Der Futurist: Mit Atommüll und Mini-AKWs ausgesorgt

EU-Taxonomie, Ukraine-Krieg und Energie-Krise haben die Atomkraft wieder ins Gespräch gebracht. Unsere SciFi-Serie zeigt, wohin das führen kann.

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(Bild: Illustration: Mario Wagner)

Von
  • Jens Lubbadeh

Der Kran senkte den Castor-Behälter langsam in Davids Garten ab.

"So, Herr Demain, dann müssten Sie nur noch hier unterschreiben", sagte der Mitarbeiter der Gesellschaft für Zwischenlagerung mbH.

David sah kaum hin, als er unterschrieb. In seinem Kopf rechnete er noch einmal alles durch. Die Mieteinnahmen für den Container brachten ihm genug Geld ein, dass er in zehn Jahren das Haus abbezahlt haben würde.

"Und du hast dir das wirklich gut überlegt?", fragte Andi. "Ist ja nicht irgendein Container, sondern einer mit hochradioaktivem Abfall."

"Das Ding hat 45 Zentimeter dicke Stahlwände. Das sollte ja wohl sicher sein. Ich bin jedenfalls echt froh, dass es dieses Pinby-Programm gibt. Ich hätte mir sonst nie das Haus leisten können."

"Pimby", korrigierte ihn der Beamte. "Steht für: please in my backyard. Ja, wir sind selbst überrascht, wie gut das Programm ankommt. Seit dem Wiedereinstieg in die Atomkraft haben wir bereits 5.000 Bewerbungen für private Zwischenlager. Die werden wir auch brauchen. Irgendwo muss der ganze Müll ja hin, bevor wir ihn transmutieren."

"Transmutieren heißt: Sie verwandeln den radioaktiven Abfall in harmlosen Abfall?", fragte Andi.

"Exakt", sagte der Beamte. "Wir machen Scheiße zu Gold."

David genoss sein neues Haus. Nach wenigen Monaten nahm er den Behälter in seinem Garten schon gar nicht mehr wahr, so viel anders als sein Öltank sah er auch nicht aus. Nach rund einem Jahr erhielt er einen Anruf. Es war der BGZ-Beamte: "Herr Demain, wir würden nächste Woche den Castor holen."

Der Futurist

(Bild: 

Mario Wagner

)

"Was wäre, wenn ...": TR-Autor Jens Lubbadeh und die Redaktion lassen in der Science Fiction-Rubrik der Kreativität ihren freien Lauf und denken technologische Entwicklungen in kurzen Storys weiter.

"Hatten Sie nicht zehn Jahre gesagt?"

"Es ging doch alles schneller mit der Transmutation."

Wieder rückte der Kran an und hievte den Behälter aus seinem Garten.

"Sie müssten dann hier unterschreiben, Herr Demain."

David freute sich schon, den Behälter früher losgeworden zu sein, da fiel ihm ein Passus auf: Die Zahlungsverpflichtungen werden nur für die Dauer der Zwischenlagerung vom Vertragsgeber übernommen. Bei vorzeitiger Abholung gehen sie auf den Vertragsnehmer über.

"Was bedeutet das?", sagte er.

"Na ja, das Pimby-Projekt bezuschusst nur aktive Zwischenlager. Sie müssten die Raten ab jetzt selbst zahlen."

"Aber... Ich hatte mit einer Lagerzeit von zehn Jahren kalkuliert!"

Der Beamte zuckte die Schultern. "Konnte ja keiner wissen."

„Was soll ich denn jetzt tun? Ich werde das Haus verlieren!“

„Hm, vielleicht können wir da doch was machen.“

Der BGZ-Beamte kramte in seinen Unterlagen.

"Wir haben gerade Pimby2 aufgelegt. Da kann ich Ihnen zehn Jahre Laufzeit garantieren, allerdings müssten Sie etwas mehr Fläche zur Verfügung stellen."

"Kein Problem, wenn ich nur das Haus retten kann. Bringen Sie einfach Ihre Castoren."

Der Beamte schüttelte den Kopf. "Oh nein, der Atommüll ist mittlerweile komplett entsorgt. Wir brauchen jetzt Standorte für Mini-AKWs. Wissen Sie, das Problem ist, dass die großen Atomkraftwerke einfach zu unwirtschaftlich geworden sind. Mit dem günstigen Windstrom können die nicht mehr konkurrieren. Ich denke, unser 30-Megawatt-Modell würde perfekt in Ihren Garten passen."

Jens Lubbadeh ist Autor mehrerer Wissenschafts-Thriller. Sein neuer Roman heißt "Der Klon" und erscheint am 14. Juni 2022.

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(jle)