DIW-Chef: "Der Niedriglohnsektor hätte nicht sein müssen"

Marcel Fratzscher, DIW, bezeichnet im Interview mit Technology Review die Globalisierung noch immer als Erfolgsmodell. Wir müssten sie aber anders gestalten.

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Marcel Fratzscher, Präsident des DIW, wird von konservativen Ökonomen gerne als zu links kritisiert.

(Bild: Marcel Fratzscher)

Von
  • Wolfgang Stieler

"Es gibt wahrscheinlich in den vergangenen 70 Jahren keinen größeren Gewinner der Globalisierung als Deutschland", sagt Marcel Fratzscher im Interview mit MIT Technology Review. Fratzscher leitet seit 2013 das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und ist Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Im Rahmen des Titelthemas "Deglobalisierung" der aktuellen Ausgabe von MIT Technology Review wollten wir von Marcel Fratzscher wissen, ob er die derzeit laufende Debatte um eine Rückverlagerung von Produktionen nach Europa für zielführend hält.

"Auch Krieg oder Pandemie und zusammenbrechende Lieferketten sind allein kein Grund, die Globalisierung zurückzudrehen", sagt Fratzscher. Denn Globalisierung sei "eine Methode, um Risiken zu diversifizieren." Es gäbe allerdings, schränkt der Ökonom ein, "zwei grundlegende Mankos bei der Globalisierung, so wie sie in den letzten 30 Jahren gelebt wurde." Zum einen habe die Politik die Rahmenbedingungen so gesetzt, "dass der Nutzen der Globalisierung weltweit sehr ungleich verteilt ist, dass viele davon nichts haben oder sogar darunter leiden", sagte er. Zudem habe sich die Politik "von gewissen Unternehmen und wirtschaftlichen Interessen zu sehr instrumentalisieren lassen", die einen Wettbewerb um niedrige Steuersätze und Löhne durchgesetzt habe. "Der Niedriglohnsektor hätte nicht sein müssen."

Dieser Text stammt aus: MIT Technology Review 7/2022

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Um solche Fehlentwicklungen in Zukunft zu verhindern, und sich auch politisch nicht erpressbar zu machen, bräuchte es zukünftig "starke internationale Institutionen" und "globale Regeln", sagt Fratzscher. "Auf dieser Basis können Amerikaner und Europäer sich zusammentun und mit möglichst vielen Ländern Freihandels- und Investitionsabkommen abschließen. Dann setzen wir Standards – ethische, technologische, in Bezug auf Menschenrechte, Datenschutz oder Arbeitsschutz. Und daran müssen sich alle global halten. China hat dann die Wahl: Macht ihr mit oder bleibt ihr draußen?"

(wst)