Der nächste Schritt für Online-Videos

HTML5 verändert das Web - doch kann die Technik auch den Multimedia-Marktführer Flash ersetzen?

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Von
  • Kate Greene

HTML5 verändert das Web – doch kann die Technik auch den Multimedia-Marktführer Flash ersetzen?

Ende August startete die kanadische Band "Arcade Fire" ein Experiment in Zusammenarbeit mit dem Online-Riesen Google: Fans können sich seither ein personalisiertes Musikvideo zum neuen Song "We Used To Wait" zusammenstellen, das deutlich mehr zeigt als ein normaler Clip. In mehreren Video-Fenstern innerhalb des Browsers werden unter anderem in Echtzeit eingebaute Straßenbilder aus Googles "Street View"-Dienst genutzt – die dabei verwendete Stadt sucht sich der Nutzer vorher selbst aus.

Diese Art von Funktionalität wäre in dieser Breite mit den meisten anderen Online-Video-Playern nicht möglich, die mit Zusatzprogrammen wie Adobe Flash oder Microsoft Silverlight arbeiten. Das "Arcade Fire"-Video läuft dagegen direkt in jedem modernen Browser und ist komplett mit Hilfe der Web-Programmiersprache HTML5 umgesetzt, die sich derzeit mehr und mehr durchsetzt.

Obwohl das World Wide Web Consortium (W3C), das für Web-Technologien zuständige Standardisierungsgremium, HTML5-Video bislang noch nicht endgültig abgesegnet hat, setzen mittlerweile zahlreiche bekannte Internet-Angebote auf die Technik. Der Nachrichtensender CNN gehört genauso dazu wie das Satiremagazin "The Onion". Teile ihrer Video-Bibliotheken stehen mittlerweile in HTML5 zur Verfügung – und zwar auch deshalb, weil es neue Design-Möglichkeiten eröffnet. "Die Technik kann sehr ausdrucksstark sein", meint Ben Galbraith, Direktor für Entwicklerbeziehungen bei der HP-Mobiltochter Palm. "Grafikdesigner haben mehr Freiheiten und die Programmierer erhalten ganz neue Möglichkeiten." Die Tatsache, dass Apples höchst erfolgreiche iOS-Gerätelinie vom iPhone über den iPod touch bis hin zum iPad ganz bewusst kein Flash unterstützt, ist ebenfalls eine treibende Kraft.

Und trotzdem: Online-Video befindet sich derzeit in einer Übergangssituation. Während HTML5 Programmierern mehr Flexibilität verspricht und damit eben auch Apple-Geräte erreicht werden können, fehlen bei dem zukünftigen Web-Standard im Vergleich zu Flash noch einige Funktionen. Hinzu kommt, dass es bereits Millionen von Videos gibt, die nur über Flash abspielbar sind. (Allerdings hat etwa Google seine riesige YouTube-Bibliothek mittlerweile parallel auch in HTML5 im Angebot.) Dazu kommt: Flash existiert seit vielen, vielen Jahren und Entwickler wissen, wie sie es nutzen.

Aus diesem Grund versuchen mehrere Firmen, HTML5-Video zugänglicher zu machen. Das Software-Unternehmen Skyfire beispielsweise hat einen Browser entwickelt, der Flash-basierte Inhalte zu HTML5 umbaut, so dass iPhone-Nutzer sie sehen können. (Aktuell befindet es sich allerdings noch in Apples gelegentlich problematischen Zulassungsprozess.) Sublime Video hat unterdessen eine Abspielsoftware entwickelt, die Programmierern viele Funktionen liefert, die sie von Flash-Video kennen – nur eben in HTML5.

Bruce Lawson, Web-Evangelist beim norwegischen Browser-Hersteller Opera, gibt allerdings zu bedenken, dass die Frage, ob HTML5 wirklich Flash ablösen muss, noch nicht abschließend beantwortet sei. Flash funktioniere in nahezu allen Browsern und Entwickler müssten ihren Code eben nur einmal schreiben und ihn nicht an die Fähigkeiten der verschiedenen Browser anpassen.

Hinzu komme, dass Flash derzeit in Sachen Rechteschutz viel besser funktioniere. "Wenn Sie eine Firma sind, die Filme im Web zeigt, ist es wichtig für sie, dass sie nicht so einfach heruntergeladen, aufgezeichnet und weitergegeben werden können. Flash ist da das richtige Werkzeug." Bislang fehle es an ähnlichen - bei den Nutzern allerdings verhassten - Kopierschutzmaßnahmen bei HTML5-Video.

Eine Funktion, die Sublime Video für HTML5-Video angepasst hat, ist der Vollbildmodus – dieser fehlt der Technik bislang nämlich. Michael Smith, der beim W3C an der Implementierung neuer Standards arbeitet, sieht darin allerdings ein großes Sicherheitsproblem: So könnte ein böswilliger Hacker einen harmlos aussehenden Link an Nutzer schicken, der ein Vollbildvideo einer gefälschten Desktop-Umgebung aufruft, die ihn dann zur Preisgabe sensibler Daten veranlasst. "Aus Sicherheitsgründen müssen wir dem User stets klar machen, dass er ein Video anschaut." Aus diesem Grund arbeite das W3C derzeit an einem Vollbildmodus, der diese Bedingung erfülle. (Bei Flash-Videos wird ein kurzer Hinweis eingeblendet.)

Eine weitere Funktion, die HTML5 bislang noch fehlt, sind zeitlich abgestimmte Untertitel. Diese sind mit Flash umsetzbar, obwohl es dort laut Opera-Mann Lawson noch das Problem gibt, solche Texte ganz normal im Web durchsuch- und damit auffindbar zu machen.

W3C-Mann Smith betont, HTML5 werde nicht entwickelt, um Flash zu ersetzen und müsse deshalb auch nicht Funktion um Funktion mit ihm gleichziehen. "Es geht uns nicht darum, funktionierende Techniken zu ersetzen. Wir wollen den Menschen aber neue Wahlmöglichkeiten eröffnen." (bsc)