Der Mitmach-Staat

Inhaltsverzeichnis

Die größte Schwierigkeit bei der Mobilisierung dieser Experten besteht darin, die Anonymität zu überwinden, die sich bei Internet-vermittelter Kommunikation leicht einstellt. Innerhalb von Gruppen, die eine gemeinsame Identität haben, ist es leichter, etwas auf die Beine zu stellen, hat Noveck beobachtet. Wie also lässt sich im Internet etwas schaffen, das ein Äquivalent für die reale Gruppenzugehörigkeit diesseits eines Bildschirms sein könnte?

Zunächst gilt es, die Größe solcher virtuell organisierten Gruppen überschaubar zu halten. Peer to Patent hat diesen Weg bereits eingeschlagen. "Die Webseite zerteilt die anstehende Arbeit in klare und zu bewältigende Aufgaben. Die Leute können sich aussuchen, in welcher Phase eines Projektes sie einsteigen wollen", erklärt Noveck in ihrem Buch "Wiki Government" die Struktur des Projekts. Eine andere Vorgabe: Teamspiel ist Pflicht. "Wir hätten schneller und mehr Leute mobilisieren können, wenn wir es nicht zur Bedingung gemacht hätten, dass sich jeder Teilnehmer einer Gruppe anschließen muss." So erfolgt die Patent-Begutachtung bei Peer-to-Patent nicht in einem offenen Forum, sondern in festen Teams, deren Mitglieder einander aufmuntern, kritisieren oder um Rat fragen können. Gerade solche Mechanismen von Ermutigung und sozialer Kontrolle sind wichtig, damit der Informationsfluss in Gang kommt.

Die Praktiken, um diese Form des Austauschs zu realisieren, existieren bereits. "Tags", von Teilnehmern vergebene Schlagworte, dienen der Charakterisierung der einzelnen Aufgaben. Beiträge in Foren der Open-Government-Initiative können bewertet oder auch als Spam markiert werden. Ähnlich wie bei der Internet-Verkaufsbörse Ebay, wo der Erfahrungsgrad eines Händlers oder Käufers durch Sternchen signalisiert wird, trägt fortgesetzte Aktivität zur Verbesserung des Status bei – die Vertrauenswürdigkeit des Teilnehmers steigt.

Neu ist jedoch die Art und Weise, wie Beth Noveck und ihre Kollegen an der New York Law School versuchen, die einzelnen Techniken im Zusammenhang zu betrachten. Dazu haben sie einen Think Tank für angewandte Forschung in Internet-Kommunikation gegründet, "Do Tank" genannt. Ein großes Vor-bild für die Gruppe sind Online-Videospiele wie "World of Warcraft". "Die neue Sichtbarkeit von sozialen Beziehungen, die das Interface von Online-Rollenspielen ermöglicht, birgt eine Antwort auf die Frage, wie eine Organisation Aufgaben bestimmten Personen zuteilen kann", resümiert Novecks Kollege David Johnson.

In Online-Spielen können die Teilnehmer eine Vielzahl von Rollen einnehmen, die mit unterschiedlichen Aufgaben verbunden und deren Aktionen auf verschiedene Weise für den Spielverlauf entscheidend sind. Dabei sind alle Mitspieler in Gruppen wie "Gilden" oder "Rassen" organisiert; eine Bildschirmansicht informiert den einzelnen Spieler darüber, wie es um die anderen Mitglieder der Gruppe steht und was das für ihn selbst bedeutet. Und genau darauf kommt es an – dass die Gruppe einen gemeinsamen und sichtbaren Bezugspunkt hat, über den sie sich definiert. "Eine gemeinsame visuelle Familienbande hilft uns, die Kluft zu überbrücken, die bloße Worte oft nicht schließen können", ergänzt Noveck.

Solche "weichen" Faktoren sind es, die über den Erfolg von Wissenstransfer entscheiden. Um sie zu berücksichtigen, ist es mit Technik allein oft nicht getan. So haben sich die Mitarbeiter des Do Tanks die Frage gestellt, ob sich Nutzergemeinschaften im Netz nicht zu einer Art virtuellen Firma zusammenschlie-ßen könnten, um den Zusammenhalt in den eigenen Reihen zu stärken. Die passende Rechtsform dafür haben sie gleich mit entwickelt. Im US-Bundesstaat Vermont ist das, was Noveck und Kollegen sich ausgedacht haben, bereits umgesetzt worden: Hier können Menschen ganz ohne eine Adresse in der realen Welt ein Unternehmen gründen und ein Konto eröffnen.

Zu den Faktoren, die darüber entscheiden, ob die Rekrutierung der Mikro-Elite erfolgreich verläuft, gehört auch die Gestaltung von Diskussionsregeln. Der Abstimmungsmodus zum Beispiel: "Wenn man weiß, dass am Ende eine einstimmige Entscheidung erfolgen muss, kommen manche Vorschläge erst gar nicht auf den Tisch. Man zensiert sich stärker", erklärt Gary Schaal, der sich als Professor für Politikwissenschaften an der Universität der Bundeswehr in Hamburg mit der empirischen Untersuchung von Diskursqualität befasst. "Am besten funktioniert das gemeinsame Überlegen bei Problemen, wo die Mitdiskutanten zur Lösung Informationen beibringen können, über die nur sie verfügen" – vermutlich weil jeder Teilnehmer dann sicher sein kann, mit seinen Informationen einen ganz persönlichen Beitrag zu liefern. "Außerdem muss ein praktisches Ziel in Sicht sein", sagt Schaal. Das sei auch der Grund, weshalb gerade eine Initiative wie Peer to Patent so gut funktioniere.

Nicht immer also reicht es aus, wie im Falle der roten Luftballons, einfach mit Dollarscheinen zu winken. Wer Wissen ernten will, muss zuweilen auch bereit sein, seine Entscheidungsbefugnis zu teilen. (bsc)