"Deep Blue hat nicht betrogen"

20 Jahre nach seiner historischen Niederlage gegen einen IBM-Computer hat der frühere Schachweltmeister Garri Kasparow ein Buch darüber veröffentlicht. Darin zeigt er sich in mancher Hinsicht überraschend milde.

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Von
  • Jonathan Schaeffer

Der frühere Schachweltmeister Garri Kasparow erzählt in seinem neuen Buch "Deep Thinking" seine Seite der Geschichte über sein berühmtes Match gegen den IBM-Computer Deep Blue im Mai 1997. Das Treffen mit sechs einzelnen Partien wird als Meilenstein in der künstlichen Intelligenz angesehen, oder alternativ auch als trauriger Tag für die (menschliche) Welt des Schachspiels.

Andererseits sind wichtige Fragen nur selten schwarz und weiß. In dem Buch beschreibt Kasparow, zusammen mit seinem langjährigen Co-Autor Mig Greengard, seine Erfahrungen vor dem Match, währenddessen und danach. Außerdem liefert er einen historischen Überblick über künstliche Intelligenz im Schach – insgesamt viel Stoff zum Nachdenken über unsere Zukunft neben immer intelligenteren Maschinen.

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Viele Schach-Interessierte werden das Buch kaufen, weil sie mehr über das Ergebnis des Wettkampfs erfahren wollen. Sie werden überrascht sein, bei Kasparow eine Seite kennenzulernen, von der die Öffentlichkeit bislang wenig wusste – er ist mit der Zeit milde geworden. Auf seinem Höhepunkt triefte er vor Selbstvertrauen und wurde oft als arrogant angesehen. Sein Streben nach Perfektion war unerbittlich, und in Bezug auf sein Handeln und seine öffentliche Aussagen war er kompromisslos. In Deep Thinking aber wird klar, dass Kasparow viel über das Match nachgedacht hat. Am überraschendsten ist, dass er sich an mehreren Stellen entschuldigt. In der folgenden Passage zum Beispiel macht er viele der Behauptungen rückgängig, die er im Eifer des Gefechts aufgestellt hatte:

Irgendwann habe ich aufgehört, zu zählen, wie oft mir die Frage "Hat Deep Blue geschummelt?" gestellt wurde. Meine Antwort darauf war jedenfalls stets "Das weiß ich nicht". Nach 20 Jahren Nachdenken, Enthüllungen und Analysen aber muss sie lauten: "Nein".

Kampfgeist aber steckt immer noch in Kasparow, wie sich an seinem anhaltenden Zorn über die Zeit direkt nach dem Match zeigt. Er bekam nicht die Revanche, die er erwartet hatte und die sich die Öffentlichkeit wünschte. Allerdings hält er sich damit nicht lange auf, sondern klagt nur "Das eigentliche Opfer dieses Betrugs war die Wissenschaft".

Experten für künstliche Intelligenz und Technologie könnten das Buch wegen seines interessanten Untertitels "Wo die Intelligenz von Maschinen endet und menschliche Kreativität beginnt" kaufen. Es enthält eine gute, wenn auch kurze Beschreibung des Potenzials für Symbiosen zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz – vom „Outsourcing“ einfacher kognitiver Aufgaben wie dem Auswendiglernen von Telefonnummern bis zu treuen Computer-Dienern oder einer gleichwertigen Partnerschaft, bei der beide Seiten an Entscheidungen beteiligt sind.

Kasparow ist durchgängig optimistisch für KI-Technologie und ihr Potenzial, das Leben von Menschen zu bereichern. Das folgende Zitat ist eine gute Zusammenfassung dieser Haltung:

Wenn wir das Gefühl haben, von unserer eigenen Technologie überholt zu werden, dann ist der Grund dafür, dass wir uns nicht genügend anstrengen und bei unseren Zielen und Träumen nicht ambitioniert genug sind. Statt uns Sorgen darüber zu machen, was Maschinen tun könnten, sollten wir uns dafür interessieren, was sie immer noch nicht können.

Dass sich Kasparow jetzt so ausgiebig über das Geschehen äußert, ist erfreulich. Allerdings wird seine Darstellung nicht mehr viel daran ändern, wie es historisch bewertet wird. Bislang war die Entwicklung von Software, die Menschen bei Dame oder Schach schlägt, kaum mehr als die Erschaffung einer Reihe von Fachidioten. Hinter jedem dieser Versuche steckte ein riesiges Software- und/oder Hardware-Projekt, das viele Mannjahre Arbeit erforderte. Diese Art von Fortschritt ist eindeutig nicht skalierbar.

Hinzu kommt, dass Spiele wie Schach nur eine winzige Teilmenge der Probleme darstellen, mit denen Menschen zu tun haben. Die Regeln sind fest und unveränderlich. Das Brett ist klein. Es gibt keine Zufälle und keine verborgenen Informationen. Wenn einer verliert, gewinnt der andere – ein Nullsummenspiel. In der echten Welt stimmt nichts davon. Die Technologie hinter dem Go-Programm AlphaGo der Google-Tochter Deep Mind könnte Potenzial für eine breitere Anwendbarkeit haben, doch Deep Blue fehlt es an jeglicher allgemeinen Problemlösungsfähigkeit. Damit ist die Maschine ein interessanter historischer Datenpunkt, der aber wenig langfristige Bedeutung für das Gebiet der künstlichen Intelligenz hat.

Im Schach gelangte Garri Kasparow ganz an die Spitze, doch nach seinem Rückzug im Jahr 2005 versuchte er sich an einem viel schwierigeren Spiel: Politik. Heute setzt er alles daran, Wladimir Putin zu stürzen. Er hat also beschlossen, eine vollkommen andere Laufbahn zu verfolgen, eine Vorgehensweise dazu ausgearbeitet und setzt diesen Plan in einem ständig veränderlichen Umfeld mit hohen persönlichen Risiken um – dass er das kann, spricht Bände über die Unterschiede, die es zwischen Menschen und Maschinen immer noch gibt. Das Gleiche gilt für das Schreiben des Buches selbst. Sowohl Deep Blue als auch AlphaGo sind beeindruckende Leistungen, liegen aber trotzdem noch weit hinter dem, was menschliche Wesen wie Kasparow erreichen können.

Jonathan Schaeffer ist Professor und Dekan der naturwissenschaftlichen Fakultät an der University of Alberta sowie Fellow der Association for the Advancement of Artificial Intelligence. (sma)