Der Mann hinter Bitcoin

Alle Welt rätselt über Satoshi Nakamoto, den Begründer von Bitcoin. Die wirklich wichtige Figur ist jedoch jemand ganz anders: Gavin Andresen, der die Entwicklung der Digitalwährung seit 2010 lenkt.

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  • Tom Simonite

Alle Welt rätselt über Satoshi Nakamoto, den Begründer von Bitcoin. Die wirklich wichtige Figur ist jedoch jemand ganz anders: Gavin Andresen, der die Entwicklung der Digitalwährung seit 2010 lenkt.

Die Frage, wer Satoshi Nakamoto ist, beschäftigt seit einigen Jahren die Netzwelt. Zuweilen treibt sie bizarre Blüten, etwa im vergangenen März, als Reporter das Haus von Dorian Nakamoto in Temple City, Kalifornien, belagerten. Der 64-jährige sei der Kopf hinter der Digitalwährung Bitcoin, hatte das Magazin Newsweek kurz zuvor verkündet. Auch diese Theorie entpuppte sich wie viele andere zuvor als Luftnummer. Sicher ist nur, dass im ersten Paper, das Bitcoin skizziert, als Urheber ein Satoshi Nakamoto firmiert. Gesehen hat ihn bis heute niemand. Und doch gibt es ein Mastermind hinter Bitcoin: nicht in Kalifornien, sondern in Amherst, Massachusetts. Es ist Gavin Andresen, der die Entwicklung der Bitcoin-Softwarearchitektur managet.

Andresen wurde 2010 von Satoshi Nakamoto selbst – wer auch immer dies ist – per E-Mail zum „Core Maintainer“ bestimmt. Das und die Arbeit der vergangenen vier Jahre, in denen der Bitcoin-Bestand einen Gesamtwert von 7,7 Milliarden Dollar erreicht hat, haben ihm eine enorme Reputation eingebracht. CIA und Behörden in Washington suchen seinen Rat, wenn es um Bitcoin geht. 2012 war Andresen einer der Mitbegründer der Bitcoin Foundation – eine Nonprofit-Organisation, die bei der zentralbanklosen Währung einer zentralen Instanz noch am nächsten kommt.

Die Ansichten über Bitcoin gehen weit auseinander: Für die einen ist es ein bloßes Zockerinstrument, für die anderen die Zukunft des Geldsystems, das nicht länger von Institutionen wie der Federal Reserve oder der Europäischen Zentralbank gelenkt wird und so auch armen Nationen Wohlstand bringen kann. Von einer derartigen Aufgeregtheit ist bei Gavin Andresen nichts zu spüren. Er sei ein „Geek, der sich für die Mechanik von Dingen interessiert“, sagt er ruhig. Schnell kommt er auf technische Aspekte zu sprechen. 2014 werde das Jahr der „Multisignatur-Geldbörse“ bei Bitcoin, fasst er seine Erwartungen für das laufende Jahr zusammen.

Richtig ist, dass das Design des Bitcoin-Systems deutlich überarbeitet werden muss, soll die Währung eine wirklich breite Akzeptanz finden. Von Andresens Einfluss wird abhängen, ob dieser Schritt gelingt, und auch, ob andere Digitalwährungen überhaupt eine Zukunft haben.

Andresen machte 1988 seinen Informatik-Abschluss in Princeton, damals noch unter dem Namen Gavin Bell. Er heuerte bei Silicon Graphics in Kalifornien an und blieb dort sieben Jahre, bevor er in verschiedenen Start-ups tätig war. Deren Produkte reichten von 3D-Zeichensoftware bis zu Online-Spielen für Blinde. 2010 wurde er schließlich auf Bitcoin aufmerksam.

Die Digitalmünzen waren zu der Zeit nur ein paar Cent wert, ihre Verwahrung und Handhabung für durchschnittliche Nutzer eigentlich ungeeignet. Andresen erkannte jedoch schnell die Eleganz hinter dem Design von Satoshi Nakamoto. Das Grundprinzip einer Währung ohne Regierungskontrolle sprach seine „im Wesentlichen libertären“ Einstellungen an.

