Das weltgrößte biometrische Erfassungsprojekt kriselt

Korruption sollte in Indien mit Hilfe neuer Verfahren bekämpft werden. Doch das Projekt hat schwerwiegende Probleme.

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Das weltgrößte biometrische Erfassungsprojekt kriselt

(Bild: Indische Regierung)

Von
  • Michael Radunski

Am Anfang stand das große Versprechen der indischen Regierung, vor allem an die Millionen Armen des Landes: Dank einer zwölfstelligen Nummer würde der grassierende Missbrauch von Lebensmittelkarten ein Ende haben und die staatlichen Hilfen endlich denen zugute kommen, die sie am nötigsten brauchen. Es war der Beginn von Aadhaar, dem größten biometrisch gestützten Digitalisierungsprojekt der Welt.

Aadhaar – was auf Deutsch so viel wie Grundlage bedeutet – ist ein Personalausweis mit einer zwölfstelligen Nummer. Unter dieser Nummer werden in einer zentralen Datenbank die persönlichen und biometrischen Daten eines jeden Inders gespeichert, unter anderem die Iris-Scans beider Augen und alle zehn Fingerabdrücke. Ab September 2018 soll Gesichtserkennung als weiteres Identifikationsmerkmal hinzukommen.

Neun Jahre sind seit der Einführung vergangen. Inzwischen sind 1,2 Milliarden Inder in der Aadhaar-Datenbank registriert, im Durchschnitt wurden jede Sekunde 15 Inder digital erfasst, in einem Land von 3,3 Millionen Quadratkilometern Größe. Doch das Megaprojekt steckt in einer Krise. Die Journalistin Rachna Khaira von der Zeitung "The Tribune" deckte Anfang des Jahres auf, wie einfach – und vor allem billig – es ist, an die Milliarden Aadhaar-Daten zu gelangen. Hacker verschafften ihr den Zugang gegen eine Zahlung von 500 Rupien (etwa 6,10 Euro).

Trotzdem betont die Regierung in Delhi weiterhin, dass die Daten sicher seien. Die zuständige Behörde UIDAI, die Unique Identification Authority of India, zeigte Khaira sogar an. Die Begründung unter anderem: Betrug und Fälschung. Zur Kritik an Aadhaar trägt auch die schlampige Überprüfung von Ausweisdokumenten bei, die von den Bürgern beim Zuweisen der Aadhaar-Nummern eingereicht werden müssen. Berichten zufolge soll sogar ein Stuhl eine Nummer zugeteilt bekommen haben – tatsächlich mit dem Foto eines Stuhls auf dem Ausweis. So werden Betrugsfälle möglich – die das System eigentlich verhindern wollte. Ein Postulat der Weltbank zu Beginn des Projekts, sie nannte es "das anspruchsvollste Ausweisprogramm der Welt", erweist sich als richtig – nur eben anders als ursprünglich gedacht.

Eine Wahl, ob sie teilnehmen wollen, haben die Inder mittlerweile nicht mehr. Das ursprünglich freiwillige Programm ist nun verpflichtend. Nur mit Aadhaar kann man ein Bankkonto eröffnen, eine Telefonnummer oder Kreditkarte erhalten, Sozialleistungen in Anspruch nehmen, seine Steuererklärung abgeben oder eine Ehe schließen.

Wer in Hyderabad, der viertgrößten Stadt Indiens, ein Glas Wein oder Bier trinken möchte, muss seine Karte vorzeigen. Dieser Zwang geht vielen zu weit, Kritiker des Projekts bezeichnen Aadhaar als totalitär, verfassungswidrig und freiheitsbeschränkend. In wenigen Wochen wird nun Indiens Oberster Gerichtshof entscheiden, ob Aadhaar tatsächlich derart obligatorisch für staatliche Unterstützungen und Aufgaben eingeführt werden darf, oder ob dies die Privatsphäre der Bürger verletzt.

(bsc)