Das Unvollendete

Die Schöpfung des World Wide Web machte Tim Berners-Lee nicht sofort reich und berühmt.

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Von
  • Mark Frauenfelder
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Foto: Asia Kepka

Die Schöpfung des World Wide Web machte Tim Berners-Lee nicht sofort reich und berühmt. Teils lag das daran, dass das Web eher bescheidenen Technologien entsprang: Lees Erfindung gründete auf einem Datensuchprogramm namens Enquire (nach dem viktorianischen Buch "Enquire Within upon Everything"), das er 1980 als Programmierer am CERN-Forschungszentrum in Genf geschrieben hatte. Teils lag es auch daran, dass Lee das Undenkbare tat, als er ein Jahrzehnt später die Werkzeuge fertig stellte, die die Grundstruktur des Webs definieren: Er gab sie frei weiter, mit dem Segen des CERN. Während andere mit seiner Erfindung Millionen verdienten, machte sich der stille Programmierer an die Gründung des World Wide Web Consortium (W3C) am MIT, das er noch immer leitet, um globale Standards und Projekte für das Web zu fördern.

Endlich erhält Berners-Lee seinen Lohn: Im Juni hat Königin Elizabeth II. ihn geadelt, im Monat zuvor bekam er den finnischen Millennium-Preis, dotiert mit einer Million Euro, für "hervorragende technologische Leistungen, die unmittelbar der Lebensqualität der Menschen dienen, auf humanistischen Werten gründen und das wirtschaftliche Wachstum fördern". Heute, in seinem neuen Büro im von Frank Gehry entworfenen Ray and Maria Stata Center des MIT, ist der 49-jährige gebürtige Engländer mit der Aufsicht über hunderte Projekte am W3C beschäftigt.

Zudem arbeitet er persönlich an seiner zweiten großen Idee: dem semantischen Web, das definierende Kennzeichnungen an Webseiten hängt und sie so verlinkt, dass Rechner Daten leichter finden und neue Zusammenhänge zwischen Informationsfragmenten bilden könnten - praktisch eine global verteilte Datenbank. Obwohl das semantische Web schon Teil der ursprünglichen Absicht seiner Erfindung war, ist es seit 15 Jahren in der Entwicklung und trifft auf hartnäckige Skepsis. Dennoch glaubt Berners-Lee, dass es sich demnächst durchsetzen und Computern dazu verhelfen wird, Bedeutung aus entlegener Information zu ziehen, so einfach, wie das heutige Internet einzelne Dokumente verknüpft.

Das semantische Web ist Teil von Berners-Lees großer Vision eines "einzigen Bedeutungsnetzes von allem und jedem". Aber ist es ein verworrenes Web, das wir weben? Trotz seines Zukunftseifers sorgt sich Berners-Lee darum, dass schlecht durchdachte Änderungen der Organisation und Steuerung des Webs dessen Funktionsfähigkeit und "Allgemeingültigkeit" beeinträchtigen könnten. Am Tag vor seinem Abflug nach Helsinki zur Entgegennahme des Millenniumpreises sprach der Vater des World Wide Web mit Technology Review über seine Sorgen - und seine Träume.