Cypherpunks: Von Anarchisten und Utopisten hinter den Kryptowährungen

Bitcoin & Co. sind nicht nur Spekulationsvehikel, sondern auch in Code gegossene Politik. Ein Blick auf die anarchischen und libertären Wurzeln des Kryptogelds.

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(Bild: Svetlana Sotnikova/Shutterstock.com)

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  • Ursula O’Kuinghttons

Im September 2021 hat mit El Salvador der erste Staat der Welt den Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel anerkannt. Ein langer Weg liegt hinter der ältesten und immer noch bekanntesten Kryptowährung. Geboren ist sie eigentlich aus einem ausgeprägten Misstrauen gegen Staat und Überwachung. So passt es nur zu gut, dass bis heute nicht bekannt ist, wer sich hinter dem Pseudonym ihres Erfinders Satoshi Nakamoto verborgen hat – und wird vielleicht auch nie ans Licht kommen wird. Aber das Umfeld, aus dem die Technologie geschöpft hat, kennen wir.

Ein Artikel von Ursula O'Kuinghttons

Ursula O'Kuinghttons leitet die Öffentlichkeitsarbeit bei Parity Technologies. Ihre Karriere begann als Journalistin bei der Nachrichtenagentur Reuters, bevor sie zur spanischen Zeitung El País wechselte und anschließend einen Sprung in die Tech-Industrie zum New Yorker Blockchain-Startup Civil Media Company machte.

In den frühen 1990er-Jahren finden sich Leute zusammen, die sich für das Internet und Kryptografie begeistern. Wie man angesichts des Einflusses großer Unternehmen und der staatlichen Kontrolle in einem vielleicht bald alles verbindenden Netz den Schutz der Privatsphäre retten kann – das ist eine der Fragen, die sie umtreibt. Dazu gehört auch, wie man digital bezahlen kann, ohne überall Datenspuren zu hinterlassen.

Angeführt von Tim May, John Gilmore und Eric Hughes schlossen sich einige von ihnen, darunter vor allem Libertäre und Anarchisten, 1992 zu einer Gruppe zusammen, die als Cypherpunks bekannt werden sollte. Die Bewegung gilt heute als Inspiration von bekannten Online-Plattformen wie WikiLeaks – und den mittlerweile boomenden Kryptowährungen. In ihren Mailinglisten wurde unter anderem über digitales Bargeld diskutiert, das auf vernetzten Computern gehandelt werden kann, sich leicht verifizieren, aber nicht fälschen oder vervielfältigen lässt und dabei keine Informationen über die Nutzer und Anwendung hinterlässt.

Im "Crypto Anarchist Manifesto" schrieb Tim May bereits 1988: "So wie die Technologie des Buchdrucks die Macht mittelalterlicher Gilden einschränkte und soziale Machtstrukturen veränderte, so werden kryptologische Methoden das Wesen von Konzernen und von staatlichen Eingriffen in wirtschaftliche Abläufe grundlegend verändern."

Die Überwachung unseres Lebens, vor allem unseres Konsumverhaltens, begann jedoch bereits in den 1970er Jahren mit der Einführung des elektronischen Geldes. Die Frage nach den digitalen Zahlungen, die keine Spuren hinterlassen, beschäftigte in dieser Zeit den jungen Kryptographen David Chaum von der University of Berkeley. 1979 veröffentlichte Chaum als Doktorand seine erste Publikation zum Thema Datenschutz und stieß auf große Resonanz. "Mir wurde klar, wie grundlegend Privatsphäre für eine Welt sein würde, in der Technologie Teil unseres Lebens wird."

Chaums Dissertation "Computer Systems Established, Maintained, and Trusted by Mutually Suspicious Groups" von 1982 gilt als erster Entwurf eines Blockchain-Protokolls. Im Laufe der Jahre erfand er verschiedene kryptografische Protokolle und das digitale Währungsystem eCash, das unter anderem auf die von entwickelten Blindsignaturen setzt. Diese Software sollte Transaktionen verschlüsseln und es den Banken, der Regierung oder anderen Dritten unmöglich machen, elektronische Zahlungen nachzuverfolgen.

