Der Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte: Der weltweite Mangel an IT-Fachkräften

Die Digitalisierung aller Lebensbereiche führt dazu, dass der IT-Fachkräftemangel kein nationales Problem ist. Teil 2 unserer Serie über den IT-Arbeitsmarkt.

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Von
  • Peter Ilg
Inhaltsverzeichnis

Der IT-Fachkräftemangel ist ein globales Problem, da es zu wenig IT-Experten gibt. Und dies verschärft die Lage hierzulande noch, denn bislang hat Deutschland wenig Anziehungskraft für ausländische Fachkräfte. Wenn es Deutschland aber gelingt, attraktiv für ausländische Beschäftigte zu werden, kann Migration dabei helfen, den Mangel an IT-Fachkräften in Grenzen zu halten.

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Homeoffice trägt dazu nicht bei, ist aber eine Arbeitsform, die in IT-Jobs ihren Ursprung hat. Corona hat dessen Verbreitung beschleunigt. IT-Unternehmen haben ihre Erfahrungen mit Homeoffice gemacht, nun beginnen sie damit die Arbeitsform der Zukunft zu regulieren und kalibrieren. Die beruflichen Perspektiven werden für IT-Fachkräfte noch viel besser, als sie heute schon sind. IT-Personal ist bereits auf dem besten Weg in sorgenfreie Jahrzehnte.

Der Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte
Meeting in einer Firma

(Bild: Gorodenkoff / Shutterstock.com)

In einer fünfteiligen Serie beschäftigen wir uns mit der aktuellen Situation auf dem Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte und der Zukunft für IT-Jobs. Demografie und Digitalisierung sind die Garanten dafür, dass IT-Fachkräften über Jahrzehnte hinweg zu den begehrtesten Arbeitskräften gehören. Aus rosigen werden goldene Zeiten.

Die Dominanz der Digitalisierung aller Bereiche unseres Lebens und dies in allen Ländern führt dazu, dass der Mangel an IT-Fachkräften ein globales Problem ist. Nach Berechnungen des US-amerikanische Korn Ferry Institute werden bis zum Jahr 2030 weltweit 4,3 Millionen IT-Arbeitskräfte fehlen, was zu Produktionsausfällen von umgerechnet 430 Milliarden Euro führen wird. Beide Werte beziehen sich nur auf die Technologiebranche. Weil aber IT-Spezialisten in allen Branchen gebraucht werden, sind der Mangel an Personal und Produktionsausfällen um ein Vielfaches höher.

In den skandinavischen Ländern sind aufgrund der dort bestehenden liberalen Gesellschaften eine Vielzahl an Tech-Startups gegründet worden. Jetzt können die Firmen nicht wachsen, weil das Personal dafür fehlt. Laut dem von Swedish IT and Telecom Industries erstellten Bericht werden in Schweden bis 2024 voraussichtlich 70.000 Stellen im Technologiesektor nicht besetzt werden können.

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In Finnland werden für zwei Drittel aller offenen Stellen im Technologiesektor Mitarbeiter für die Softwareentwicklung gesucht. Deshalb versuchen Hightech-Unternehmen aus Skandinavien Mitarbeiter aus dem Ausland anzuwerben. Die baltischen Länder gelten für sie als Drehscheibe für Tech-Talente. Doch die drei Länder des kleinen Baltikums, bestehend aus Estland, Lettland und Litauen mit ihren insgesamt rund sechs Millionen Einwohnern, werden den großen IT-Mangel nicht lösen können.

Unser östliches Nachbarland Polen hat gut 300.000 Beschäftigte im Technologiesektor und ebenfalls einen Mangel an qualifizierten Fachkräften. Allein im IT-Sektor gibt es zurzeit rund 100.000 offene Stellen. Dies treibt sowohl die Löhne als auch die Fluktuation in die Höhe. Das Marktforschungs- und Beratungsunternehmen Information Services Group erwartet in Polen jährliche Lohnsteigerungen bei besonders gefragten Qualifikationen wie IT-Fachkräften von bis zu 15 Prozent.

Damit nähern sich die Gehälter in dem osteuropäischen Staat denen in Westeuropa an; deshalb sinkt der Anreiz, wegen eines höheren Gehalts die Heimat zu verlassen. Auch der Zustrom von Tech-Talenten aus der Ukraine werde die angespannte Arbeitsmarktlage nicht nachhaltig verändern, so die Information Services Group weiter. Viele der ankommenden Fachkräfte sähen Polen als Transitstation auf ihrem Weg nach Westeuropa.

