Der Herr der Dübel

Arm und mit herber Vaterliebe: So ist Deutschlands effektivster Erfinder vor dem Krieg aufgewachsen. Noch heute schaut er täglich im Betrieb nach dem Rechten. Ein Porträt

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Von
  • Katrin Wilkens
Inhaltsverzeichnis

Man kann sich den Ablauf seines nächsten Geburtstages in etwa so vorstellen: Morgens wird seine Frau ihm sagen: Artur, du musst heute den neuen Anzug anziehen - und bitte auch eine andere Krawatte als gestern! Und Artur Fischer wird das erste Mal grummeln. Auf dem Weg in die Firma, natürlich wird er auch an diesem Tag in die Firma fahren - Was heißt schon Geburtstag? Was heißt Silvester? Ich fahre jeden Tag in die Firma! ?, wird er das Radio ausdrehen, weil er die Lokalnachrichten nicht hören mag: Artur Fischer, ein Sohn unserer Stadt und der weltbekannte Erfinder des Dübels, wird heute 85.

Im Büro werden ihn Laudatoren, Gratulanten und vielleicht auch ein paar Wichtigtuerle erwarten, und immer wieder muss er sich aus klebrigen Lobeshymnen herauswinden, weil er Angst hat, sie machten Gicht oder blöd oder beides. Spätestens gegen Mittag wird Artur Fischer sich davonstehlen und dringend etwas in seiner Entwicklungswerkstatt zu tun haben, ganz dringend. Dort warten dann Blaumänner und Werkzeugmeister auf ihn, solche, die noch mit der bloßen Hand eine Schraube in den Dübel drehen können. Dort, endlich, ist er dann zu Hause. Kann seine neuesten Versuche starten, gucken, woran die letzten gescheitert sind, und sich so lange pudelwohl fühlen, bis seine Sekretärin, Frau Waible, herunterkommen und mahnen wird: Professor Fischer, Sie sollten jetzt aber wirklich zu dem Empfang...

Gäbe es einen Studenten, der ihm für diesen Tag den Grüßaugust mimen würde, Artur Fischer würde ihn noch heute verpflichten. "Meine Eltern haben nie viel gelobt", sagt er, "meine Mutter sagte höchstens ,ja? oder ,isch recht?."

Dass aus diesem fleißigen, pietistischen, aber armen Elternhaus trotzdem einer der genialsten Erfinder Deutschlands - ach was, was soll der Geiz - der genialste, weil vielfältigste, weil fleißigste deutsche Erfinder aller Zeiten wurde, zeigt, dass Förderung nicht immer verbal sein muss, dass Erziehung nicht materiell funktioniert, dass Talente sich immer ihren Weg bahnen, egal, in welcher Umgebung sie gedeihen.

Fischer hat ein paar Erfindungen weniger als Thomas Edison, "aber Edison ist tot, und ich lebe", pflegt er zu feixen, "und außerdem mag ich mit Edison nicht verglichen werden. Der hat die Erfindung der Glühbirne geklaut, seine Glühbirne hat nämlich nicht funktioniert. Und mit einem, der klaut, mag ich nicht verglichen werden."

Zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses nennt Fischer 1080 Erfindungen und weltweit 5867 Schutzrechte sein Eigen, seien Sie sicher, wenn Sie diesen Artikel lesen, sind es schon wieder ein paar mehr. Dass er den legendären fischer S-Dübel erfand, wäre bei Günther Jauchs "Wer wird Millionär?" die 300-Euro-Frage. Für 500 Euro müsste man wissen, dass er auch der Vater der gleichnamigen Fischertechnik-Baukästen ist, sie waren einst als Geschenk für Kinder von Geschäftsfreunden gedacht. 1000 Euro für das Blitzgerät für Fotoapparate mit synchroner Auslösung, 2000 für Dübel zum Fixieren von Knochenbrüchen und 4000 für seine jüngste Marktidee: ein kompostierbares Kinderspielzeug aus Kartoffelstärke.

Fotografie, Handwerk, Medizin, Kinderspielzeug - das Verspielte und Universelle seines Wesens zeigt sich in der Vielfalt seiner Erfindungen, nicht in den einzelnen, ausgetüftelten Welterfolgen. "Ha, noi! Sagen Sie nie ,tüfteln?", unterbricht Fischer. "Ich bin kein Tüftler und bin auch eitel genug, um auf dem Unterschied zu beharren. Ein Tüftler erfindet quasi aus Versehen oder für den Eigenbedarf. Erst ein Erfinder denkt von Anfang an auch an die Vermarktung und den Vertrieb. Tüftler sind keine Erfinder aus Berufung."

Man muss ein bisschen sein Leben kennen, um zu verstehen, warum hinter diesem Satz buchstäblich heiliger Ernst steckt. Und warum Artur Fischer bei aller Fröhlichkeit, Verschmitztheit und guten Laune, die er lebt, das Erfinden so ernst nimmt wie nichts auf der Welt.