Bitcoins werden nicht von einer Zentralbank herausgegeben, sondern in einem Software-Prozess „abgebaut“. Bei diesem „Mining“ müssen die beteiligten Rechner sehr schwierige mathematische Rätsel lösen, und der Gewinner bekommt einen Satz neuer Bitcoins in seiner Geldbörse gutgeschrieben. In der zugrundeliegenden Software ist auch festgeschrieben, dass die Bitcoin-Menge in einem frisch abgebauten Satz mit der Zeit abnimmt, so dass der Gesamtbestand 21 Millionen Bitcoin nie überschreiten wird. Die Software übernimmt zugleich die Verifizierung von Bezahlvorgängen, so dass kein Bitcoin zweimal ausgegeben werden kann.

Um Bitcoin bekannter zu machen, startete Andresen 2010 den „Bitcoin Faucet“, einen virtuellen Wasserhahn, der jedem neuen Besucher ein paar Tröpfchen der Digitalwährung spendete – anfangs waren es fünf Bitcoins, später nur noch Bruchteile, als der Wert stieg. An Nakamoto, dessen E-Mail-Adresse zumindest bekannt war, schickte Andresen Verbesserungsvorschläge für den Bitcoin-Code. Nakamoto gefielen die Ideen, und schon bald machte er Andresens E-Mail-Adresse zum ausschließlichen Kontakt auf der Projekt-Webseite.

Im Dezember 2010 machte Andresen dann den entscheidenden Schritt nach vorne. „Mit dem Segen von Satoshi und großem Widerstreben werde ich mich aktiver am Projektmanagement von Bitcoin beteiligen“, schrieb er in einem Bitcoin-Forum. Seitdem hat er Vollzeit an der Digitalwährung gearbeitet. Das Gehalt, das ihm die Bitcoin Foundation 2013 zahlte, lag immerhin bei 209.648 Dollar. Ausgezahlt natürlich in Bitcoins.

Dieser Aufstieg vom Quereinsteiger zum Chef des Systems hat das Gerücht genährt, Andresen selbst sei Nakamoto, und er habe das Pseudonym erst fallen lassen, als die Währung an Popularität gewann. Andresen weist dies bestimmt zurück. „Ich bin nicht Satoshi Nakamoto, ich habe nur viele E-Mail-Gespräche mit ihm geführt“, sagte er etwa im April. „Niemand weiß wohl, wer er ist, glaube ich.“ Sollte Andresen gelogen haben, ist er jedenfalls ein verdammt guter Schwindler. Denn der Stil seiner E-Mails ebenso wie der seines Programmcodes unterscheidet sich von dem Nakamotos deutlich.

Er habe sich der Aufgabe des Core-Managements aus „aufgeklärtem Eigeninteresse“ verschrieben, sagt Andresen, ohne dafür jedoch einen besonderen Nutzen zu erwarten. „Es war das Projekt, dessen Erfolg ich wollte.“ Sein Einsatz hat sich bezahlt gemacht, er hat eine einträgliche Karriere gemacht. Niemand weiß, wieviele Bitcoins Andresen besitzt, er selbst deutet nur an, dass der Ertrag seit seinem Einstieg 2010 so groß geworden ist, dass er in einen komfortablen Ruhestand gehen könnte. Er ist stolz, dass seine Frau, eine Geologie-Professorin, nicht mehr von „angeblichem Internet-Geld“ redet. Auch seine Kinder haben begriffen, dass Bitcoins real sind, nachdem Andresen zu Weihnachten eine Rafting-Tour in Neuseeland springen ließ.

