Der kleine Bruder des Web 2.0

Dienstleister und Netzwerkbetreiber aus aller Welt debattieren in San Francisco, wie man das Web2.0 auf kleine Formate eindampft, ohne seine Funktionalität zu zerstören.

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  • Steffan Heuer

Für Technologen sieht die Welt der Westentaschen-Kommunikation zuweilen grenzenlos aus: Landkarten von Google und Live-Fernsehen fließen aufs Handy, Fotos werden direkt nach dem Druck auf den Auslöser zu Seiten wie FlickR hochgeladen, SMS-Konversationen unter spontan eingerichteten Gruppen erlauben „Gespräche“ in sozialen Netzwerken.

Die Wirklichkeit für die breite Masse von Handy-Nutzern, das wurde auf einer „Mobile2.0“-Veranstaltung am Vorabend der viel beachteten Web2.0-Konferenz in San Francisco deutlich, sieht gründlich anders aus: Interoperabilitätsprobleme zwischen Telefonherstellern und Netzwerkbetreibern, Browsern und einzelnen Programmen sowie mangelndes Verständnis unter den Nutzern machen das mobile Web 2.0 bislang zu einem verwirrenden und vielfach frustrierenden Erlebnis, von dem sie lieber die Finger lassen.

Gerade einmal 55 Millionen der rund zwei Milliarden weltweit benutzten Mobiltelefone lassen sich als „Smart Phones“ klassifizieren, mit denen ihre Benutzer ins Web gehen und die neuesten Anwendungen laufen lassen können. Weit über die Hälfte aller Handys sind dagegen anderthalb Jahre oder älter und von der schönen neuen Welt der Anwendungen in Ajax oder XHTML ausgeschlossen, berichtete Chris Hoffman von der Mozilla Foundation. Seine Stiftung ist für den Firefox-Browser verantwortlich und arbeitet gegenwärtig an einer tragbaren Variante namens Minimo.

Dabei kämpft Hoffman wie die meisten der rund 275 anwesenden Entwickler, Unternehmer und Technologen einstweilen auf verlorenem Posten. Umfragen belegen, dass heute lediglich zwölf Millionen Menschen ihre E-Mail vom Handy abrufen, gerade einmal zehn Millionen Wettervorhersagen, und nur sechs Millionen Landkarten oder Suchmaschinen mobil befragen. Auch wenn der Absatz von Smart Phones laut Marktforschungsunternehmen im dreistelligen Bereich zulegt, ist das Web2.0-Phänomen weitgehend auf Rechenzentren, Desktops und Laptops beschränkt.

Das liegt unter anderem am Fehlen von Standards, an die sich Programmierer und Mobil-Startups halten können, wie Steve Bratt, CEO des World Wide Web Consortium (W3C) erklärte. Das Gremium versucht gegenwärtig, eine „Vision des einen Webs“ zu formulieren, um die Hürden der babylonischen Sprachverwirrung zu überwinden. Das Ziel heißt Daten und Dienste für jedermann auf jedem nur denkbarem Gerät.

Gegenwärtig, klagte Bratt, erinnert das mobile Web allerdings eher an das Web im Jahr 1994: „unbequem und ineffizient.“ Ähnlich der ersten Phase des World Wide Web leide dessen kleiner Bruder 2006 an zu wenig Datendurchsatz, mangelnder Abdeckung, offenen Sicherheitsfragen und abgezäunten Gebieten oder „Walled Gardens“, die Netzwerkbetreiber und Urheberrechtsinhaber eifersüchtig hüten wie einst AOL seine Abonnentengemeinde.

