Das Grannophone – ein Videotelefon mit RasPi für ältere Nutzer

Mit dem Grannophone entsteht ein Videotelefon für ältere oder demente Menschen. Für das Gehäusedesign wird allerdings noch Unterstützung gesucht.

Lesezeit: 8 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 88 Beiträge
Von
  • Stefan Baur
Inhaltsverzeichnis

Seit dem Beginn der COVID-19-Pandemie ist der Zugang zu Alters- und Pflegeheimen nur noch eingeschränkt möglich und vom Besuch bei älteren Menschen wird abgeraten, selbst wenn sie nicht im Heim leben. Aber nur weniger als die Hälfte der Generation Ü65 und nur knapp ein Viertel der Generation Ü80 nutzt das Internet. Die Mehrzahl der älteren Leute steht mit moderner Technik auf dem Kriegsfuß oder ist aufgrund von Erkrankungen nicht in der Lage, Geräte wie Smartphones zu bedienen. Das Festnetztelefon ist daher bei einem Lockdown für diese Menschen praktisch die einzige Verbindung "nach draußen".

Ältere Menschen nehmen Smartphones nur zögerlich an.

(Bild: Südwest Presse vom 04.06.2021, "Unbeliebtes Smartphone", via dpa)

Wer seiner alternden Verwandtschaft deswegen mittels Videotelefonie etwas Gutes tun will, sieht sich gleich mehreren Problemen gegenüber: Smartphones/Tablets eignen sich nur für Leute, die keine Technik-Berührungsängste und keine körperlichen oder geistigen Einschränkungen haben. PCs sind leichter fernwartbar, haben aber eine noch höhere Hemmschwelle. Die Nachrüstung eines PCs mit einer Webcam scheiterte zu Beginn der Pandemie schon daran, dass Webcams gar nicht oder nur zu völlig überteuerten Preisen zu haben waren. Laptops mit Webcam braucht man dagegen meist selbst für das Home Office bzw. das Homeschooling.

Alle diese Lösungen setzen außerdem ein Mindestmaß an IT-Grundwissen beim Anwender voraus. Die niedrigschwelligste kommerzielle Lösung scheint Apples Facetime zu sein - aber was, wenn die Zielgruppe selbst damit überfordert ist?

Mehr von Make Mehr von Make

Der naheliegendste Gedanke ist, ein über die klassische Telefonleitung arbeitendes Bildtelefon aus der Mottenkiste zu holen. Nur: Diese Geräte gibt es seit 20 Jahren nicht mehr. Die letzten Bastler in dem Bereich haben vor über 15 Jahren ihre Versuche aufgegeben, die Geräte weiterzubetreiben. Noch dazu schränkt die geringe Bandbreite die Bildgröße und -qualität ein. Die neueren Videotelefone verwenden stattdessen einen Anschluss per Breitband-Internet und VoIP/SIP, sind aber auf den Firmeneinsatz ausgelegt und nicht gerade billig. Außerdem setzen sie meist auch eine Infrastruktur voraus, die im Unterhalt laufende Kosten verursacht, wie zum Beispiel einen Vertrag mit einem SIP-Anbieter oder eine Cloud-Telefonanlage. Nächstes Problem: Egal ob alt oder neu, diese Telefone schrecken mit ihrer Vielzahl an Tasten wieder die unbedarften/älteren Anwender ab.

Meine Idee ist daher, das Konzept "Seniorentelefon" (nur wenige, dafür große Tasten) auf das Videotelefon zu übertragen: Ein Telefonhörer an einem Kasten – aus dem ein Klingelgeräusch ertönt – wird auch bei älteren Leuten dazu führen, dass sie zum Hörer greifen – so meine Theorie. Und die Hemmschwelle, selbst ein Videotelefonat zu beginnen, wird, hoffe ich, geringer sein, wenn es ausreicht, den Hörer abzunehmen (Automatikwahl) oder vielleicht noch eine Taste zu drücken. Wenn die Person noch etwas "fitter" ist, kann man auch mehrere Zielwahltasten vorsehen – entweder auf dem Touchbildschirm oder als Hardwaretasten. Letzteres ist bei der angestrebten Zielgruppe vermutlich sinnvoller, da die Finger älterer Personen nicht mehr so gut von Touch-Sensoren erkannt werden.

Das Grannophone soll älteren Menschen Videotelefonie leichter machen

Eine andere Idee ist, einen Tastenwahlblock oder eine Wählscheibe zu verbauen. Dahinter steckt die Überlegung, dass bei Demenz vielleicht versucht wird, eine Rufnummer zu wählen, die die angerufene Person früher hatte - das Videotelefon fängt diesen Versuch dann ab und "mappt" den Anruf auf die aktuelle Nummer oder verbindet zu einem Familienmitglied, das dann "Fräulein vom Amt" spielt. Da Demenz die Kindheits- und Jugenderinnerungen am längsten unangetastet lässt (Ribotsches Gesetz), besteht eine reelle Chance, dass auch Demenzpatienten sich noch an die Funktion einer Wählscheibe erinnern – sogar noch eher als an die Bedienung des Tastenwahlblocks.