David Chaum kennt Europa gut. 1989 gründete er in den Niederlanden seine Firma DigiCash, die aus dem eCash-Konzept ein Geschäft machen sollte. In seinem Haus in Los Angeles sitzend, erklärt Chaum mir in einem Video-Interview: "Mein Ziel war es immer, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, indem man Menschen die Angst nimmt, von der Regierung oder anderen ausspioniert zu werden. Als das digitale Zeitalter anbrach, war dieses Ziel in Gefahr und ich beschloss, DigiCash zu gründen."

Bereits kurz nachdem Chaum und sein Team ihr Unternehmen für digitales Bargeld gegründet hatten, waren mehrere Banken an dem Projekt interessiert. Ursprünglich arbeitete DigiCash nur mit der US-amerikanischen Mark-Twain-Bank zusammen, die später von der Mercantile Bank aus Missouri übernommen wurde. Bereits wenig später folgte die Deutsche Bank als zweites Finanzinstitut, das die Technologie Chaums testete. Das richtig große Geschäft für DigiCash wäre wohl ein Deal mit Microsoft geworden, das 100 Millionen US-Dollar für die Integration seiner eCash-Technologie in das Betriebssystem Windows 95 bot. Der Deal scheiterte, Chaum und Microsofts damaliger CEO Bill Gates wurden sich nicht einig. Ende der 90er ging Digicash pleite.

Chaum sah die Bedeutung des elektronischen Geschäftsverkehrs früh voraus. Schon vor Aufkommen des Internets war er überzeugt, dass diese neue Technologie riesige Auswirkung auf unser Leben haben werde. Er fasst diese Zeit so zusammen: "Wir haben im Grunde mit einer Art von Stablecoin für nationale Währungen mehrerer Länder gehandelt. Wir waren damals unserer Zeit voraus. Ich denke, Stablecoins werden der Schlüssel zur globalen Anwendung von Kryptowährungen sein."

Seine Freude darüber, dass die Cypherpunks seine Schriften als Referenz nahmen und versuchten, einige seiner Ideen umzusetzen, verhehlt Chaum nicht. "Das war großartig. Einige der Schlüsselfiguren der Cypherpunk-Bewegung sind seit Jahrzehnten meine guten Freunde, wie der Kryptograph Nick Szabo, und ich habe ihnen zeitweise auf persönlicher Ebene geholfen."

Mit Beginn der 2000er Jahre war die Blüte der Cypherpunks-Bewegung vorbei. Ihre Ideen leben aber bis heute weiter. So beziehen sich darauf etwa junge Leute wie der britisch-iranische Hacktivist Amir Taaki, der als einer der ersten Entwickler des Bitcoin-Projekts und Förderer von Open-Source-Initiativen bekannt wurde.

Wenn der erst 33 Jahre alte Coder spricht, klingt er trotz seines jungen Alters wie ein Philosoph. Taakis Leben ist gekennzeichnet von Erfahrungen auf realen und virtuellen Schlachtfeldern. So hat er zwei Jahren auf Seiten der Rojava-Bewegung in Nordsyrien gegen den Islamischen Staat gekämpft, 2017 kehrte er von dort nach Europa zurück. Und in der virtuellen Welt, wo Taaki mit mehreren Aktivistengruppen zusammenarbeitet, setzt er sich leidenschaftlich dafür ein, Kryptogeldtechnik als emanzipatorische Kraft zu verwenden.

So war es auch das Versprechen "offen und frei von Kontrolle" zu sein, das Taaki in den Krypto-Bann zog. Mit Projekten wie der anomysierenden Wallet-Software Darkwallet und einem Prototypen für einen dezentralisierten Online-Markt, aus dem 2016 die Plattform OpenBazaar geforkt wurde, versuchte er das zu realisieren. Von Projekten, digitale Währungen unter Kontrolle der Zentralbanken zu entwickeln, hält er gar nichts. Aber auch der aktuellen Kryptogeldszene kann er wenig abgewinnen.