Bratt machte den Mobil-Enthusiasten in San Francisco, die sich als Teil der weltweiten „Mobile Monday“-Treffen versammelt hatten, allerdings auch Hoffnung. Die im Mai 2005 ins Leben gerufene „Mobile Web Initiative“ des W3C steht kurz davor, neue Standards und Best Practices festzulegen. Und es gibt im Gegensatz zum jungen Web Mitte der 90er-Jahre heute bereits jede Menge Inhalte, Unternehmen mit Technologien und neugierige Nutzer – allesamt Zutaten für eine rasante Entwicklung und Verbreitung neuer Handy-Dienste. Darüber hinaus wird im kommenden Jahr eine neue Version der plattformunabhängigen Programmiersprache Java herauskommen. Sie ist bereits in mehr als eine Milliarde Handys integriert und wird ab 2007 eine neue Architektur für mobile Dienste (MSA) ermöglichen.

Das hehre Vorbild heißt Web2.0 – also die zweite Phase des Webs, in der interaktive Dienste mehr maßgeschneiderte Seiten denn je ermöglichen. Da jetzt dank offener Schnittstellen Maschinen mit Maschinen oder Software mit Software sprechen, werden Abfragen ohne menschliches Zutun gemakelt und Daten dynamisch miteinander verknüpft. Was auf großen Bildschirmen bereits relativ reibungslos funktioniert und zu Phänomenen wie „Mash-Up“-Seiten geführt hat, bei denen etwa aktuelle Immobilienanzeigen in Stadtpläne eingeblendet werden, lässt sich theoretisch auch auf Klienten wie Mobiltelefone ausdehnen. Vorausgesetzt, die Anwendungen und Hardware sind kompatibel, klein und schnell genug, und der Download kostet kein Vermögen.

Einen Ausblick auf die heraufziehende mobile Webwelt gab Martin Frid-Nielsen, Mitbegründer und CEO des kalifornischen Startups SoonR. Sein Dienst erlaubt es, von jedem Telefon mit einem der knapp zehn auf dem Markt befindlichen Mobilbrowser auf sämtliche Daten auf dem eigenen PC zuzugreifen. Ohne großen grafischen Aufwand, stellt SoonR beliebige Dateiformate wie Word, PDFs und selbst umfangreiche Fotosammlungen auf dem Handy dar. Mit ein paar Klicks kann man gesamte Ordner an Dritte weiterleiten – selbst wenn der eigene Rechner am anderen Ende der Welt steht und ausgeschaltet ist.

Diese Benutzerfreundlichkeit erkaufte sich SoonR durch langwierige Tests, berichtete der Unternehmer. „Wir funktionieren inzwischen auf mehr als 600 Geräten in gut 160 Ländern, und zwar ohne dass wir einen einzigen Deal mit einem Netzwerkbetreiber abschließen mussten.“ Für einen Carrier ist ein solcher Dienst gleichwohl interessant, denn er animiert Kunden zu mehr Zeit online und häufigeren Downloads. Deswegen hat SoonR einen ersten Pilotversuch mit SwissCom gestartet, bei dem der Schweizer Betreiber seinen Abonnenten ein spezielles Datenabo anbietet. Das ist die Ausnahme. In der Regel, gibt Frid-Nielsen zu, sind die meisten Webdienste für Handys immer noch „beschissen“ oder saugen die Batterien in einer halben Stunde leer.

An der Front schlanker, dynamischer Anwendungen für Mobiltelefone tut sich inzwischen jede Menge, wie Vertreter der norwegischen Browserfirma Opera und von WidSets, einer Ausgründung von Nokia Ventures berichteten. Wie die von Apple eingeführten Minianwendungen namens „Widgets“ wandelt die finnische Firma beliebige Anwendungen aus dem Web in kleine, sich selbst aktualisierende Infoschnippsel fürs Handy um.

Seit dem Betastart im Juni hätten Nutzer aus mehr als 50 Ländern bereits über 800 WidSets gebastelt, die auf rund 200 unterschiedlichen Telefonen laufen, so WidSet-Manager Kaj Häggman. Er bezeichnete seine Java-Häppchen als „Alternative zu einem Mobil-Browser.“ Opera verfolgt die gegensätzliche Strategie und bietet zwei Varianten seines Browsers für Dutzende verschiedener Geräte an, inklusive Sonys neuem WiFi-vernetztem Mylo und der Nintendo-DS-Spielekonsole.