Der Treffpunkt, den Andresen vorgeschlagen hat, passt zu dem Höhenflug von Bitcoin unter seiner Führung: Es ist die Lobby des Beverly Hills Hotel. Andresen erscheint im Anzug und nippt an einem dunklen Bier, nachdem er kurz zuvor auf der Milken Global Conference vor den führenden Köpfen der Finanzindustrie gesprochen hat. 8500 Dollar kostet die Karte für die Konferenz. Für die meisten ist Bitcoin ein faszinierendes Rätsel, und Andresen verkörpert es perfekt. Bitcoin sei das lange überfällige Upgrade des archaischen Geldes, das wir in unseren Taschen tragen, verkündet Andresen, und aus seinem Mund klingt es logisch.

Als Andresen 2010 die Entwicklung der Bitcoin-Software übernahm, stützte er sich auf seine Erfahrungen, Software-Teams zu leiten. Schnell kristallisierte sich eine Gruppe von fünf Kernentwicklern heraus, mit Andresen als Kopf. Nur sie konnten den Bitcoin-Code ändern oder Vorschläge von anderen Programmieren einarbeiten.

Sie hatten die Macht darüber, wie die Digitalwährung funktioniert, und wie die ökonomischen Bedingungen aussehen. Während der Wert der Bitcoins gegenüber dem Dollar immer weiter stieg, kümmerten sich Andresen und sein Team darum, die Software weiter zu verbessern. Sie stopften Sicherheitslücken, durch die es Angriffe auf das System gegeben hatte, sorgten dafür, dass die Software immer weniger anfällig für Abstürze ist und machten die Bedienoberfläche einfacher.

Das war nicht gerade wenig. Denn die Hinterlassenschaft Nakamotos sei nicht die Art von Software gewesen, auf der man ein Produkt aufbauen möchte, geschweige denn eine Wirtschaft, formuliert es Mike Hearn, ein Ex-Google-Mitarbeiter, der Code zum Projekt beisteuerte. „Nakamoto veröffentlichte Bitcoin, um zu zeigen, dass es überhaupt funktioniert, nicht als Produkt, das langfristig funktioniert.“ Den größten Teil der Überarbeitung leisteten Andresen und Wladimir van der Laan, ein Programmierer aus Amsterdam, der vor vier Monaten Andresen als Core Maintainer abgelöst hat. Dabei verschwand mit der Zeit viel von Nakamotos Originalcode, nur noch knapp ein Drittel der Bitcoin-Software geht auf den geheimnisvollen Konstrukteur zurück. „Er war ein brillanter Programmierer, aber der Code war schon eigentümlich“, sagt Andresen.

Der habe es ziemlich eilig, die Währung für Milliarden Menschen nutzbar zu machen, sagt Peter Todd, der ebenfalls am Bitcoin-Code mitgearbeitet hat. „Ich bin da viel konservativer, wenn es um Veränderungen des alten Codes geht.“ So habe Andresen darauf gedrängt, die Transaktionsgebühren in der Software an das Volumen der Transaktionen anzupassen. Todd hätte es besser gefunden, erst einmal mögliche Nachteile dieser Änderung zu untersuchen, bevor sie in den Code einfließen.

Die Gruppe der Bitcoin-Programmierer ist nach wie vor klein. Andresens Stiftung versucht nun immerhin, Spenden für die Arbeit am Code zu organisieren. Im Moment befindet sich die Entwicklung an einem kritischen Punkt. Längst stehen nicht mehr nur libertäre Enthusiasten hinter Bitcoin, auch Investoren der Wall Street und aus dem Silicon Valley haben sich in die Digitalwährung eingeklinkt. US-Kongress und Aufsichtsbehörden interessieren sich mittlerweile für die Währung, erste Ansätze einer Regulierung sind auf dem Weg.

Umso wichtiger ist die Sicherheit des Systems. Am Anfang kümmerte sich Nakamoto noch recht hemdsärmelig darum. 2010 steckt ihm jemand eine Sicherheitslücke, mit deren Hilfe jeder fremde Bitcoins ausgeben konnte. „Satoshi änderte einfach den Code und sagte allen ‚Nehmt die neue Version, ich werde euch nicht sagen, warum’“, erinnert sich Andresen sichtlich amüsiert. Auch wenn derzeit nur kleinere Probleme zu beheben sind, könnte es doch immer wieder zu ähnlich ernsten Problemen kommen. „Deshalb sage ich, Bitcoin ist ein Experiment, und Sie sollten nicht Ihre Lebensversicherung hineinstecken“, sagt Andresen.

