Das Blatt, das wendet: Kompakt-E-Auto Nissan Leaf

Der Nissan Leaf war das erste E-Auto, das in der Kompaktklasse als schrullenfreier Alleskönner wahrgenommen wurde. Das hat ein ganzes Segment aufgewertet.

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Nissan Leaf

Der Leaf als erstes Elektroauto in Großserie sei eine Wette auf die Zukunft, urteilte eine Jury 2010.

(Bild: Nissan)

Von
  • Christian Domke Seidel

Dieser Artikel ist Teil einer Serie, in der es um spannende automobile Vorkämpfer geht, die drohen in Vergessenheit zu geraten. Denn meist war ihr Mut nicht von Erfolg gekrönt.

Teil 1: Der Blitz, den niemand wollte: Audi duo, erster Hybrid auf dem Markt

Teil 2: Nichts war Roger: General Motors erstes Elektroauto EV1

Teil 3: Das Gegenteil von Diesel: Volvo V60 Diesel-Plug-In-Hybrid

Teil 4: Applaus den Gründervätern: Mitsubishi i-MiEV, Peugeot iOn & Citroën C-Zero

Teil 5: Bastlerhit für Liebhaber: Tesla Roadster

Teil 6: Vergaloppiert: Wasserstoff-Auto ohne Brennstoffzelle BMW Hydrogen 7

Dass die Elektromobilität im Alltag angekommen ist, zeigen schon die Diskussionen rund um neue Modelle und Generationenwechsel. Seit Nissan im Jahr 2017 die zweite Generation des Leaf präsentierte, geht es vor allem um Marktanteile und Preisschlachten. Die übliche Marktschreierei mit Argumenten, die auch bei konventionellen Fahrzeugen gebracht werden (Kofferraum, Interieur-Design). Das war nicht immer so.

Als der Nissan Leaf im Dezember 2010 auf den Markt kam, gab es gewissermaßen keine Elektromobilität. Es gab Autos, die entweder keiner wollte oder sich keiner leisten konnte oder deren Nutzwert gegen Null tendierte. Doch der Nissan Leaf trat nicht als Elektroauto, sondern als Kompaktwagen an. Kompaktwagen? Da war doch was? Genau, VW Golf. Das Auto. Das bedeutete für Nissan, dass sie mit dem Leaf einen Rundumschlag von Auto abliefern mussten. Und auch getan haben.

Die Anfänge des Leaf gehen zurück ins Jahr 1990. Damals ging Nissan eine Kooperation mit Sony ein. Ziel war es, Elektroautos zur Serienreife zu bringen. Sony sollte vor allem bei den Akkus helfen. Denn Automarken können Autos bauen. Aber keine Akkus. Wer damals nicht weitsichtig genug und in jüngerer Vergangenheit nicht risikofreudig genug war, hängt heute am Tropf chinesischer Zulieferer.

Erstes Ergebnis dieser Kooperation war der Nissan Prairie EV. Also eine Elektro-Version des japanischen Vans. Die Reaktionen waren zurückhaltend. Außer beim Thema Batterietechnik. Denn zum ersten Mal überhaupt kamen Lithium-Ionen-Akkus statt Nickel-Metall-Hydrid-Blöcke zum Einsatz.

Während der Kooperation entstand eine ganze Reihe an vordergründig erfolglosen Fahrzeugen, die beiden Konzernen jedoch halfen, die Batterietechnik auf ein neues Level zu heben. Es folgte eine weitere Kooperation, diesmal mit dem Elektronikkonzern NEC. Deren kompakte Lithium-Ionen-Akkus konnten bei gleicher Größe doppelt so viel Energie speichern, revolutionierten so den Markt für Mobiltelefone und brachten Nissan in eine komfortable Startposition bei der Elektromobilität.

Nissan Leaf (4 Bilder)

Im Dezember 2010 kommt der Nissan Leaf auf den Markt, im November erhält er schon die Auszeichnung "Auto des Jahres".

Nach einigen futuristischen Studien präsentierte Nissan 2009 den Leaf. Der war auf den ersten Blick derart unspektakulär für ein Elektroauto, dass es einer Sensation gleichkam. Kein abschreckender Futurismus, kein Verzicht. Trotz grünem Anspruch ist das Fahrzeug nicht nach dem englischen Wort für Blatt benannt, sondern ist ein Akronym, das für "Leading Environmentally-friendly Affordable Family car" steht.

Dann ging alles ganz schnell. Bereits vor seiner offiziellen Markteinführung erhielt der Nissan Leaf die Auszeichnung "Auto des Jahres 2011". Nicht in der Kategorie "Elektrofahrzeuge" (die gibt es nicht), sondern im Vergleich mit allen anderen Neuerscheinungen des Jahres. Darunter Fahrzeuge wie Audi A7, BMW X3, Kia Sportage, Porsche Cayenne und Volvo V60. Die Jury betonte zwar die Nachteile (mangelnde Reichweite, fehlende Ladeinfrastruktur), adelte jedoch den Mut von Nissan. Der Leaf als erstes Elektroauto in Großserie sei eine Wette auf die Zukunft.

In einer Zeit, in der Elektromobilität immer noch ein Synonym für Verzicht war, bot der Nissan Leaf außerdem ein Rundum-Sorglos-Paket. Es gab vier Türen, fünf Sitzplätze und immerhin noch 330 Liter Kofferraumvolumen. Das liegt daran, dass es sich beim Nissan Leaf um das erste Elektroauto handelt, das auch als solches konzipiert wurde. Es ist kein umgebautes, vorher fossil angetriebenes Fahrzeug, bei dem einfach nur der Motor ausgetauscht und Batterien versteckt wurden. So packte Nissan die Akkus einfach in den doppelten Fahrzeugboden. Davon abgesehen, dass es den Kofferraum nicht verkleinert, senkt das auch den Schwerpunkt des Autos enorm.

Es folgt eine beeindruckende Erfolgsgeschichte. Im Februar 2013 knackt der Nissan Leaf als erstes Elektroauto weltweit die Marke von 50.000 Stück. Im Januar 2014 sind es bereits 100.000. Aktuell (Ende 2020) rund eine halbe Million. Doch der Stern beginnt zu sinken. Die Konkurrenz hat aufgeholt. Nissan reagiert mit Kampfpreisen. So kann der Leaf aktuell schon ab 99 Euro pro Monat geleast werden. Wer einen kaufen will, zahlt dank Umweltbonus nur noch 23.230 Euro. Wie gesagt: Auch dank des Nissan Leafs sind Elektroautos in der harten Wirklichkeit der Mobilität angekommen.

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(fpi)