Der Grenzgänger

Länger als zwei Jahrzehnte war Gerd Doeben-Henisch Mitglied des Jesuitenordens, bis er aus der Kirche austrat und sich der Informatik zuwandte. Die Wissenschaft bietet ihm nun neue Sichtweisen auf alten Fragen.

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Von
  • Gregor Honsel
Inhaltsverzeichnis

Länger als zwei Jahrzehnte war Gerd Doeben-Henisch Mitglied des Jesuitenordens, bis er aus der Kirche austrat und sich der Informatik zuwandte. Die Wissenschaft bietet ihm nun neue Sichtweisen auf alten Fragen.

Wenn Gerd Doeben-Henisch sich Zeit nimmt, aus seinem Leben zu erzählen, landet das Gespräch rasch bei grundsätzlichen Dingen – beim menschlichen Bewusstsein, bei formaler Logik, bei Gott. Er spricht über philosophische Sackgassen, spirituelle Erlebnisse und Glaubenskrisen, über künstliche Intelligenz, Genetik und Evolution.

Dabei kann er aus der Erfahrung von zwei verschiedenen Leben schöpfen: Eines vor dem März 1990, eines danach. Damals trat der heute 63-Jährige aus der Kirche aus – nach 22 Jahren im Jesuitenorden, nach Theologiestudium und Priesterweihe. Seitdem beschäftigt er sich vor allem mit Informatik und künstlicher Intelligenz und ist heute Professor an der Fachhochschule Frankfurt. Wie passen diese beiden Leben zusammen? Sind Religion und Computer tatsächlich zwei Sphären von so unterschiedlicher Natur wie Eier und Äpfel? Oder kann Theologie die Informatik im Gegenteil sogar bereichern?

Das Büro von Doeben-Henisch ist über eine verglaste Tür direkt mit einem benachbarten Seminarraum verbunden. Hier hält er Seminare, die Titel tragen wie "Raum-Person-Systeme". Sie sind Teil des von Doeben-Henisch mitgegründeten Master-Studiengangs "Barrierefreie Systeme". Dabei sollen angehende Sozialarbeiter, Architekten und Informatiker gemeinsam technische Hilfsmittel für ältere Menschen entwickeln. Der Gedanke dahinter: Sozialarbeiter wissen – im Gegensatz zu Architekten und Informatikern – meist sehr genau, welche Assistenzsysteme älteren Menschen wirklich helfen. Allerdings haben sie oft Schwierigkeiten, dieses Wissen in die Sprache der Architekten und Informatiker zu übersetzen. Also sollen alle drei Fachrichtungen gemeinsam an Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine arbeiten.

Die letzten Studierenden sind gegangen, und draußen dämmert es bereits, als Doeben-Henisch sich an seinen Schreibtisch setzt und über seinen Werdegang spricht. Er redet schnell und konzentriert, manchmal sogar ein wenig gehetzt. Man merkt ihm an, dass er dem Besucher in der verbleibenden Zeit möglichst viel von seinen Gedanken, Einsichten und Ansichten vermitteln möchte. Um seine Ideen zu verdeutlichen, greift er immer wieder zu einem Stapel Papier und malt mit dem Kugelschreiber Pfeile, Kreise und Diagramme auf die Rückseite von alten Computerausdrucken. Langsam schält sich dabei der rote Faden in seinem Leben heraus. Es ist die Suche nach Wahrheit.

Die Entfremdung von der Kirche habe sich schon in den ersten Theologie-Semestern abgezeichnet, erzählt Doeben-Henisch. "Ich habe in Gebeten und Meditationen sehr intensive spirituelle Erlebnisse gehabt. Aber Erlebniszustände können in die Irre führen. Die Frage ist also: Hat das einen Wahrheitsgehalt? Oder woran erkenne ich meinen Irrtum?" Mit seinen Theologie-Professoren, erinnert sich Doeben-Henisch, habe er über diese Frage sehr nüchtern und intelligent diskutieren können. Eine Antwort wussten sie aber nicht. "Ich blieb auf einem ganzen Sack voller Fragen sitzen."

Damit will sich Doeben-Henisch auch nach seinem Abschluss als Diplom-Theologe nicht zufriedengeben: "Es geht darum, dass man sich diesem Wahrheitsanspruch stellt." 1979 – Papst Johannes Paul II. ist noch kein Jahr im Amt – beginnt er mit 31 Jahren ein Philosophie-Studium, bricht es nach zwei Semestern enttäuscht wieder ab und landet schließlich – zum Missfallen seines Ordens – bei der Wissenschaftstheorie. Hier promoviert er innerhalb von nur einem Jahr über "Nicht-Theoreme im Kontext des Tableaukalküls", eine Arbeit über mathematische Beweise. "Das ist so ziemlich das Härteste, was man in der Logik machen kann", sagt er. "360 Seiten nur Formeln."

Und hat ihn dies nun der Wahrheitsfindung näher gebracht? Auf gewisse Weise ja, meint Doeben-Henisch rückblickend, "es war eine fundamentale Schulung für mich." Doch war es nicht die Beschäftigung mit harter Logik, die schließlich zum Bruch mit der Kirche führte. "Spiritualität und Mystik, die persönliche Erfahrung des Einzelnen, war immer etwas, das alle Kirchen unter Kontrolle bringen möchten, weil es ihren Machtansprüchen widerspricht", sagt Doeben-Henisch. "Damit konnte ich irgendwann nicht mehr leben."

Trotzdem dauerte es noch weitere zehn Jahre, bis der Jesuit aus der Kirche austrat – ein deutliches Indiz dafür, wie schwer ihm diese Entscheidung fiel. Kein Wunder: Er fühlte sich im Orden immer noch wohl. "Gäbe es den Jesuiten-Orden ohne die Kirche, wäre ich vielleicht noch immer da", erinnert sich Doeben-Henisch, der sich nach wie vor als gläubigen und spirituellen Menschen sieht. Nach der Trennung stehen die großen Fragen, die ihn in seinem ersten Leben umgetrieben haben, zunächst einmal im Hintergrund. Stattdessen geht es nun um ganz praktische Probleme. Beruflich steht Doeben-Henisch mit 42 Jahren vor dem Nichts: "Ich hatte keine Arbeit, keine Beziehung, kein Geld." Er gründet eine EDV-Beratung, nimmt Lehraufträge an, zieht von München nach Frankfurt – und lernt eine Frau kennen, der er bereits nach zwei Wochen einen Heiratsantrag macht. Er ist bis heute mit ihr verheiratet.

Ansonsten verläuft sein zweites Leben weniger glatt. 1999 gründet er gemeinsam mit Partnern die Firma Knowbotic Systems, die Wissensmanagement-Software entwickelt. Zwei Jahre später gewinnt das Start-up den Gründerpreis der Stadt Frankfurt, muss aber dennoch kurz darauf Insolvenz anmelden, weil den Investoren das Geld ausgeht. Erneut muss sich Doeben-Henisch umorientieren – und landet schließlich an der FH Frankfurt.