Mangels Geld kann das Bitcoin-Team den Code nicht einfach von anderen Programmierern untersuchen lassen. Unbezahlte Programmierer wollen, wenn überhaupt, ihren eigenen Teil zum Programm beitragen, und nicht die Fehler von anderen suchen. Doch selbst kleine Lücken könnten Bitcoin ernsthaft schaden. Der Wert der Digitalwährung ist im Wesentlichen auf Spekulation aufgebaut. Schon der kleinste Hinweis auf ein Sicherheitsproblem könnte den Preis abstürzen lassen. „Bitcoin würde das wohl überleben, aber gut wäre es nicht“, sagt Andresen.

Daneben schlägt er sich mit einem ganz anderen Problem herum, auch eine Hinterlassenschaft von Nakamoto: Das Bitcoin-Netz kann nicht mehr als sieben Transaktionen pro Sekunde verarbeiten. Für einen globalen Geldverkehr ist das nichts. Visa etwa wickelt 480 Transaktionen pro Sekunde weltweit ab, sein System kann in der Spitze sogar 47.000 Transaktionen verarbeiten.„Das beunruhigt mich, und wir haben eine Riesendebatte in der Bitcoin-Community, wie wir das Problem lösen sollen“, so Andresen.

Seine bevorzugte Lösung ist, die Transaktions-„Blöcke“, die von den Mining-Rechnern alle zehn Minuten bestätigt werden, zu vergrößern. Andernfalls müsste derjenige, der seine Transaktion schneller durch haben will, eine deutlich höhere Gebühr zahlen. Doch nicht alle sind für Andresens Lösung. Einige sehen darin eine schleichende Zentralisierung des Systems.

Größere Blöcke würden auch den Rechenaufwand des Minings so erhöhen, dass sich nur noch große Unternehmen die dazu nötigen Rechner leisten können. Damit würde der Einfluss von Unternehmen auf Bitcoin zunehmen. „Wenn man Satoshis Schriften liest, ist aber klar, dass er es als alltägliches Transaktionsnetz für jedermann angelegt hat“, hält Andresen dagegen, um seinen Ansatz zu untermauern.

Früher oder später wird das, was er vorschlägt, wahrscheinlich umgesetzt. Andresen betont, er und die anderen Kernentwickler würden sich immer erst andere Meinungen anhören, bevor sie den Code ändern. „Es ist ein Konsens-getriebener Prozess.“ Und da der Code quelloffen sei, könne jeder mit einer anderen Meinung ihn verwenden, um eine konkurrierende Version zu erstellen – mit dem jeweils eigenen Design.

Andererseits haben die restlichen Entwickler keinen Anreiz, den Status quo und Andresens Rolle zu gefährden. Der Wert einer jeden Währung hängt schließlich vom kollektiven Glauben an sie ab. Im Falle von Bitcoin baut das Vertrauen nicht nur auf Nakamotos Code auf, sondern auch auf den Menschen, die ihn pflegen.

Andresen ist zuversichtlich, dass es keine großen Veränderungen in der Funktionsweise von Bitcoin geben wird. Wenn das Transaktionsproblem erst einmal gelöst sei, werde die Arbeit am Code zunehmend von Verwaltern, nicht von Master-Programmierern übernommen, sagt er. Er geht davon aus, dass er selbst immer weniger damit zu tun haben wird, die Währung am Laufen zu halten. Vielmehr sieht er auf sich mehr theoretische Arbeit an digitalen Währungen und der wachsenden akademischen Literatur über Bitcoin zukommen. „Ich schaue sehr optimistisch nach vorne“, sagt Andresen. „Ich hoffe, dass Bitcoin in zehn Jahren eine wirklich langweilige Angelegenheit geworden ist.“ (nbo)