Der Anti-Schmerzen-Anzug

Ein deutsches Forschungskonsortium arbeitet an Sensorkleidung, die ihren Träger vor körperlicher Überlastung schützen soll.

Lesezeit: 2 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen
Von

Ein deutsches Forschungskonsortium arbeitet an Sensorkleidung, die ihren Träger vor körperlicher Überlastung schützen soll.

Ein cleveres Kleidungsstück könnte Menschen in körperlich anstrengenden Berufen in den kommenden Jahren fast ganz automatisch gesünder arbeiten helfen. Der "Sensoranzug zur individuellen Rückmeldung körperlicher Aktivität", kurz SIRKA, erkennt Fehlhaltungen und schädliche Bewegungsabläufe, die zu Überbelastung des menschlichen Muskel- und Knochen-Apparats führen können.

Die smarte Bekleidung wird im Rahmen eines zweijährigen, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekts von einem Konsortium um die Firma Budelmann Elektronik aus Münster entwickelt. Beteiligt ist auch das Deutsche Forschungszentrum für künstliche Intelligenz (DFKI), das unter anderem Miniatursensoren beisteuert, zudem das OFFIS-Institut für Informatik in Oldenburg und die Hochschule Osnabrück. Im Torso-, Arm- und Beinbereich des äußerlich ganz normal aussehenden Anzugs sind Beschleunigungmessgeräte eingenäht, um die Bewegungen des Trägers zu erfassen.

Der Sensoranzug erfasst die aktuelle Haltung des Trägers.

(Bild: DFKI)

Das SIRKA-Prototypsystem ist derzeit für Schweiß- und Elektroarbeiten beim Schiffbau und für die Arbeit bei medizinischen Rettungsdiensten ausgelegt – beides Berufe mit hohen körperlichen Anforderungen an die Mitarbeiter, die viel heben und tragen müssen und Rücken und Muskulatur tagtäglich stark beanspruchen. Die Technik lässt sich aber auch an andere Aufgabenstellungen anpassen, die auf absehbare Zeit hinzukommen sollen. SIRKA wird derzeit unter anderem bei der Meyer-Werft in Papenburg und der Johanniter-Unfall-Hilfe in Berne getestet, die beide Projektpartner sind.

Der praktische Ablauf der Anzugverwendung ist immer gleich: Zuerst zeichnen die Sensoren in einem Diagnostikmodus die Bewegungsabläufe der Arbeiter auf. Anschließend prüfen Ärzte oder Physiotherapeuten die Daten mit einer Auswertesoftware und empfehlen bei problematischen Bewegungsmustern gesunde Alternativen oder auch den Einsatz von Hilfsmitteln.

Gedacht ist die Technik auch für Rettungsdienste, die oftmals schwere Lasten zu tragen haben.

(Bild: Johanniter-Unfall-Hilfe e.V.)

Aber es geht nicht nur um die Diagnostik: Anschließend kann der SIRKA so programmiert werden, dass er seinen Träger automatisch über ein Audiosignal warnt, wenn dieser seinen Körper falsch belastet. "Daraus ergibt sich für den geschulten Träger die Möglichkeit, seine Fehlhaltung zu erkennen und zu korrigieren", erläutert das DFKI. Der Anzug soll zudem auch die über den Arbeitstag akkumulierte Gesamtbelastung ermitteln und dem Mitarbeiter anzeigen.

Nach erfolgreichem Projektabschluss im kommenden Jahr – und dem Nachweis, dass die Technik zuverlässig arbeitet – soll der Anzug auch in anderen Berufsfeldern zum Einsatz kommen.

Demonstrationssystem: Rechner erfasst Haltung.

(Bild: DFKI)

Insgesamt 1,1 Millionen Euro steckt das BMBF in die Förderung von SIRKA. Diese läuft im Rahmen des Schwerpunktprogramms "Mensch-Technik-Interaktion im demografischen Wandel", bei dem es unter anderem um Ideen für eine veränderte Arbeitswelt mit zunehmenden älter werdenden Arbeitnehmern geht.

Diese müssen besonders auf ihre Gesundheit achten, um ihre Arbeitskraft zu erhalten. Das Gesamtbudget des Projekts liegt bei 1,88 Millionen Euro.

[Update 10.06.15 14:10 Uhr:] Wie Konsortialführer Budelmann Elektronik gegenüber Technology Review erklärte, habe man sich bei SIRKA hinsichtlich Datenschutz "viele Gedanken" gemacht. "So wurden beispielsweise von Beginn an die Betriebsräte der Unternehmen ebenso eingebunden wie deren Datenschutzbeauftrate und mehrere Berufsgenossenschaften", so Geschäftsführer Christoph Budelmann.

Ebenso sei direkt zu Beginn ein entsprechender Ethikantrag gestellt worden, "der auch im ersten Anlauf genehmigt wurde". Arbeitgeber erhielten auch keine Daten. "All dies sind Punkte, die eine für den Arbeitnehmer nachteilige Nutzung der Daten explizit verhindern sollen." (bsc)