Gerhard Mercator: "Der Magnetpol befindet sich nicht am Himmel"

Ohne Gerhard Mercator, den Erfinder der modernen Kartografie, gäbe es keinen Atlas und keine zuverlässige Schiffsnavigation.

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Ohne Gerhard Mercator, den Erfinder der modernen Kartografie, gäbe es keinen Atlas und keine zuverlässige Schiffsnavigation.

Gerhard Mercator wird am 5. März 1512 als Gerhard Krämer in Rupelmonde geboren. 1530 beginnt er ein Studium an der Universität Löwen. 1532 erfolgt die Promotion zum Magister Artium. Er überträgt seinen Namen in Latein. 1536 heiratet er Barbara Schellekens, sie bekommen insgesamt sechs Kinder. Ein Jahr später entsteht Mercators erste Karte, die das Heilige Land zeigt. 1544 wird er wegen Ketzerei angeklagt und siedelt 1552 schließlich nach Duisburg um. 1569 erscheint Mercators 18-teilige Weltkarte in der neuen Projektion, die seinen späteren Weltruhm begründet. Am 2. Dezember 1594 stirbt Gerhard Mercator 82-jährig in Duisburg. Noch im selben Jahr werden in England Mercators Sekantentabellen veröffentlicht, die für den Entwurf der neuen Projektion erforderlich waren. Sie begründen Englands Aufstieg zur Seemacht.

Technology Review: Guten Tag, Meister Mercator, wie gefällt Ihnen Duisburg als Niederländer?

Gerhard Mercator: Wir haben ein Dach über dem Kopf, und man lässt mich hier seit 30 Jahren in Ruhe arbeiten. Das ist mehr, als man in diesen leidigen Zeiten erwarten kann.

TR: Wie meinen Sie das?

Mercator: Die Protestanten reizen die restaurativen Mächte, wo sie nur können, und die heilige Mutter Kirche schlägt blindwütig mit Unterdrückung zurück. In den Niederlanden hat man mich sogar in den Kerker geworfen.

TR: Ich hörte davon. Sie saßen sieben Monate in der Festung Ihrer Geburtsstadt Rupelmonde ein und waren der "Lutherei" angeklagt.

Mercator: So ist es, ich wurde denunziert. Aber die angeblichen Beweise existierten nicht. Sonst wäre ich wohl auf dem Scheiterhaufen gelandet.

TR: Was könnte der Grund gewesen sein?

Mercator: Ich weiß es nicht. Vielleicht haben dem Vatikan meine Berechnungen zum Magnetismus nicht gepasst. Sie ergaben, dass der Magnetpol sich nicht am Himmel befindet, wie die Kirche behauptet, sondern auf der Erde. Ich vermute, es ist eine Insel in der Meerenge zwischen Amerika und Asien. Nach der Entlassung standen Sie mit Ihrer Frau und Ihren sechs Kindern praktisch vor dem Nichts. Die Ankläger hatten einen Großteil Ihres Eigentums konfisziert. Eine schreiende Ungerechtigkeit war das!

TR: Hat das Ihr Verhältnis zur Kirche nachhaltig getrübt? Auf einer Ihrer Karten der Kölner Gegend haben Sie eine der drei großen Stadtkirchen mit einem abgeknickten Turm eingezeichnet.

Mercator: Nein, wieso? Also, äh...

TR: Nun gut, wenden wir uns Ihrem Werk zu. Sie arbeiten seit 50 Jahren emsig wie eine Biene. Was sind Sie denn nun eigentlich? Mathematiker, Astronom, Philosoph oder einfach nur ein Instrumentenbauer, wie Sie sich selbst nennen?

Mercator: Das alles sind Aspekte ein und desselben Berufs: dem des Kartografen.

