Das Display der Zukunft im Feldversuch

Der japanische Elektronikkonzern Hitachi testet farbiges elektronisches Papier erstmals in einer Tokioter Stadtbahn - der entscheidende Schritt zum Durchbruch für die neue Technologie?

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Von
  • Martin Kölling

Nach dem Hitachi 2005 schwarz-weißes elektronisches Papier im Freiland getestet hat, startet das Unternehmen seit gestern in Zusammenarbeit mit der Eisenbahngesellschaft JR East einen ein-monatigen Feldversuch auf der Tokioter Yamanote-Linie für farbiges elektronisches Papier (E-Paper). In mehreren Zügen ist sowohl im ersten als auch im letzten Zugwagen an der Rückwand der Fahrerkabinen je ein achtfarbiges 13,1-Zoll-Display befestigt. Meinungsumfragen sollen bis Ende März 2007 die Eindrücke der Bahnkunden sammeln. Im kommenden Jahr wolle Hitachi entscheiden, ob und wann die Displays vermarktet werden, sagt Yuki Maeda, Pressesprecher für Hitachis Informations- und Telekommunikationssysteme TR Aktuell.

Der Feldversuch unterstreicht die Aufbruchstimmung bei E-Paper-Entwicklern, die auf einen Ersatz bisheriger papierener Werbeposter hoffen. Denn gegenüber Flüssigkristallbildschirmen hat E-Paper den Vorteil, Inhalte wie Papier auch ohne Stromzufuhr und Hintergrundbeleuchtung halten zu können. Außerdem können die Bildinhalte anders als bei Papier schnell gewechselt werden, ohne dass Plakate gedruckt und personalintensiv ausgetauscht werden müssen. Inzwischen haben erste Schwarz-Weiß-Produkte wie elektronische Bücher bereits die Marktreife erlangt.

Farbige E-Paper machen die Technologie besonders für Japans Eisenbahngesellschaften interessant, die ihre Nahverkehrszüge mit Werbeplakaten zupflastern. Nach Angaben von JR East hängen in jedem der täglich 52 Züge der Yamanote-Linie, die in einer Stunde Rundfahrt Tokios Zentren verbinden, 568 Plakate in den Dachschrägen, 308 Poster über den Gängen, 230 eingerahmte B3-Poster und 212 etwa Postkarten große Sticker neben den Türen, die bisher per Hand ausgewechselt werden. Darüber hinaus sind über den Türen noch 192 Flüssigkristallbildschirme angebracht, die Hälfte davon für Informationen, die andere für Werbung. Da verspricht E-Paper ein großes Einsparpotenzial und durch den schnellen Wechsel der Einblendungen neue Einnahmemöglichkeiten für die Bahn - und eine riesige Nachfrage für die Hersteller.

Um sich ein Stück vom Markt zu sichern, setzt Hitachi auf die E-Paper-Technik des japanischen Reifenherstellers Bridgestone. Im Gegensatz zum Marktführer E Ink und dessen weitverbreitetem Ansatz für elektronische Tinte, kleine mit leitender Flüssigkeit gefüllte Mikrokapseln in einem flüssigen Polymer durch das Anlegen von Spannung zu drehen und so ein- und auszuschalten, hat Bridgestone farbige Puder aus roten, grünen, blauen und weißen Pigmenten in kleine, durch Stege getrennte Kammern gefüllt. Durch das Anlegen von Spannung werden die Pulver entweder nach oben oder unten bewegt und verharren dort auch ohne Strom in ihrem jeweiligen Schaltzustand. Die Vorteile: Erstens verkürzt sich die Reaktionszeit der Pixel von bis zu mehreren hundert Millisekunden im Falle der trägen Kugeln auf 0,2 Millisekunden. Zweitens arbeitet das Puderdisplay sehr Strom sparend. Die Akkus müssen nur zwei Mal pro Monat aufgeladen werden.

Darüber hinaus hat Hitachi die fünf Millimeter dicken Testdisplays mit einem acht Megabyte großen Speicher ausgestattet. Der fasst genug Daten für 40 Poster im A4-Format. Alle zwei Minuten wird die Anzeige der 37 teilnehmenden Werbepartner, darunter der Dessous-Hersteller Triumph, gewechselt. Das richtige Produkt würde zudem mit einem drahtlosen LAN ausgestattet, so dass die Poster im Speicher einfach erneuert werden können. Die Lebenszeit des elektronischen Papiers gibt Hitachi mit ungefähr drei Jahren an, abhängig vom Einsatz. Je häufiger die Bilder gewechselt werden und je mehr Sonnenlicht das Display abbekommt, desto kürzer die Haltbarkeit, erklärt Pressemann Maeda.

Doch anders als schwarz-weißes scheint farbiges E-Paper noch mehr Verheißung als ein marktreifes Produkt zu sein, wie Hitachi eindrucksvoll demonstriert. Die Werbung ist fast nicht zu erkennen, die Schriftzüge gezackt. Nicht nur ist der Kontrast (von 5 zu 1 anstelle 7 zu 1 beim schwarz-weiß-Display) so matschig und die „Helligkeit“ wegen Filtern und einer schützenden Glasscheibe so gering, dass weiß hellgrau und schwarz dunkelgrau wirken und bei farbigen Anzeigen sich schwarze Schrift kaum vom bunten Rest abhebt. Außerdem reflektiert das Glas stark. Zudem sind die Auflösung mit derzeit 50 dpi und die Farbtiefe mit acht Farben so gering, dass sich weder Bilder noch kleine Schriftzüge sauber darstellen lassen. Die 13,1-Zoll-Bilddiagonale reicht auch nicht aus, um Poster zu ersetzen.

„Wir müssen daran noch arbeiten“, gibt Maeda das Offensichtliche zu. Doch das Unternehmen glaubt, die Herausforderungen meistern zu können. Als Beispiel verweisen die Sprecher auf einen E-Paper-Prototypen, der immerhin schon 4096 Farben darstellen kann. Auch das Problem der Größe schreckt Hitachi nicht. „Wenn wir erstmal das System haben, ist die nur noch eine Frage der Produktion“, sagt Nobuyuki Ogura, Manager von Hitachis Abteilung für Transport-Informationssysteme. (nbo)