lesen. Der Kongress gab einer traditionelleren Verteilungsweise den Vorzug – in Form von direkten Banküberweisungen und den klassischen Papierschecks, die in den Vereinigten Staaten noch vielfach verwendet werden.

Immerhin: Das Gesetz macht es möglich, traditionelle Banken zu umgehen, indem man das Geld direkt auf einen Paypal-Account oder in vergleichbare Apps wie Square Cash einzahlen lässt. Kim nennt diesen Vorgang ein "trojanisches Pferd" für kommerzielle digitale Bezahlsysteme. Denn: "Auch bei kostenlosen Transaktionen werden Daten ermittelt und monetarisiert." Es bleibt offen, wie genau ein staatliches System, wie es Kim vorschwebt, umgesetzt werden könnte. Die größten Schwierigkeiten fallen in den Bereich des Datenschutzes und der Datensicherheit. Wie Identitäten nachgewiesen und vor Hackern geschützt werden können, ist zum Beispiel ungeklärt. Kim räumt ein, dass es aktuell nur um die Grundidee gehe. "Im Wesentlichen möchten wir in einem ersten Schritt zeigen, dass Zahlungsplattformen nicht in privater Hand sein müssen", sagt er. "Sie könnten wie eine Autobahn oder eine Straße sein. Es kostet keine Miete, eine Straße runterzugehen."

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(bsc)