Der Futurist: Genosse Internet

Was wäre, wenn Google uns allen gehörte?

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Von
  • Niels Boeing

Was wäre, wenn Google uns allen gehörte?

Für die Jüngeren war Google einfach immer da. Die schauen mich seltsam an, wenn ich erzähle, wie das war, damals, vor 30 Jahren, als ich das erste Mal www.google.com in den Browser eintippte. Ein Freund hatte mir von einer Suchmaschine erzählt, die nur ein Eingabefeld auf einer leeren Seite besaß. Abgefahrene Sache, dachte ich, aber eine Totgeburt, es gab ja schließlich schon Altavista und Yahoo. Was für eine Fehleinschätzung. Jetzt sage ich: "Okay, Glass, suche nach ,The Secret Lunch'".

2017 hatte sich die Lage für den Googleplex, das Hauptquartier des Konzerns, schlagartig geändert. Obama war Geschichte, und der neue republikanische Präsident machte gleich vom ersten Tag an Dampf. Es sei nicht im nationalen Interesse der USA, dass sich wesentliche Infrastrukturen des Internets der Kontrolle der Sicherheitsbehörden entzögen. Allen voran: Google, das 90 Prozent aller Internetsuchen abwickelte. Der Konzern hatte im letzten Amtsjahr der Obama-Regierung jegliche Kooperation mit der NSA verweigert. Ein Affront, aber mit Obama, der "lame duck", konnte man es machen.

Der neue Präsident holte den Hammer raus: Er wollte Google verstaatlichen. Google-Kritiker hatten das schon lange gefordert, aber so hatten sie sich das nicht gedacht. Im Googleplex schrillten die Alarmglocken, vor allem bei Sergey Brin, dem Sohn von Einwanderern aus der realsozialistischen Sowjetunion und Mitgründer von Google. Das würde ziemlich "evil" werden, befürchtete er. Und so kam es zu "The Secret Lunch", von dem die Öffentlichkeit erst hinterher erfuhr.

Brin überredete seinen Kompagnon Larry Page zu einem geheimen Treffen in New York. Jimmy Wales, der Wikipedia-Gründer, war dabei, Tim Berners-Lee, der Erfinder des World Wide Web, und der alte Vint Cerf, Entwickler von TCP/IP und seit vielen Jahren Elder Statesman in der Google-Führung. Cerf hatte schon 2009 laut darüber nachgedacht, Teile des Internets in eine öffentliche Infrastruktur zu überführen. Brin, Wales, Berners-Lee und Cerf gelang es in einer langen Diskussion, Page von ihrem Plan zu überzeugen.

Neun Wochen später gaben die fünf eine historische Pressekonferenz: Die Google-Suche werde mit sofortiger Wirkung aus dem Konzern ausgegliedert und an die neu gegründete Google Search Foundation mit Sitz in Genf übertragen. So sollte sie dem Zugriff der US-Behörden entgehen. Sämtlicher Code werde offengelegt, die Verwendung von Nutzerdaten und die technische Weiterentwicklung einer Organisation nach dem Vorbild der Internet Engineering Task Force (IETF) übertragen – und das umstrittene AdWords-System für Anzeigen neben Suchtreffern eingestellt. "Die Google-Verschwörung" nannte der erzkonservative TV-Sender Fox den Schritt.

Die US-Behörden waren machtlos. Google hatte seit 2010 eine Reihe von Rechenzentren in Asien, Europa und Lateinamerika aufgebaut. Die sechs auf amerikanischem Boden hatte Google noch in der Nacht vor der Pressekonferenz aus der Hardware-Architektur der Suchfunktion ausgeklinkt. Einmal jährlich vergibt nun die Stiftung den Search Algorithm Prize, der mit zehn Millionen Dollar notiert ist, zehnmal höher als der Nobelpreis – es geht schließlich um eine der wertvollsten Ressourcen des Internets.

Google Search hat mir all das eben erzählt. In Trefferlisten suchen, das war einmal. Der Konzern gedeiht übrigens wie eh und je. Er verdient sein Geld schon lange mit Hardware, vor allem mit Datenbrillen. Ob er "evil" ist, weiß immer noch niemand. Die Google-Suche ist es jedenfalls nicht und wird es auch nicht werden. (nbo)