Das Geschäft mit dem Crowdturfing

Die meisten Aufträge, die Crowdsourcing-Dienste in China und den USA abwickeln, dienen inzwischen der Manipulation von sozialen Netzwerken und der öffentlichen Meinung.

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Von
  • Tom Simonite

Die meisten Aufträge, die Crowdsourcing-Dienste in China und den USA abwickeln, dienen inzwischen der Manipulation von sozialen Netzwerken und der öffentlichen Meinung.

Das Crowdsourcing von digitalen Jobs hat sich zu einer florierenden Branche gemausert: Diverse Firmen zahlen Tausenden von Nutzern kleine Beträge dafür, dass diese etwa Bilder verschlagworten – was Computer heute noch nicht können. Ein Report der University of California in Santa Barbara (UCSB) beschreibt nun die dunkle Seite der Branche: Vor allem in China, aber auch in den USA ist eine Millionen-Dollar-Industrie entstanden, die mittels Crowdsourcing systematisch die Manipulation von sozialen Netzwerken betreibt. Der Report ist auf dem arXiv-Server veröffentlicht worden.

Den Anstoß zu der Studie gab für den UCSB-Informatiker Ben Zhao, einem der Autoren der Studie, ein Projekt mit dem sozialen Netzwerk RenRen – manchmal als das „Facebook von China“ bezeichnet. Zhao hatte untersucht, welche zwiespältigen bis kriminellen Machenschaften dort stattfinden. Erstaunt stellte er fest, dass manche Nutzer ziemlich clever Spam und Produktwerbung in dem Netzwerk platzierten – offenbar schienen sie einer bestimmten Agenda zu folgen.

Als Zhao und seine Kollegen die Vorgänge genauer analysierten, stießen sie schließlich auf eine „bösartige Form von Crowsourcing im ganz großen Stil“, wie Zhao es beschreibt. Er nennt es „Crowdturfing“, in Anlehnung an das Phänomen des „Astroturfing“. Bei dem versuchen Lobbygruppen, ein politisches Anliegen mittels erfundener Bürgerinitiativen voranzutreiben, um die wahren Absender der Kampagne zu verschleiern.

Die UCSB-Forscher fanden heraus, dass ein großer Teil des Crowdturfings in China von zwei Crowdsourcing-Diensten ausgeht: vom Marktführer Zhubajie und von Sandaha. Dort bekommen Nutzer 20 bis 30 Cent dafür, dass sie auf bestimmten Websites Konten eröffnen, tendenziöse Antworten zu Produkten in Frageforen posten oder positive Nachrichten über bestimmte Produkte in sozialen Netzwerken verbreiten.

„Das läuft in aller Öffentlichkeit ab. Man kann sehen, wer solche Jobs angeboten hat und was dafür gezahlt wurde“, sagt Zhao. Nach einer Software-Analyse ist sein Team zu dem Schluss gekommen, dass 88 Prozent aller Jobs bei Zhubajie und 92 Prozent bei Sandaha dem Crowdturfing zuzuordnen sind. Zhubajie wickelt hierbei ein Auftragsvolumen von monatlich über einer Million Dollar ab. Bei Sandaha liegt es noch im fünfstelligen Bereich. „Dieser Sektor verzeichnet ein exponentielles Wachstum“, stellt Zhao fest. „Das Phänomen steht noch ganz am Anfang.“

Angesichts des Ausmaßes der chinesischen Crowdturfing-Aktivitäten begannen die UCSB-Forscher auch US-Dienste zu untersuchen. Der größte ist Mechanical Turk von Amazon, gefolgt Nachahmern wie ShortTask.

Bei Letzteren finde ebenfalls „eine Menge Crowdturfing statt“, sagt Zhao. Im Unterschied zu Amazon blockiert die Konkurrenz Aufträge zur gezielten Manipulation nicht. Bei ShortTask liege der Crowdturfing-Anteil bei 95 Prozent. Doch selbst bei Mechanical Turk klassifizierte Zhaos Team zwölf Prozent der vergebenen Aufträge als Crowdturfing, obwohl Amazon aktiv gegen derartige Versuche vorgeht.

Für Zhao sind diese Dienste dabei, sich zu einem ernsthaften Problem für Facebook, Twitter und andere sozialen Netzwerken zu entwickeln. „Die Leute sind schon für Kleinstbeträge bereit mitzumachen, und die Ergebnisse, die sie erzielen, sind sehr gut“, stellt Zhao fest. Je besser die Bezahlung für Nutzer aus Schwellen- und Entwicklungsländern werde, desto mehr werde sich das Crowdturfing ausweiten.

„Das Üble daran ist, dass sie es als Netzwerk-Betreiber kaum nachweisen können“, meint Zhao. Alle Sicherheitsvorkehrungen seien derzeit auf Fremdprogramme ausgelegt, die Inhalte automatisiert verbreiten. Derartige „Bots“ hatte Zhaos Gruppe bereits in Facebook entlarvt.

Soziale Netzwerke versuchen sich gegen Bots vor allem durch so genannte Captchas zu schützen: Bilder mit einer Zeichenkombination, die Software aus den Bilddaten – noch – nicht herausfiltern, ein Mensch aber sofort erkennen und eintippen kann. „Sobald Menschen eingeschaltet werden, ist die Aushebelung dessen nur noch eine Frage des Preises“, sagt Zhao.

Auch Filippo Menczer vom Center for Complex Networks and Systems Research an der University of Indiana glaubt, dass sich das Problem noch verschärfen wird. Seine Gruppe hatte ein System entwickelt, um auf Twitter Astroturfing-Aktivitäten vor den US-Kongresswahlen 2010 aufzuspüren. Die Software analysiert zunächst Links, Namen, Sätze und Hashtags (mit „#“ gekennzeichnete Schlagworte) und verfolgt dann, ob manipulierende Aussagen Twitter-Nutzer beeinflussen.

Damit gelang es Menczers Gruppe auch, automatisierte Twitter-Konten zu entdecken. Menczer geht aber davon aus, dass ein guter Teil des Astroturfings, der mit subtileren Methoden arbeitet, unentdeckt bleibt. Hier könnte die Untersuchung von Crowdturfing helfen. Die Gruppe arbeitet nun daran, ihr Analysesystem für die US-Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr zu verbessern.

Eine weitere Möglichkeit, solche Machenschaften aufzudecken, sei, der Spur des Geldes zu folgen, sagt Ben Zhao. Eine Studie zu Jahresbeginn hatte herausgefunden, dass 95 Prozent aller Zahlungen, die auf Spam-Emails zurückgehen, von nur drei Banken abgewickelt werden. Es sei leichter, eine Handvoll Banken anzupeilen als Millionen von Botschaften und die Drahtzieher dahinter, meint Zhao. (nbo)