Was alle diese Anwendungen verbindet, ist der Sprung vom Konsumenten zum Unterhalter. Tony Fish, Autor des neuen Buches „Mobile Web2.0“, ging mit Telekom-Anbietern hart ins Gericht, die von Konvergenz sprechen und damit nichts anderes meinen, als den passiven Abonnenten aus neuen Kanälen zu berieseln. „Wer von Konvergenz spricht, hat ein vollkommen veraltetes Modell vor Augen. Das vom Betreiber subventionierte Handy ist ein kostenloses Gerät, um kreativ zu sein, und nicht noch ein Bildschirm, um zu konsumieren.“

Die ungeheure Beliebtheit von User Generated Content sei nach Fishs Meinung ein schlagender Beweis dafür, dass sich Nutzer auch mit unzureichender und unbequemer Technik herumschlagen, solange sie ihre eigenen Inhalte produzieren und sich anderen mitteilen können. In dieser „Grauzone zwischen Konsum und Kreativität“ müssten sich erst noch Geschäftsmodelle herausbilden, die über Anzeigen hinausgehen, so Fish, aber Dinge wie Aufmerksamkeit oder die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen würden sich bald zu Geld machen lassen, prophezeite er.

Wie lange sich Anbieter und Entwickler Zeit nehmen sollen, bis aus mobilen Anwendungen ein tragfähiges Geschäft wird, beschäftigte Sumit Agarwal, Produktmanager für Mobilprodukte bei Google. Der Suchmaschinenriese, der gerade eine Java-basierte Version von GMail sowie eine interaktive Version von Google Maps für Smart Phones vorstellte, hält laut Agarwal nicht viel von „Mobil-Mythen.“ Man könne sehr wohl etwas entwickeln und die ein bis fünf Prozent „Early Adopters“ ausprobieren lassen, was gut funktioniert. Ebenso wenig bedarf es multimedialer Inhalte. So lange eine Anwendung auf dem Handy einfach und verlässlich läuft, besitze sie Potenzial, so der Google-Manager.

Er wies auch die Vorstellung zurück, dass Handys den PC ablösen werden. Es gehe um nahtlose Übergänge zwischen beiden Welten. „Man kann ein Kalb nicht melken, bevor eine Kuh draus geworden ist“, sagte er den Mobilentwicklern. „Das mobile Web braucht Zeit, um zu reifen. Warten wir ab, bis uns die Nutzer die Türen einrennen, dann können wir alle immer noch genug Geld verdienen.“ Bis man eine genügend große Nutzerbasis als Verkaufsargument bei Netzwerkbetreibern anführen könne, würden in der Regel 18 Monate vergehen, so Agarwal.

Dass die Branche erst einmal ihre Hausaufgaben machen muss, schärfte Hetal Patel vom Mobilkonsortium Symbian den Zuhörern ein – dem weltweit mit Abstand führenden Betriebssystem für Handys. Verbesserungen von der Nutzeroberfläche bis zu einzelnen Programmen und geringeren Gebühren seien bislang nur schrittweise erfolgt. Entwicklungssprünge verdanke das mobile Web2.0 ausschließlich Smart Phones mit ihren Multimedia-Anwendungen und Browsern, die Dinge wie mobile Blogs und Geotagging erlauben. „Das Problem ist, dass die meisten Web2.0-Seiten Smart Phones im Stich lassen und nicht funktionieren.“ Zu viel neue Technik vergrault die mobilen Surfer, da Mash-Ups und nicht auf kleine Formate zugeschnittene Seiten zu einer miserablen Benutzererfahrung führen, bemängelte Patel. „Deswegen sehen wir beim Websurfen übers Handy kein Wachstum.“ (wst)