"Warst du bei der Bitcoin-Konferenz in Miami?", fragt mich Taaki. "Es ist zum Verrücktwerden. Ich habe eine Präsentation von Michael Saylor gesehen und dachte, dieser Typ hat keine Ahnung, wovon er redet. Er spricht über Venezuela und darüber, wie er Bitcoin für die Entwicklungsmafia verfügbar machen will. Die Leute konsumieren absoluten Müll, wie in Superheldenfilmen."

Anstelle von jungen Träumern, die die Welt verändern wollen, dominiere eine Gruppe institutioneller, wohlhabender Investoren wie Michael Saylor, die "den wirtschaftlichen Konsens hinter all dem für sich nutzen", sagt Taaki. Saylor kauft mit der von ihm gegründeten Software-Firma Microstrategy seit vergangenem Sommer im großen Stil Bitcoin ein und hält diese – jüngsten Quartalszahlen nach sind es inzwischen 114.000 Bitcoin.

Ein Aspekt, der Taaki an Kryptowährungen begeistert, die Tokenisierung von Werten. Sie schaffe die Möglichkeit eines Wirtschaftssystems, in dem Menschen als Teilhaber an bestimmten Projekten partizipieren können. In seinem kurzen Vortrag vermittelt er mit seine Ideen und klingt wie ein leidenschaftlicher Ökonom, der über die Theorie des Geldes spricht. "Die westliche Schule der Ökonomie, die Teil dieser fast liberalen Ideologie ist, funktioniert nur in einem hegemonialen System, denn Märkte reflektieren, was man denkt – fast als ob sie es fühlen können. Menschen neigen dazu, Verhaltensweisen von Personen aus ihrem näheren Umfeld zu imitieren und sich anzueignen, zum Beispiel ihre Sprache und Gesten."

Taaki befürchtet sogar, dass es Verteilungkämpfe um Kryptowährungen geben könne. "Bitcoin ist eine knappe Ressource, und diese Knappheit schafft Konflikte. Ich denke, es wird einen großen Konflikt zwischen den Leuten geben, die Bitcoin haben und den Leuten, die Bitcoin nicht haben. Viele Menschen haben nicht einmal die richtigen Tools, um in den Besitz von Bitcoin zu kommen. In einigen Ländern haben sie nicht einmal die entsprechenden Smartphones", sagt er. In Taakis Kopf spukt – wie bei vielen Bitcoinern – die Möglichkeit ausufernder Inflation. Und dennoch glaubt Taaki, trotz eines Mangels an empirischen Beweisen, dass Bitcoin ein "sicherer Hafen" werden könne.

Die "Bitcoinisierung" von El Salvador zu beurteilen oder gar zu verstehen, fällt Taaki schwer. Da es sich nicht um ein politisches, kein utopisches Modellprojekt handele, habe der Ansatz des mittelamerikanischen Entwicklungslandes mehrere Schwachstellen, befindet er. So fehle es in dem zentralamerikanischen Land zum Beispiel an Bildung und lokaler Infrastruktur. Es bleibe also abzuwarten, inwieweit die Regierung von Präsident Nayib Bukele die Privatsphäre ihrer Bürger bei Finanztransaktionen respektieren wird. Besonders in einem Land, in dem die Überweisungen aus dem Ausland 20 Prozent des BIP ausmachten.

Noch wichtiger als die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Kryptowährungstechnik ist Taaki aber die Stärkung der Gesellschaft. Hier sieht er mithin das größte Potenzial. Für ihn ist eine Trennung der Technologie von der Ideologie unmöglich. Jede Innovation folgt einem Zweck. Und der Zweck der Blockchain sei es, die Macht über die Technologie in die Hände der Menschen zu legen. In der Vergangenheit wurden Computer von Konzernen und dem Militär – und von Hackern, "die versuchten, die Technologie zu rekonstruieren, sodass die Macht des Computings in die Hände des Volkes gelegt werden konnte", sagt er. (axk)