Coronavirus: Warum Warn-Apps schweigen

Sie heißen "StopCovid", "Covidsafe" oder "Corona-Warn". Aber nicht in allen Ländern gelingt die digitale Kontaktverfolgung wirklich.

Lesezeit: 3 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 225 Beiträge

Die Corona-Warn-App soll die Kontaktverfolgung von Infizierten ermöglichen und dadurch die Infektionsketten verkürzen.

(Bild: dpa, Oliver Berg/dpa)

Von
  • Charlotte Jee

Als Frankreich seine Warn-App zur digitalen Kontaktnachverfolgung veröffentlichte, sah das nach einem möglichen Durchbruch aus für das virusgeplagte Land. Nach der Veröffentlichung von "StopCovid" im Juni haben zwei Millionen Menschen innerhalb kurzer Zeit die App heruntergeladen und der Minister für Digitales, Cédric O, teilte mit, dass die Anwendung "vom ersten Download an helfen wird, Ansteckung, Krankheit und somit auch Todesfälle zu verhindern". Doch schon bald mussten Regierungsvertreter ihren Enthusiasmus etwas reduzieren: In den ersten drei Wochen teilte die App nur vierzehn Menschen mit, dass sie sich vielleicht mit dem neuartigen Coronavirus angesteckt haben. "Das ist noch nicht das Ende vom Lied", sagte O zur Verteidigung der Software. "Wir arbeiten weiterhin an der Verbesserung der App."

In Australien steht es derweil noch schlechter um deren Pendant. Die "Covidsafe"-App wurde im April veröffentlicht und in weit größerem Stil angenommen als zunächst in Frankreich – sechs Millionen Downloads in einem Land mit 25 Millionen Einwohnern. Und doch hatte die App anfangs eine noch geringfügigere Auswirkung. Im Staat Victoria wurde kein einziger kritischer Kontakt aufgedeckt, der nicht schon über herkömmliche Verfolgung ermittelt worden wäre, berichtet das Gadget-Blog "Gizmodo".

Obwohl das nicht gerade rosig klingt, muss der ausbleibende Handy-Alarm nicht unbedingt bedeuten, dass es sich insgesamt um einen Reinfall handelt. Ein Teil der Kritik lässt sich auf die hochtrabenden Erwartungen zurückführen, die Entwickler geweckt hatten der frühe Fokus auf Kontaktverfolgungstechniken war nachvollziehbar, immerhin braucht eine – nur möglicherweise – wirkungsvolle Impfung noch Monate. An diese Stelle sind Apps als erhofftes Allheilmittel getreten –, obwohl viele Insider immer wieder betont haben, dass es sich dabei nur um eines von vielen Mitteln zur Virusbekämpfung handelt.

Auch mathematisch betrachtet war die geringe Warnrate erwartbar, meint Jon Crowcroft, Professor of Communications Systems an der University of Cambridge. In einer Situation, in der es nur wenige COVID-19-Fälle gibt, Menschen weiterhin Abstand halten und die App-Nutzer-Dichte gering ist, sind nicht viele Alarme zu erwarten, sagt er. "Um herauszufinden, wie viele Benachrichtigungen zu erwarten wären, braucht es nur einfache Mathematik: wenn ein Prozent aller Menschen COVID-19 haben und die alle getestet wurden, und nur ein Prozent aller Menschen die App nutzen, dann liegt die Wahrscheinlichkeit bei 1:10.000, dass sowohl die positiv getestete Person als auch eine mit der App zusammenkommen. Die Benachrichtigungsrate ist also 10.000-mal geringer als die Fallzahl", erklärt Crowcroft. (In der Zeit, als es beispielsweise in Victoria zu 21 Benachrichtigungen kam, gab es nur 350 staatlich registrierte COVID-19-Fälle.) Doch selbst durch eine sehr optimistische Brille ist die Kluft zwischen dem, was versprochen wurde und dem, was geliefert wird, nicht zu übersehen. Was lief also schief? Zunächst lohnt sich ein Blick auf die Gemeinsamkeiten beider Anwendungen.