TR: Und was würden Sie selbst als Ihr bedeutendstes Werk ansehen? Den Magnetpol, die Entwicklung der Kursivschrift, die es Ihnen erlaubte, möglichst viele eng geschriebene Ortsbezeichnungen auf einer Karte unterzubringen, oder Ihre unglaublich präzisen Globen, die unser Wissen über die Erde so enorm bereichert haben?

Mercator: Weder noch. Es ist meine 18-teilige Weltkarte von 1569 mit der neuartigen Projektion.

TR: Die Händler auf der Buchmesse in Frankfurt fanden sie eher fad.

Mercator: Nur weil sie keine so reichen und bunten Verzierungen enthält wie meine früheren Karten. Die Händler begreifen nicht, was das Bahn-brechende daran ist – die perfekte Übertragung der Erdkugel in die Fläche, ohne dass die Verhältnisse der Orte untereinander in Bezug auf Richtung und Entfernung sich verfälschen.

TR: Wie haben Sie das geschafft?

Mercator: Wenn Sie die Kugelsegmente, aus denen ein Globus zusammengesetzt wird, nebeneinander auf einen Tisch legen, klaffen sie zu den Polenden immer weiter auseinander. Man muss, um eine entfernungs- und winkeltreue Flächenprojektion zu bekommen, die Meridiane und Breitengrade praktisch geradebiegen.

TR: Und das fiel Ihnen einfach so ein?

Mercator: Ja doch. Nach der Empirie fehlte nur noch der formale mathematische Beweis – eine Kleinigkeit. Nein, im Ernst, das Problem hat mich 30 Jahre lang beschäftigt. Damals hörte man Geschichten von portugiesischen Seefahrern, die auf der Rückreise von Brasilien Kurs auf die Azoren nahmen und teilweise 70 Seemeilen und mehr daran vorbeisegelten, obwohl sie sich exakt nach dem Kompass richteten.

TR: Was war das Problem?

Mercator: Ein gerader Kompasskurs schneidet die Längengrade immer im selben Winkel. Wenn Ihr den Kurs immer weiter verlängert, windet er sich wie eine Spirale um den Globus, weil die Längengrade sich polwärts immer näher kommen. Bei einer langen Fahrt mit gleichem Kurs fährt ein Schiff also einen Bogen.

TR: Wie misslich.

Mercator: Eben. Für eine sichere Navigation ist es daher unerlässlich, diese sogenannten Loxodrome zu begradigen. Nur so können Schiffe auf direktem Kurs ihr Ziel erreichen.

TR: Das bedeutet aber eine große Verzerrung in der Darstellung, je näher man den Polen kommt.

Mercator: Und das stört die Wahrnehmungsgewohnheit – zum Beispiel bei der Form der Kontinente. Auch daher rührt die Zurückhaltung auf der Frankfurter Buchmesse, wie jetzt wieder bei der Vorstellung meiner "Neuen Geographie" mit 51 Blättern.

TR: Ich bezweifle aus einem anderen Grund, dass sich die neue Projektion zügig in der Seefahrt durchsetzen wird.

Mercator: Und der wäre?

TR: Weil Sie die Legenden und Nutzungshinweise Ihrer Weltkarte in Latein geschrieben haben. Welcher Kapitän versteht schon Latein?

Mercator: Ich bin aber doch der Gelehrtenwelt verpflichtet. Ach, es gibt so viele Ansprüche und Empfindlichkeiten, die es zu beachten gilt. Möge meinen Enkeln bei der Fortsetzung meines Werks mehr Erfolg beschieden sein.

TR: Warum diese bedrückte Bilanz, Meister Mercator?

Mercator: Ich habe mit 73 Jahren fast zwei normale Lebensspannen hinter mir, alle meine Weggefährten überlebt, meine Frau und drei meiner sechs Kinder begraben. Das Augenlicht verlässt mich ebenfalls.

TR: Aber planen Sie nicht noch Ihre große Kosmografie? Ich habe Grund zu der Annahme, dass Sie die Achtzig noch überschreiten und bis zum letzten Tag arbeiten werden. ()