Das eigentliche Problem des Standort D

Nicht die Kosten des Faktors Arbeit, sondern die mangelnde Ressourceneffizienz schwächen die deutsche Wirtschaft, behaupten IG Metall und Bundesumweltministerium und fordern eine neue Debatte über die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft.

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Von
  • Reinhard Töneböhn
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Wenn es um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland geht, sind meist dieselben wohlfeilen Rezepte zu hören: runter mit den Lohnkosten, rauf mit der Arbeitsproduktivität. Selbst im derzeitigen Aufschwung mahnen so genannte Wirtschaftsweise noch zur Lohnzurückhaltung in den anstehenden Tarifrunden, als ob hier die einzige Stellschraube für die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Wirtschaft liege. Die IG Metall und das Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) wollen diese verkürzte Perspektive nicht länger gelten lassen. Bei dem von ihnen veranstalteten Ressourcendialog am Rande der Hannover Messe ging es deshalb um Möglichkeiten, die Ressourceneffizienz als Faktor der Kostenersparnis zu steigern – denn hier ist für die Wirtschaft noch das meiste zu holen.

Tatsächlich machen Materialkosten weit mehr als 40 Prozent der Kosten im produzierenden Gewerbe aus, während die Lohnkosten deutlich unter 25 Prozent liegen. Während seit 1960 in der Arbeitsproduktivität eine Steigerung um den Faktor 3,5 erreicht wurde, stieg die Materialproduktivität nur um den Faktor 2, die Energieproduktivität sogar nur um den Faktor 1,5.

Hartmut Meine, Vorsitzender des IG-Metall-Bezirks Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, hält die jetzigen Produktionsmuster denn auch für absolut nicht zukunftsfähig. Nicht nur Erdöl und Erdgas seien endliche Rohstoffe, sondern auch Erze und sogar Steine und Erden. Dem permanenten Strukturwandel könne man sich nur durch Innovationen stellen und nicht durch Arbeitseinsparungen.

Immerhin stammen bereits jetzt 19 Prozent aller Umwelttechnologien aus Deutschland, arbeiten 1,5 Millionen Beschäftigte in der Umweltbranche, und 170.000 Jobs sind allein im Bereich der Erneuerbaren Energien entstanden. Laut Meine könne ein ökologischer Strukturwandel auch Beschäftigung in der klassischen Industrie schaffen, wie etwa in der Stahlindustrie als Zulieferer für die Windräderproduktion. Mehr noch, das Thema Materialeffizienz und Innovationen zur Qualitätssicherung und Umweltverträglichkeit sollten gar Thema in künftigen Tarifverhandlungen sein, so der Gewerkschaftler.

Die Kathy-Beys-Stiftung hat über Modellbetrachtungen für Deutschland gezeigt, dass eine Steigerung der Energie- und Materialeffizienz um 20 Prozent machbar ist. Bei einer normalen Lohnentwicklung würden das mit einer Schaffung von bis zu 760 000 Arbeitplätzen in Deutschland einhergehen. Allein Industrie und Handwerk könnten bis zu 83 Millionen Euro sparen.

Der IG-Metall-Vorsitzende Jürgen Peters moniert, dass sich 80 Prozent der Aktivitäten in den Unternehmen auf innerbetriebliche Änderungen konzentrierten, damit aber nur ein Fünftel des vorhandenen Potenzials genutzt werde. Wer nur die "schnelle Mark" machen wolle, habe nicht verstanden, was nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit sei.

Klaus Dilger, Universitätsprofessor am Institut für Füge- und Schweißtechnik in Braunschweig, nennt als Beispiel die Fertigung des Lotus Elise des britischen Autoherstellers Lotus Cars. Das neue Modell sei ohne einen einzigen Schweißpunkt gefertigt worden. Weil das Chassis nur mit Epoxid-Klebstoffen zusammengehalten wird, ist es um 65 Kilogramm leichter, verbessert sich das Fahrverhalten und erhöht sich sogar die Crash-Sicherheit. Das Klebeverfahren, so Dilger, schaffe neben der Energie- und Materialeffizienz qualifizierte neue Arbeitsplätze, die man wegen der hohen Anforderungen auch nicht einfach ins Ausland auslagern kann.