Mehr Infos rund um das Coronavirus

Sowohl Frankreich als auch Australien haben die angebotenen technischen Hilfen von Google und Apple gemieden – diese wollen Nutzerdaten zur Sicherung der Privatsphäre stets auf dem Handy belassen – und bevorzugen stattdessen einen zentralisierten Ansatz, bei dem Nutzerdaten an externe Server geschickt werden. Das ist problematisch, da Google und Apple den Handlungsspielraum von im Hintergrund arbeitenden Apps einschränken, sofern diese nicht deren Anwendungsschnittstellen gegen COVID-19 nutzen. Michael Veale, Dozent für Digitalpolitik am University College London, fasst das Problem so zusammen: "Da werden nicht viele Handys erfasst, da Bluetooth im Hintergrund nicht richtig funktioniert. Das liegt daran, dass kein dezentraler Ansatz verfolgt wird." Dieser Umstand hat eine Reihe anderer technischer Schwierigkeiten ausgelöst. Die australische App funktioniert nur 25 Prozent der Zeit auf einigen Gerätemodellen, insbesondere auf iPhones. Denn hier ist bei Handys, deren Bildschirm gesperrt ist, der sogenannte Bluetooth-Handshake notwendig, um die unmittelbare Nähe zwischen zwei Geräten zu registrieren. Weil genau dieses Problem nicht gelöst werden konnte, hat das Vereinigte Königreich diesen Monat die eigene, zentralisierte App aufgegeben (und wann ein Ersatz kommen wird, ist unklar).

"Im Endeffekt bedeutet das, dass es für eine funktionierende Kontaktverfolgungs-App, die nicht mit den Systemen von Google oder Apple arbeitet, notwendig ist, dass Nutzer mit entsperrten Handy herumlaufen und dabei nur die App und nichts anderes geöffnet haben, wie ein "Pokemon Go"-Spieler, sagt ein Forscher, der nicht direkt in die Entwicklung einer der Apps eingebunden war und anonym bleiben möchte.

Die geringe Alarmrate könnte durch einen übermäßig zurückhaltenden Ansatz verschärft worden sein. Man habe nicht riskieren wollen, Nutzer "überzubenachrichtigen", sagt Crowcroft. Die Sorge, dass hypersensitives Alarmieren Panik hervorrufen könnte, führt dazu, dass die App nur Begegnungen berücksichtigt, bei denen ein enger Kontakt über einen längeren Zeitraum extrem wahrscheinlich ist – es reicht also nicht, sich im Geschäft kurz gestreift zu haben. "Es wurde sorgfältig darauf geachtet, dass Falschbenachrichtigungen positiver Kontakte in den Apps vermieden werden. Dadurch sind sie super zurückhaltend", sagt er. Zusätzlich laufen sowohl Australiens als auch Frankreichs Apps nicht fehlerfrei. Nutzer beschwerten sich, dass die französische App den ganzen Akku des Handys aufbrauchen konnte – möglicherweise der Grund, weshalb Hunderttausende sie wieder deinstalliert haben. "Das ist das Hauptrisiko für Entwickler: ein einziger Fehler führt dazu, dass der ganze Akku leergefressen wird", sagt Andrew Eland, der bis vor kurzem als Engineering Director direkt bei Google gearbeitet hat und dann bei dessen KI-Entwickler DeepMindHealth. Einige User berichten, dass die "StopCovid"-App regelmäßig abstürzt und bei jeder Handynutzung reaktiviert werden muss.

Was lässt sich daraus lernen? Bei Bluetooth handelt es sich um eine komplexe Technik für die Kontaktverfolgung. Ohne auf die Systeme von Apple oder Google zurückzugreifen, wird es teuflisch schwer, eine erfolgreiche App zu bauen. Um so eine Anwendung also schnellstmöglich bereitzustellen, sollten Regierungen sich nicht für ein zentralisiertes System entscheiden oder ähnlich Problemanfälliges. Falls möglich, ist die Übernahme von Code aus anderen Ländern, in denen die App erfolgreich ist, eine Überlegung wert: Deutschlands Corona-Warn-App zum Beispiel wurde seit Veröffentlichung am 15. Juni schon 15 Millionen Mal heruntergeladen bei einer Bevölkerung von 83 Millionen. Heimlichtuerei und der Wunsch nach Exklusivität sind eine miese Kombination bei der Entwicklung von Kontaktverfolgungs-Apps.

Lesen Sie auch

Letztlich muss allen klar bleiben, dass solche Programme wahrscheinlich nur einen kleinen Teil der Coronavirus-Bekämpfung ausmachen. Sie sind keine Zauberformel, die das Problem einfach löst. "Wer Zeit und Geld in Technik investieren will, um Coronavirus-Infektionen zu verfolgen, sollte sich wahrscheinlich besser darauf konzentrieren, die manuelle Kontaktverfolgung effizienter zu machen", meint Ex-Googler Eland.

(bsc)