Coronavirus-Apps: Weniger als 60 % Akzeptanz reichen für effektiven Einsatz

Bei geringerer Nutzung gelten Kontaktverfolgungs-Apps als ineffektiv. Diese Annahme beruht allerdings auf einem Missverständnis.

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(Bild: Elizaveta Galitckaia / Shutterstock.com)

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Dutzende Apps für die digitale Kontaktverfolgung wurden bisher weltweit eingeführt. Viele weitere sollen folgen. Aber wie viele Personen müssen sie jeweils nutzen, damit so ein System funktioniert? Bei dieser Frage taucht eine Zahl dabei immer wieder auf: 60 Prozent. Das ist der Prozentsatz der Bevölkerung, auf den viele Gesundheitsbehörden abzielen, um sie vor Covid-19 zu schützen. Die Zahl stammt aus einer im April veröffentlichten Studie der Universität Oxford. Bisher hat keine Nation dieses Niveau erreicht, folglich wurden die Technologien, die melden, ob man dem Erreger möglicherweise ausgesetzt war, im Wesentlichen als wertlos kritisiert.

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Die Autoren der Studie warnen jedoch, dass ihre Arbeit grundlegend missverstanden wurde und tatsächlich eine viel geringere Akzeptanz solcher Apps immer noch von entscheidender Bedeutung für die Bekämpfung von Covid-19 sein könnte. "In Bezug auf Wirksamkeit und Akzeptanz wurde viel falsch berichtet… und angedeutet, dass die App nur bei 60 Prozent funktioniert – was nicht der Fall ist", sagt Andrea Stewart, eine Sprecherin des Oxford-Teams.

Tatsächlich stellten die Oxford-Modelle fest, dass "die App auf allen Akzeptanzstufen eine Wirkung hat". "Wir schätzen, dass für alle ein bis zwei Nutzer eine Neuinfektion vermieden wird", sagt Studien-Leitautor Christophe Fraser. Er ist Co-Direktor des Kontaktverfolgungsprogramms an der Nuffield Medizinischen Fakultät der Universität Oxford und unabhängiger wissenschaftlicher Berater für das Kontaktverfolgungsprogramm der britischen Regierung.

"Die Erwartung war, dass die App-Nutzung auf niedrigem Niveau nicht sehr effektiv sein würde", sagt Fraser. "Wenn zehn Prozent die App nutzen, beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Personen erkannt werden, zehn Prozent von zehn Prozent. Das wäre ein Prozent, also nur ein winziger Bruchteil. In der Simulation haben wir aber festgestellt, dass genau das nicht der Fall ist." Die folgende Grafik zeigt, wie jede Akzeptanzstufe die Pandemie bis zu einem gewissen Grad verlangsamt.

Wenn wir potenziell ansteckende Kontakte um 20 Prozent reduzieren und 56 Prozent der Bevölkerung die App nutzen, können wir maßgeblich die Epidemie verlangsamen. Die App zeigt ihre Wirkung auf allen Ebenen der Akzeptanz.

Die Funktionsweise von Kontaktverfolgungs-Apps suggeriert zunächst, dass eine umfassendere Abdeckung in der Bevölkerung nötig sei. Denn die Nutzer werden dann benachrichtigt, dass sich ihr Telefon in der Nähe des Telefons von jemandem befunden hat, wenn bei letzterem später Covid-19 diagnostiziert wird. Je mehr Menschen die App benutzen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich gewarnte Personen in Quarantäne begeben, bevor sie andere infizieren können.

Ein Großteil der Debatte über Kontaktverfolgungs-Apps hat sich jedoch auf die Tatsache konzentriert, dass das Erreichen des 60-Prozent-Ziels fast unmöglich erscheint – insbesondere, weil viele Benutzer einschließlich der sehr Jungen, der älteren Benutzer und derjenigen mit älteren Handymodellen möglicherweise nicht bereit oder nicht in der Lage sein könnten, die App herunterzuladen und einzusetzen. Viele Medienberichte haben insbesondere diesen Satz des Artikels herausgegriffen: "Unsere Modelle zeigen, dass wir die Epidemie stoppen können, wenn etwa 60 Prozent der Bevölkerung die App nutzen." Allerdings haben sie die zweite Hälfte des Satzes in der Regel weggelassen: "Selbst bei einer geringeren Anzahl von App-Benutzern schätzen wir immer noch, dass [durch die App] die Anzahl der Coronavirus-Krankheitsfälle und -Todesfälle sinken würde."

Tatsächlich berücksichtigt das Oxford-Modell zudem viele Punkte, über die Kritiker besorgt sind. Das Oxford-Paper schreibt zum Beispiel, dass es für einen Sieg über die Pandemie ausreichen würde, wenn 80 Prozent aller Smartphone-Besitzer die App herunterladen – diese Zahl schließt Gruppen aus, die vermutlich kein Smartphone haben und entspricht 56 Prozent der Gesamtbevölkerung – ohne dass weitere Interventionen nötig sind.

Niedrigere Akzeptanzraten bedeuten zwar, dass solche Apps die Krankheit nicht alleine besiegen. Das ist jedoch nicht gleichbedeutend mit der Annahme, dass eine geringere Nutzung die Apps unwirksam macht. Wenn also weniger Leute die App herunterladen, so die Forscher, dann seien weitere Präventions- und Eindämmungsmaßnahmen erforderlich. Dazu gehören Abstandhalten, flächendeckende Tests, manuelle Kontaktverfolgung, medizinische Behandlung und regionale Lockdowns. Maßnahmen also, bereits weltweit getroffen wurden.

Fraser zufolge hat die 60 Prozent-Angabe ein Eigenleben entwickelt. "Das zeigt, wie schwierig es ist, das Narrativ der Medien zu beeinflussen." Die Korrektur der 60-Prozent-Annahme sei wichtig, da die Art und Weise, wie Apps angenommen werden, die Reaktion der Nationen auf diese Pandemie und zukünftige Krankheitsausbrüche beeinflussen kann. Wenn allgemein angenommen wird, dass eine Teilnahme unterhalb dieser Schwelle zum Scheitern führt, geht die Öffentlichkeit von einem irreführenden und unerreichbaren Ziel aus. Und das könnte ein fataler Fehler sein. Fraser befürwortet außerdem die kontinuierliche Überwachung und Prüfung der Funktionsweise der App, damit sie erfolgreich hält, was sie verspricht.

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(vsz)