Das funkende Heim

Mit Microcells wird eine Verbindung zwischen Internet und Mobilfunknetz geschaffen, um die UMTS-Ausleuchtung in Büros oder Wohnungen zu verbessern. Während die deutschen Anbieter die Technik noch testen, beginnt in den USA der kommerzielle Betrieb.

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Von
  • Ben Schwan

iPhone-Besitzer in Amerika haben es nicht leicht. Der einzige dort von Apple zugelassene Mobilfunkanbieter für das "Wunderhandy" ist AT&T – und der kämpft insbesondere in hippen Großstädten wie New York, San Francisco oder Atlanta mit schwerwiegenden Überlastungen im UMTS-Netz. Die vielen mobilen Surfer, die zunehmend auch Multimedia-Angebote in Anspruch nehmen, belegen Funkfrequenzen und Bandbreite. Die Freude über das ansonsten von vielen Nutzern in den Himmel gelobte Smartphone währt dort deshalb manchmal nicht lange: AT&T und sein Netz sind fast schon zu einer Art Schimpfwort geworden, was Konkurrenten wie den ansonsten iPhone-losen Mobilfunk-Provider Verizon gar schon zu Spott-Reklame veranlasste.

Aber AT&T wäre nicht der zweitgrößte Handy-Netz-Betreiber in den USA, wenn er sich nicht etwas einfallen ließe. Zum einen wird den entnervten Kunden der zügige Ausbau der bestehenden Infrastruktur versprochen. Zum anderen sollen technische Überbrückungsmaßnahmen genutzt werden. Besonderer Hoffnungsträger ist dabei die so genannte Microcell-Technik. Das sind kleine Mobilfunk-Basisstationen, die man sich selbst ins Haus oder Büro holen kann, wenn man weiß, dass der Empfang dort schlecht ist.

Die Grundlagen der Technik sind äußerst clever: Der Kunde erhält das wie ein ganz normales DSL- oder Kabel-Modem aussehende Kästchen, verbindet es mit der heimischen Breitbandleitung und kann dann nach Aktivierung statt über das lahme Originalnetz über seine Microcell telefonieren und vor allem surfen. Da sich diese im eigenen Haus befindet, hat man stets optimalen Empfang. Zusätzlich versüßt wird das Angebot durch die Möglichkeit, eine Telefonie-Flatrate abzuschließen, die knapp 20 Dollar kostet.

Ist die Microcell aktiviert, erscheint im Display des Handys nach Freischaltung und Einbuchung ein "AT&T M-Cell" statt dem üblichen "AT&T". Dann kann man mit voller Geschwindigkeit surfen und mit vollem Empfang telefonieren. Anrufe und mobile Browser-Nutzung werden dabei komplett durch die Internet-Verbindung geleitet, an der die Microcell hängt. Ist diese ausreichend dimensioniert, erhält man tatsächlich nahezu den iPhone-möglichen Fullspeed. Potenziellen Ärger mit dem Provider will AT&T durch Verschlüsselung verhindern.

Ganz so frei wie AT&T es seinen Kunden verkauft ist die vom Internet-Ausrüster-Riesen Cisco gelieferte Microcell allerdings dann doch nicht einsetzbar. Dafür gibt es extra eigene (und für Datenschützer durchaus gruselige) Funktionen. So beinhaltet das Gerät einen eingebauten GPS-Satellitennavigationschip zur Feststellung der aktuellen Position, weshalb die Box möglichst fensternah stehen sollte. Diese Koordinaten werden benötigt, um Feuerwehr und Polizei den Standort des Nutzers durchzugeben, damit diese ihn im Falle eines Notrufs sofort und ohne Adressangabe lokalisieren können.

AT&T nutzt GPS aber auch, um den gerade angelaufenen kommerziellen Microcell-Betrieb zu kontrollieren, der aktuell nur auf bestimmte Märkte in Amerika beschränkt ist. Steht die Box dann außerhalb des zugelassenen Bereichs, versagt sie dem Besitzer ihre Freischaltung. "Vertickt Eure Microcell also nicht auf eBay", schreibt ein Blogger dazu.

So besonders gut sich die Microcell-Technik auch für entnervte amerikanische iPhone-Nutzer eignet – auch in Deutschland wird sie diskutiert. Hier experimentiert T-Mobile seit 2008 mit etwas kleineren Pico- oder Femtozellen (die Begrifflichkeiten gehen hier durcheinander), die einen ähnlichen Ansatz fahren: Der heimische DSL-Anschluss wird zum Mobilfunkbooster.

Interessiert an der Technik sind auch Vodafone und O2. Sie hat für die Mobilfunker einige entscheidende Vorteile: Sie müssen potenziell weniger flott das eigene Netz ausbauen, sparen Leitungskosten und lassen sogar den Kunden für die Basisstation bezahlen – so will AT&T für seine Microcell 150 Dollar sehen.

Der Kunde muss sich allerdings fragen, ob er die Technik wirklich braucht. Befindet man sich zuhause am DSL-Anschluss, kann man sich auch einfach ein WLAN-Netz einrichten, das dann vom Smartphone mitgenutzt werden kann. Nachteil: Die Sprachtelefonie, die über das Mobilfunknetz läuft, wird so nicht unterstützt. (Allerdings geht der Trend mehr und mehr in Richtung Internet-Telefonie – auch im mobilen Bereich.) Vorteil: Man holt sich keine zusätzliche Strahlenquelle ins Haus. Es bleibt daher abzuwarten, ob sich Micro-, Pico- und Femtocells durchsetzen können. Als Technik an sich sind sie durchaus eindrucksvoll. (bsc)