Coronavirus: Ergibt Maskentragen Sinn?

Obwohl die Studienlage zur Effektivität von Masken nicht eindeutig ist, spricht einiges dafür, dass möglichst viele sie in der Öffentlichkeit tragen sollten.

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(Bild: Maridav/Shutterstock.com)

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Deutschland lockert den Lockdown, heute dürften die ersten Geschäfte wieder öffnen. Dazu gehören Läden mit einer Verkaufsfläche von bis zu 800 Quadratmetern, Buchläden sowie Auto- und Fahrradhändler unabhängig von der Fläche. Zusätzlich zu strengen Hygieneauflagen sollen begrenzte Kundenzahlen in den Geschäften und bereits geltende Sicherheitsbestimmungen wie der Mindestabstand von 1,5 Metern zu anderen dafür sorgen, dass die Ansteckungsgefahr gering bleibt. Eine bundesweite Maskenpflicht beschlossen Bund und Länder nicht, sondern "empfehlen" das Tragen lediglich beim Einkaufen und in öffentlichen Verkehrsmitteln "dringend". Einzige Ausnahme: Ab dem 4. Mai sollen Friseursalons öffnen dürfen, wenn die Mitarbeiter Schutzkleidung und Masken und die Kunden ebenfalls Masken tragen.

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Dabei plädieren Experten wie der Virologe Alexander Kekulé von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg schon länger dafür, dass OP- und auch selbstgenähte Masken feste Bestandteile der Pandemie-Abwehr sein sollten, sowohl vor als auch nach eventuellen Lockerungen. Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass auch solche einfacheren Masken das Ansteckungsrisiko und damit die Ausbreitung des neuen Coronavirus zusätzlich zu Hygiene- und Abstandsvorschriften senken können.

Sie schützen dabei nicht primär die Träger, sondern ihre Mitmenschen. Ähnlich wie auch OP-Masken bei Ärzten und Schwestern nicht dem Eigenschutz dienen, sondern verhindern sollen, dass Erreger von ihnen in offene Wunden oder in Nase und Mund der Patienten gelangen. Wie gut Masken andere Menschen vor dem neuen Coronavirus schützen, wurde bisher zwar kaum untersucht. Studien über den Schutz von OP-Masken etwa bei Influenza-Epidemien variieren zwischen nicht signifikant und einem im Vergleich zu N95-Masken (das US-Äquivalent von FFP2-Masken) 50- bis 90-prozentigem Schutz, wenn die OP-Masken richtig getragen wurden. Bei einem bevölkerungsweiten Einsatz kommt es allerdings nicht allein auf den absoluten Schutz einer Maske an. Vielmehr geht es auch um ihre kumulative Wirkung.

Weil sich westliche Gesundheitsbehörden zunächst auf die zu geringe Effektivität der Masken für die Träger versteiften, rieten sie lange von einem bevölkerungsweiten Einsatz ab. Sie befürchteten neben fehlerhafter Handhabung auch Akzeptanzprobleme und ein Vernachlässigen der übrigen Sicherheitsvorschriften, anstatt über all das aufzuklären. Inzwischen empfehlen die US-Seuchenschutzbehörde CDC und das deutsche Robert-Koch-Institut – im Gegensatz zur Weltgesundheitsorganisation (WHO) – das Maskentragen doch.

Der Perspektivwechsel kam vor allem angesichts der symptomlosen Anfangsphase von Covid-19 zustande, in der Infizierte bereits unwissentlich ansteckend sind. Das unbemerkte Virenstreuen könnte für bis zu 50 Prozent von Neuinfektionen verantwortlich sein. Das ergab eine Analyse von Covid-19-Ausbruchsdaten aus Singapur und Tianjin in China, die belgische und niederländische Forscher vor dem Peer Review auf dem Preprint-Server medRxiv veröffentlicht haben.

Masken halten vor allem größere virenbeladenen Tröpfchen zurück, die schon beim normalen Sprechen bis zu zwei Meter weit fliegen können. Beim Husten schießen sie gar mit etwa zehn Metern pro Sekunde und beim Niesen mit 50 Metern pro Sekunde aus Mund und Nase und landen im zweiten Fall, sofern ungehindert, bis zu sechs Meter weit. Große Tröpfchen zurückzuhalten ist wichtig, da diese aufgrund ihrer Größe zwar nicht bis in die Lunge fliegen können, ihre Virenfracht sich aber – anders als etwa das SARS-Virus – auch weiter oben im Atemtrakt in Nase und Rachen von wenig symptomatischen Kranken vermehren kann. Entsprechende Ergebnisse veröffentlichten deutsche Forscher um Roman Wölfel vom Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr und Christian Drosten von der Charité Berlin Anfang April im Fachjournal "Nature".

Welchen Tröpfchen-Anteil die außen oft flüssigkeitsabweisenden und innen saugfähigen OP-Masken und selbstgenähter Mund-Nasen-Schutz zurückhalten, variiert verschiedenen Studien zufolge zwar, die bisher nur für Influenzafälle und andere Krankheiten durchgeführt wurden. Die Dosissenkung könnte für Covid-19 trotzdem wichtig sein, denn Forscher gehen verstärkt Hinweisen dafür nach, dass die Erkrankungsschwere auch von der abbekommenen Virenmenge abhängt.

Als weiterer positiver Effekt kommt auch ein indirekter Eigenschutz für die Träger hinzu. Nämlich dann, wenn möglichst viele eine Maske in der Öffentlichkeit und am Arbeitsplatz tragen. Begegnen sich etwa ein unwissentlich Erkrankter und ein Gesunder, sinkt das Ansteckungsrisiko für letzteren stärker, wenn auch er eine Maske trägt. Dieser Zusammenhang ist Nassim Nicholas Taleb zufolge, der sich an der New York University mit Zufallsereignissen und komplexen Systeme beschäftigt, nicht linear. Stattdessen potenzieren sich schon kleine Senkungen der Ansteckungswahrscheinlichkeit umso stärker zu großen, je mehr Menschen eine Maske tragen.

Die Medizinerin Trisha Greenhalgh von der University of Oxford plädiert sogar dafür, bei Masken nicht auf klare Evidenz aus randomisierten Covid-19-Studien zu warten. Regierungen sollten allein schon aus ethischen Gründen dem Vorsorgeprinzip folgen und auf ein verbreitetes Maskentragen setzen. Auch wenn sich ihr alleiniger Effekt nicht immer eindeutig beziffern lasse, so sei etwa ihre mit sozialem Abstandhalten kombinierte Wirkung in einer Hongkonger Studie signifikant ausgefallen.

Einzelne Städte wie Jena und Bundesländer wie Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen setzen bereits auf die Vorsorgestrategie per Masken. Weitere haben es angekündigt. Solange es aber eine Mangel an OP-Masken gebe, lasse sich eine Tragepflicht nicht durchsetzen, argumentiert etwa der Niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil. Während Deutschland noch zögert, hat Österreich schon am 1. April Maskenpflicht in Geschäften und öffentlichen Verkehrsmitteln eingeführt. Tschechien und die Slowakei führten eine allgemeine Maskenpflicht schon im März ein. Was in Europa noch die Ausnahme ist, gilt in vielen asiatischen Ländern als normal.

Korrektur, 20.4.2020, 11.30 Uhr: Der Vergleich der N95-Masken mit dem deutschen Äquivalent wurde korrigiert. Statt mit FFP3-Masken sind diese besser mit FFP2-Masken vergleichbar. jle

(vsz)