Russland hat mit dem Angriff auf die Ukraine seinen Fachkräftemangel mit einer Ausreise an Massen von IT-Fachkräften selbstverschuldet verschärft. "Die Höhe des Bedarfs an IT-Experten wird von Experten auf etwa 170.000 geschätzt, dabei sind in der Branche etwa eine Million Menschen beschäftigt", sagte Russlands Vize-Innenminister Igor Subow laut dpa Mitte Juni auf einer in den sozialen Netzwerken übertragenen Sitzung des Föderationsrats dem russischen Oberhaus des Parlaments.

Ursache für die massive Abwanderung von Fachkräften sind laut Subow die westlichen Sanktionen gegen Russland, die seit dem Angriff auf die Ukraine eingeführt und ausgeweitet wurden. Die Abwanderung an Spezialisten bezeichnet er als "erheblich". Subow bat den Föderationsrat darum, eine Gesetzesinitiative zu unterstützen, die es ausländischen IT-Spezialisten erleichtern soll, eine Aufenthaltsgenehmigung in Russland zu erhalten. Ob das etwas bringt? Russland ist auf Jahre hinaus sicherlich kein attraktives Land für ausländische Fachkräfte.

In Deutschland hat der Fachkräftemangel im April einen neuen Höchststand erreicht, ergaben Studien der staatlichen Förderbank KfW und des Instituts der deutschen Wirtschaft IW. So fehlten allein in den naturwissenschaftlichen Berufen rund 320.000 Fachkräfte. Diese Lücke ist damit mehr als doppelt so groß wie vor einem Jahr. Zugleich ist sie größer als in den vorangegangenen Erhebungen seit 2011 in dieser Jahreszeit. Mittlerweile sehen sich 44 Prozent der Firmen durch den Fachkräftemangel in ihren Geschäftsaktivitäten gebremst. Dieser Anteil hat sich im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt.

"Der IT-Fachkräftemangel ist ein großes und globales Problem", sagt Adél Holdampf-Wendel, Bereichsleiterin Arbeitsrecht und Arbeit 4.0. beim Digitalverband Bitkom. Dass Expertenwissen weltweit einsetzbar ist, ist nicht in allen Disziplinen so, meint die Juristin. Ihr Fach ist stark länderspezifisch geprägt. "Jedes Land hat sein eigenes Rechtssystem und braucht entsprechend dafür ausgebildete Juristen", sagt Holdampf-Wendel. In der IT sind Kenntnisse in Softwareprogrammierung oder IT-Sicherheit universell einsetzbar und deshalb ist es etwa für Programmierer und IT-Security-Experten aus fachlicher Sicht unerheblich, in welchem Land sie arbeiten.

Eine weitere Studie zeigt, dass der Mangel an IT-Personal viele Unternehmen in ihrer Existenz gefährdet. Laut Trellix, einem US-amerikanischen Unternehmen für Cyber-Sicherheit, gefährden fehlende Fachkräfte in 85 Prozent aller Unternehmen die Cyber-Sicherheit. Trellix ist aus den Firmen McAfee und Fire Eye entstanden. Für die Studie wurden rund 1.000 Cybersicherheitsexperten in führenden Industrienationen befragt und fast alle gaben an, dass der Fachkräftemangel es ihnen schwer macht, für die Sicherheit in immer komplexer werdenden IT-Systemen und -Netzwerken zu sorgen.

Die Personalberatung International Recruitment Partners mit Sitz in Düsseldorf sucht im Auftrag deutscher Unternehmen Personal im Ausland. Schwerpunktmäßig sind es Informatiker und Ingenieure in Osteuropa und Indien. "Es gibt zwar auch in diesen beiden Regionen einen IT-Fachkräftemangel, doch haben gerade IT-Experten aus Osteuropa und Indien ein großes Interesse daran in Deutschland oder einem anderen westeuropäischen Land zu arbeiten", sagt Firmeninhaber und Geschäftsführer Roman Remel.

Die Kandidaten arbeiten dann in einer deutschen Niederlassung vor Ort oder sie ziehen nach Deutschland. "Wenn sie zu uns kommen, dann wegen der guten Lebensqualität bei uns, dem höheren Gehalt, als in ihrem Land und den besseren Karrieremöglichkeiten, falls sie zurückgehen", sagt Remel. Mit Corona sind seine Aufträge allerdings stark zurückgegangen und sie waren auch vorher nicht üppig.

Remels Auftraggeber sind Unternehmen aus der klassischen mittelständischen Industrie in Deutschland. "Viele dieser Betriebe sind nicht bereit, IT-Fachkräfte mit ausschließlich englischen Sprachkenntnissen einzustellen. Sie erwarten, dass die Kandidaten auch Deutsch sprechen", sagt Remel. Solche IT-Experten sind im Ausland jedoch sehr, sehr selten.

Im nächsten Teil unserer Serie über den Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte: Lösungsansätze gegen den IT-Fachkräftemangel

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