Der Schlüssel zur Web-Währung?

Seit kurzem mischt Bitcoin, eine neue digitale Währung, die Online-Welt auf. Technology Review erklärt, warum Bitcoin ernst zu nehmen ist, wie es funktioniert und wie es sich von anderen Währungssystem unterscheidet.

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Von
  • Tom Simonite

Eine neue digitale Währung mischt seit kurzem die Online-Welt auf: Bitcoin. In nur drei Wochen hat sich deren Gesamtwert auf 40 Millionen Dollar vervierfacht. Im Unterschied zu anderen Währungen trägt Bitcoin jedoch nicht die Signatur einer Regierung oder Notenbank. Die Vertrauenswürdigkeit der digitalen Münzen wird durch ein ausgeklügeltes kryptographisches System gewährleistet. Bislang kann man nicht viel mit ihnen kaufen, und ob Bitcoin jemals mit Dollar, Euro oder Yen konkurrieren wird, ist noch nicht absehbar. Technology Review erklärt, warum Bitcoin dennoch ernst zu nehmen ist, wie es funktioniert und wie es sich von anderen Währungssystem unterscheidet.

Woher kommt Bitcoin?

2008 veröffentlichte Satoshi Nakamoto – wahrscheinlich ein Pseudonym – auf einer Kryptographie-Mailingliste ein Paper, das das Konzept von Bitcoin umriss. Anfang 2009 gab Nakamoto dann eine Software heraus, mit der sich Bitcoins austauschen lassen. Die Software wird inzwischen von einer Open-Source-Community gepflegt, die von einem Kernteam aus vier Entwicklern koordiniert wird.

„Satoshi ist eine etwas mysteriöse Figur“, sagt Jeff Garzik, Mitglied des Kernteams und Gründer von Bitcoin Watch, dass den Fluss der Währung verfolgt. „Unser Team hat gelegentlich mit Satoshi Email-Kontakt, aber man weiß nie genau, ob er antwortet.“ Außer den Emails und seinen Beiträgen auf der Mailingliste sei nicht mehr über ihn bekannt.

Wie funktioniert Bitcoin?

Nakamotos Idee war, dass Nutzer eine elektronische Währung austauschen können, ohne dass eine dritte Partei – wie zum Beispiel der Bezahldienst PayPal – involviert ist. Ein kryptographisches Verfahren soll sicherstellen, dass jede Bitcoin, die man erhält, echt ist, selbst wenn man dem Absender nicht vertrauen sollte.

Die Grundlagen von Bitcoin

Hat man die Bitcoin-Nutzersoftware heruntergeladen und installiert, verbindet sie sich mit dem dezentralen Netzwerk, das alle Bitcoin-Nutzer bilden. Das Programm erzeugt ein Paar von unverwechselbaren, mathematisch miteinander verbundenen Schlüssel, die für eine Transaktion nötig sind. Der eine, private Schlüssel wird auf dem eigenen Rechner deponiert. Der andere, öffentliche Schlüssel sowie eine Bitcoin-Adresse genannte Variante desselben werden an andere Nutzer weitergegeben, damit sie Bitcoins überweisen können.

Selbst mit den leistungsstärksten Superrechnern von heute ist es im Prinzip unmöglich, den privaten aus dem öffentlichen Schlüssel zu rekonstruieren. Auf diese Weise wird ein Identitätsdiebstahl verhindert. Beide Schlüsselarten werden in Dateien gespeichert, die auf andere Rechner übertragen werden können, weil man sich zum Beispiel einen neuen Laptop gekauft hat.

Eine Bitcoin-Adresse ist eine Zeichenfolge wie 15VjRaDX9zpbA8LVnbrCAFzrVzN7ixHNsC. Online-Shops, die Bitcoins akzeptieren, übermitteln vor einem Kauf ihre Adresse an einen Nutzer, damit dieser bezahlen kann.

Die Überweisung von Bitcoins

Bei einer Transaktion errechnet die Software aus dem privaten Schlüssel des Zahlenden und dem öffentlichen Schlüssel des Empfängers eine Datenfolge. Die wird anschließend in das gesamte Bitcoin-Netzwerk hinausgeschickt, damit andere Client-Programme, die nicht an dem Vorgang beteiligt sind, die Transaktion verifizieren können.

Hierfür nehmen sie zwei Operationen vor. Die eine kombiniert den öffentlichen Schlüssel des Zahlenden mit dem privaten, um dessen Identität zu überprüfen. In der zweiten Operation wird in einem öffentlichen Zahlungsverzeichnis nachgeschaut, ob der Zahlende überhaupt genug Bitcoins hat.

Fallen beide Prozeduren positiv aus, werden sie von anderen Bitcoin-Clientprogrammen wiederholt. In Sekundenschnelle überprüfen so sämtliche Clients, die gerade online sind, die Transaktion. Einige Clients dienen als so genannte „Miners“, die den überwiesenen Bitcoin-Betrag in das öffentliche Zahlungsverzeichnis eintragen. Hierfür müssen sie ein kryptographisches Rätsel lösen. Der Miner, der gewinnt, aktualisiert das Verzeichnis und schickt es ins Netzwerk. Wenn die Software des zahlenden Nutzers das aktualisierte Verzeichnis empfängt, wird die Überweisung als vollzogen abgehakt.

