Das hohe Cis der Genetik

Forscher haben Kartoffeln so manipuliert, dass sie ohne fremdes Erbmaterial bessere Pommes liefern. Das Verfahren könnte manche Bedenken zerstreuen.

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  • Susanne Donner
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Forscher haben Kartoffeln so manipuliert, dass sie ohne fremdes Erbmaterial bessere Pommes liefern. Das Verfahren könnte manche Bedenken zerstreuen. Erst im Mai haben die Farmer im Kartoffelmekka von Idaho gesät. Es riecht noch nach gepflügter Erde, aber schon schieben sich die Sprossen von Dutzenden Pflänzchen aus dem Boden. In einem Gewächshaus ganz in der Nähe aber wächst eine sehr ungewöhnliche Kartoffelsorte heran: Aus ihr hergestellte Pommes frites sollen garantiert frei sein von krebserregendem Acrylamid.

Verantwortlich dafür ist Gentechnik – allerdings eine Variante, die auch Skeptikern gefallen könnte: "Das ist das erste Beispiel einer völlig neuen Generation von gentechnisch veränderten Pflanzen", sagt Caius Rommens. Der Biotechniker in Diensten des US-Unternehmens J. R. Simplot, einem der größten Kartoffelverarbeiter der Welt, hat die tolle Knolle selbst kreiert und ist ziemlich stolz darauf. Denn seine "Russet Boise" ist zwar gentechnisch manipuliert, aber statt mit artfremden Genen nur mit verändertem eigenem Erbgut. Sie ist also "cisgen" (die lateinische Vorsilbe "cis" bedeutet "diesseitig") statt transgen wie die meisten bisherigen – und oft gefürchteten – Gentech-Produkte.

"Die Menschen wollen kein Gemüse mit einem Extra-Gen aus einem Virus oder Bakterium. Drei Viertel lehnen das ab", sagt Rommens. Dagegen würde die Mehrzahl der Amerikaner Chips aus transgenem Gemüse bedenkenlos knabbern, wie Simplot unter Berufung auf Befragungen meldet; auch in Frankreich würden demnach immerhin 37 Prozent der Befragten bei cisgenem Gemüse zugreifen. In den USA stehen die Zeichen für die neuen Kartoffeln auch deshalb besonders günstig, weil die alten zunehmend in Verruf geraten: Ende April kündigte die Fast-Food-Kette Kentucky Fried Chicken an, ihre Pommes in Kalifornien künftig als potenziell krebserregend zu kennzeichnen. Andere Hersteller müssen diesem Beispiel folgen, so schreibt es ein neues Gesetz vor.

Radikal, aber konsequent: "Es gibt derzeit keinen Grenzwert, unterhalb dem Acrylamid unbedenklich ist", sagt Irene Lukassowitz vom Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin. Auf natürlichem Weg lässt sich die Entstehung des Giftes beim Brutzeln der Kartoffeln zwar vermindern, aber nicht komplett verhindern.

Mit Cisgenetik schon eher. Als Ausgangspunkt nahm Rommens die Kartoffelsorte "Ranger Russet" und knöpfte sich drei ihrer Gene vor – das für die Entstehung der Aminosäure Asparagin verantwortliche und zwei weitere, die dafür sorgen, dass die Kartoffelstärke bei Frost in Zucker umgewandelt wird. Bei allen drei Genen kehrte er die Abfolge der Erbinformation um und schleuste die rückwärts geschriebenen DNA-Fragmente wieder ins Pflanzengenom ein; diese Genabschnitte blockierten daraufhin die Ablesemaschine in der Zellfabrik – und ohne Asparagin und Zucker entsteht kein Acrylamid.

Acht Testesser probierten die gentechnisch veränderten Pommes und verglichen sie mit der herkömmlichen Variante. Laut dem "Journal of Agricultural and Food Chemistry" schmeckte ihnen die cisgene Variante sogar besser. Auch die gleichmäßige Farbe sei gelobt worden – hässliche braune Kanten oder schwarze Sprenkel bilden sich bei der cisgenen Sorte nicht, da der Zucker fehlt, der in der Hitze zu den braunen Stellen karamellisiert.

Wenn die jetzt gestarteten Versuche gut laufen, könnte die Designer-Kartoffel in vier Jahren in den USA auf den Markt kommen. Rommens stimmt bereits das hohe Cis einer neuen Gemüse-Ära an: "Wir können damit die guten Dinge in unseren Lebensmitteln verstärken und die schlechten ausschalten", sagt er. Perfekt seien Obst und Gemüse nämlich noch lange nicht. Cisgene Tomaten etwa könnten mehr Aroma haben, cisgene Sojabohnen mehr Vitamin E und cisgene Erdbeeren mehr Vitamin C als ihre natürlichen Verwandten.