Der Siegeszug des "sozialen Graphen"

Das Silicon Valley feierte auf dem "Web 2.0 Summit" das Internet als Plattform. Star war einmal mehr Facebook-Gründer Marc Zuckerberg.

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  • Steffan Heuer
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Wenn es bislang noch irgendwelche Zweifel daran gab, dass das Mitmach-Web auch die letzten Winkel der etablierten IT- und Medienkonzerne durchdrungen hat, wurden sie beim diesjährigen Web 2.0 Summit ausgeräumt. Mehr als 1.200 Besucher drängten sich in der vergangenen Woche drei Tage lang in San Francisco, um die Zukunft interaktiver Webdienste, offener Schnittstellen (APIs) und der Social Networking-Plattformen zu debattieren.

Die Anwesenheit großer Namen, die bisher um die Veranstaltung einen Bogen gemacht hatten, war ein sicherer Beleg dafür, dass sich der "Social Graph" – also die dynamischen Listen von angeblichen Freunden und Bekannten, deren Vorlieben und Aktivitäten – als neuester Trend etabliert hat. Das Abgleiten in den Mainstream sorgte bei zahlreichen Teilnehmern der nunmehr vier Jahre alten Web 2.0-Wallfahrt aber auch für Ernüchterung.

Microsoft-CEO Steve Ballmer kündigte an, dass sein Konzern es Google, dem König der Internetsuche, in vier bis sieben Jahren noch einmal ordentlich zeigen werde und bescheinigte dem Social Networking-Wunder Facebook, eine gute Plattform entwickelt zu haben.

eBay-Chefin Meg Whitman beschwichtigte, man wolle nach der Milliarden-Abschreibung dem VoIP-Dienst Skype erst einmal Zeit lassen, zu wachsen und mit bestehenden sozialen Netzen besser integriert zu werden. Eine Such- und Importfunktion für andere Webdienste neben dem neuen Skype-Partner MySpace sei in Arbeit, so Whitman.

News Corporation-Boss Rupert Murdoch dachte laut darüber nach, wie viel unverhofftes Glück sein Unternehmen mit der 580 Millionen Dollar teuren Übernahme von MySpace doch gehabt habe. "Wir hatten keine Ahnung, dass sie so erfolgreich sein würden", sagte Murdoch über die Networking-Seite, die zwar in den vergangenen zwei Jahren von 90 auf 188 Millionen registrierte Nutzer gewachsen ist, aber jetzt gegen den Herausforderer Facebook ankämpfen muss, was Wachstum, Funktionalität und Glaubwürdigkeit unter Nutzern wie Programmierern angeht.

Kein Wunder, dass MySpace rechtzeitig zum Auftakt der Konferenz seine neue Außenstelle in San Francisco feierte. Rund 200 Entwickler sollen in der hippen "South of Market"-Gegend einziehen und aus einem bislang bunten, aber streng reglementierten Treffpunkt für Teenager und Bands eine offene Plattform basteln, die wie Facebook jedem Entwickler erlaubt, eigene Anwendungen aufzuschalten und an ihnen Geld zu verdienen.

Der Siegeszug von Facebook, das von einer kleinen Seite für Studenten der Harvard University zum Phänomen mit mehr als 40 Millionen registrierten Nutzern und einem potenziellen Marktwert irgendwo zwischen 5-15 Milliarden Dollar geworden ist, hatte fast alle Redner auf dem "Web 2.0 Summit" in seinen Bann gezogen. Silicon Valley-Veteran Dave McClure verkündete gar, die Entscheidung des Social Network, seine Plattform im Mai für Programmierer zu öffnen, sei "bedeutsamer als Googles Börsengang".

Innerhalb eines halben Jahres haben vor allem kleine Firmen und Einzelentwickler mehr als 6.000 Anwendungen geschrieben, die bis Jahresende rund eine Milliarde Mal installiert worden sein sollen. Der durchschnittliche Nutzer verbringt im Schnitt vier bis fünf Minuten pro Sitzung mit diesen Programmen, die zumeist triviale Dinge erlauben – etwa, seinen Bekannten virtuelle Blumen, Drinks und "Vampirgrüße" zu schicken oder seine Musikvorlieben der Welt mitzuteilen.

Der Boom bei Anwendungen auf Facebook als neuem Desktop des 21. Jahrhundert ist erst der Anfang eines großen Trends, dem sich andere Firmen wie Microsoft oder MySpace nicht verschließen können, so der Tenor in San Francisco. "Facebook ist der Prototyp für alle anderen – sie werden die Signale verstehen und sich ebenfalls öffnen", prophezeite der Internet-Unternehmer Seth Goldstein.

Er ist Mitbegründer von Social Media, einer Anzeigen-Plattform, mit der sich jedes dieser kleinen Spaßprogramme professionell und automatisch vermarkten und monetarisieren lässt, wie es Google mit AdWords vormachte. Goldstein war nicht der einzige, der betonte, dass Facebooks aktuelle Trivialität nur eine Kinderkrankheit sei. Ebenso habe sich in den Anfangstagen von Windows oder der Blogosphäre dort nur wenig wirklich Nützliches oder Ernsthaftes finden lassen.