Die Sicherheit von Bitcoin

Die Algorithmen der Software halten den Rechenaufwand, um eine Transaktion zu verifizieren, gering. Umgekehrt erschweren sie es, Transaktionen zu fälschen oder Bitcoins auszugeben, die man nicht hat. Das öffentliche Zahlungsverzeichnis sei zudem eine Abschreckung gegen Geldwäsche, sagt Garzik: "Sie können anhand dessen die Geschichte eines jeden einzelnen Bitcoins bis zur ersten Schöpfung zurückverfolgen, durch jede Transaktion hindurch."

Wie kommt man an Bitcoins?

Es gibt digitale Wechselstuben wie Mt. Gox, in denen man bekannte Währungen in Bitcoins tauschen kann. Manche Nutzer haben auch begonnen, ihre ersten Bitcoins gleich durch eine Dienstleistung, etwa den Bau einer Website, zu beziehen. Es gibt bereits eine Job-Börse, die in Bitcoins entlohnte Tätigkeiten vermittelt.

Nichtsdestotrotz müssen Bitcoins irgendwo entstehen. Ihre Schöpfung, "Mining" genannt, wird durch bestimmte Client-Programme vorgenommen, die ein kryptographisches Rätsel zu lösen versuchen. Der Client, der den nächsten "Block" im Zahlungsverzeichnis fertigstellt, bekommt 50 Bitcoins gutgeschrieben. Weil die Rechenprozedur hierbei aufwändig ist, haben Rechner ohne leistungsfähige Graphikkarte keine Chance, diesen Wettbewerb zu gewinnen und Bitcoins zu generieren. Diese Form der Bitcoin-Schöpfung soll aber nach den Anfangsjahren einem anderen Verfahren weichen.

Wo kann man Bitcoins ausgeben?

Zurzeit gibt es noch nicht viele Stellen im Netz, die Bitcoins akzeptieren. Einige Nutzer haben Geschäfte gestartet, bei denen die digitalen Münzen etwa gegen Tee, Bücher oder Webdesign getauscht werden (eine umfassende Liste gibt es hier). Keiner den bekannten Online-Händler nimmt bislang Bitcoins an.

Notenbanken kontrollieren üblicherweise Währungen. Wer kontrolliert Bitcoin?

Das Bitcoin-System kennt keine Institution wie eine Notenbank. Sämtliche Kontrollmechanismen sind in die Software und das Transaktionsprotokoll eingebaut. Nakamoto hat beispielsweise eine Regel programmiert, nach der die Geldmenge an Bitcoins sich allmählich einem Maximum von 21 Millionen annähert. Je näher sie diesem Wert kommt, desto niedriger wird die jährliche Wachstumsrate. Derzeit sind sechs Millionen Bitcoins im Umlauf, 2030 werden es über 20 Millionen sein.

Das System hat allerdings ein Schlupfloch: Sollten mehr als die Hälfte der Rechner im Bitcoin-Netzwerk von einer einzigen Partei kontrolliert werden, können sich Nakamotos Regeln ändern. Damit soll verhindert werden, dass ein kriminelles Kartell versucht, das Währungssystem zu kapern. Dass irgendjemand je eine solche Mehrheit erlangt, ist jedoch unwahrscheinlich. "Das gesamte Netzwerk kann es mit den besten derzeitigen Supercomputern aufnehmen", sagt Garzik. "Die Regeln von Satoshi Nakamoto sind dadurch gewissermaßen in Stein gemeißelt."

Ist eine fest definierte Geldmenge nicht gefährlich?

"Die ausgeklügelten Kontrollmechanismen, die eine Schöpfung von Bitcoins in größerem Umfang verhindern, unterscheiden das System von allen anderen Währungen" sagt Russ Roberts, Ökonom an der George Mason University. Die Folge der Begrenzung auf 21 Millionen werde wahrscheinlich eine langsame und stetige Deflation nach sich ziehen, weil die jährliche Zunahme an Bitcoins geringer wird und dadurch ihr Wert steigt.

"In der Wirtschaftstheorie gilt diese Entwicklung eigentlich als katastrophal", sagt Roberts. Das liege allerdings daran, dass eine Deflation meistens unerwartet einsetze. In einer Bitcoin-Welt sei diese deflationäre Tendenz allen Teilnehmern bekannt, und so könnten sie sich darauf einstellen."

Könnte Bitcoin anderen Währungen gefährlich werden?

Roberts hält es für unwahrscheinlich, dass Bitcoin eine ernsthafte Konkurrenz im internationalen Währungssystem wird. "Es könnte eine Nische besetzen, um bestimmte technische Dienstleistungen zu bezahlen." Sollte Bitcoin ein Erfolg werden, könnte es allerdings andere Währungen oder die Entscheidungen von Zentralbanken beeinflussen, glaubt Roberts. Bitcoin könnte auch ein Beispiel für eine Währung werden, in der Zentralbanken - wie zuletzt in der Finanzkrise - nicht mehr durch verstärkte Geldschöpfung in die Wirtschaft eingreifen können.

Weitere Informationen, Software-Download und eine Handelsplattform bietet das deutsche Bitcoin-Portal mybitcoin.de. (nbo)