Dfinity: Warum der Internet-Computer vorerst nicht die Zukunft des Netzes ist

Was der Beginn einer neuen Version des Internet werden soll, ist zugleich der Handelstart des dazugehörigen ICP-Tokens an den Kryptobörsen.

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Von
  • Enno Park

Geht es nach dem Informatiker und Entrepreneur Dominic Williams, dann hat seine Stiftung Dfinity vor wenigen Tagen das Internet der Zukunft eingeschaltet. Es handelt sich um einen irgendwann mal weltweiten Rechnerverbund, dessen Standorte sich derzeit in den USA, der EU und Singapur befinden. Darauf laufen virtualisierte Anwendungen ohne feste physische Adresse in sogenannten Kanistern, die auf Smart Contracts und somit Einträgen in einer Blockchain basieren. Sie enthalten Code, welcher als WebAssembly im Browser der Endanwender ausgeführt werden soll.

Ein Kanister kann eine Webseite beherbergen oder eine App, es können aber auch viele Kanister zu großen verteilten Systemen zusammengeschaltet werden. Die Kommunikation findet über ein einziges Protokoll statt, dem Internet Computer Protocol (ICP), welches Cloud-Dienste, Datenbanken, Dateisysteme, Webserver, DNS-Server und viele andere Dienste und Protokolle des heutigen Internets überflüssig machen soll – angeblich bis hin zur Antivirensoftware. Die Dienste, die auf diesem "Internet Computer" oder "World Computer" laufen, sind offen und können von jedem Entwickler programmiert und angeboten werden. Die bisherigen (Quasi-)Monopole der großen IT-Konzerne sollen damit gebrochen werden.

Das Marketing von Dfinity ist ein Rollgriff in die Mottenkiste der Internet-Mythen, etwa wenn Dominic Williams in einem Youtube-Video behauptet, das Internet sei gestaltet worden, um einen Atomkrieg zu überstehen, und demzufolge auch der aus Kanistern bestehende "Internet Computer" unverwundbar sei. Entwickler können ihren Code einfach direkt "in den Cyberspace schreiben" und wenn wir irgendwann unsere privaten Daten im "Internet Computer" statt in der Cloud ablegen, sollen die dort gespeicherten Daten absolut sicher sein – nicht nur vor Atomkriegen, sondern auch vor dem Zugriff durch Hacker. Williams versteigt sich sogar zu dem Begriff "Blockchain Singularity".

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Die technologische Singularität bezeichnet den Moment einer unendlichen Intelligenz-Explosion, die in naher Zukunft stattfinden und hyperintelligente Comuter hervorbringen soll. Der Glaube an das Eintreten der technologischen Singularität, gepaart mit zumeist paradiesischen Vorstellungen von der Welt danach, hat sich mittlerweile zu einer Tech-Religion entwickelt. Eine "Blockchain Singularity" ist also nichts weiter als die Verheißung eines IT-Paradieses.

Diese Dichte an Buzzwords ist irritierend. Insbesondere stellt sich die Frage, warum der World Computer auf einer Blockchain basieren und Smart Contacts dazu zweckentfremdet werden sollen, Webseiten auszuliefern. Blockchains lösen ein sehr spezifisches Problem: In einer öffentlichen Liste, an der viele Beteiligte mitschreiben ohne sich gegenseitig vertrauen zu müssen, sollen Transaktionen gespeichert werden. Diese bauen auf frühere Transaktionen auf und werden kryptografisch in ihrer Richtigkeit bestätigt. Liegt ein solches Szenario nicht vor, ist der Einsatz einer Blockchain als Speichermedium sinnlos, auch wenn diverse Start-ups immer wieder versuchen, von Impfungen bis Stimmzetteln alle möglichen Dinge in Blockchains zu speichern, die eigentlich nur mit einer Prüfsumme versehen werden müssten.

Tatsächlich ist der Einsatz einer Blockchain oder auch von Smart Contracts für die meisten Anwendungen, die einst im "Internet Computer" laufen sollen, völlig unnötig. E-Mail ist ein Beispiel für einen allgemeinen Standard, der überall funktioniert, ohne von einem Unternehmen kontrolliert zu werden. Für Messenger, soziale Medien und viele anderen Anwendungsfälle gibt es vergleichbare Standards, die jedoch aufgrund von Netzwerk-Effekten bisher nicht durchsetzen konnten. All diese Anwendungen kommen in ihrer Funktionslogik vollkommen ohne Blockchain und Smart Contracts aus.

Dennoch greift es zu kurz, hier reines Buzzword-Bingo zu unterstellen. Die Blockchain und die Smart Contracts haben im Gesamtsystem eine wichtige Funktion. Irgendwer muss die Rechenleistung bereitstellen, die für all die Anwendungen benötigt wird. Wer einen Kanister laufen lassen möchte, bezahlt dafür im Voraus, indem dieser mit sogenannten "Cycles" aufgeladen wird. Diese "Cycles" wiederum können in ICP-Token gehandelt werden und verwaltet wird das ganze automatisiert mit Smart Contracts. Dem Alleskönner-Protokoll ICP liegt also zusätzlich der Gedanke zugrunde, dass jedes Fitzelchen Rechenleistung an finanzielle Transaktionen geknüpft wird.

Böse formuliert: Mit der Marketing-Behauptung, man wolle das Netz demokratisieren und die Monopolisten abschaffen, wird der Versuch verkauft, das Internet in seiner inneren Struktur so radikal wie möglich zu kommerzialisieren. Die Organisationsform einer Stiftung suggeriert, dass hier Idealisten ohne Geschäftsmodell im Hinterkopf am neuen Internet arbeiten. Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, dass Dominic Williams zugleich auch Mit-Gründer und CTO von "String Labs" ist, einem Inkubator und Investor, welcher wichtige Beiträge zu Dfinity leistet und bereits die neuen Geschäftsmodelle austüftelt, die einst auf der Basis von Dfinity stattfinden sollen.

Wie sehr das Denken hinter Dfinitys "Internet Computer" darum kreist, Kommunikationsakte in monetarisierbare Finanztransaktionen zu verwandeln, zeigt ein Blick auf die App "Cancan". Es handelt sich um einen Tiktok-Klon, der auf dem ICP-Protokoll läuft. Wenn Videos in Cancan viral gehen, werden diejenigen, die diese Videos sehr früh mit einem "Super-Like" versehen haben, dafür mit "Reward Points" belohnt.

Die lassen sich für in der App angebotene Waren ausgeben, dem Ersteller des Videos spenden oder auch gegen ICP-Tokens eintauschen. Es wäre sicherlich ein interessantes Sozialexperiment zur viralen Verbreitung von Memen im Netz, nachzusehen was passiert, wenn ein Like nicht intrinsisch, sondern finanziell motiviert ist. Der Gedanke, Transaktionen im Web mit Preisen zu versehen, um Geschäftsmodelle jenseits des Datenhandels der Werbewirtschaft zu ermöglichen, ist nicht neu. Dfinitys "Internet Computer" kann als ein Konzept aufgefasst werden, diesen Gedanken umzusetzen.

Offen bleibt allerdings die Frage, wie Monopole verhindert werden sollen. Wenn zwei Unternehmen zwei inkompatible Messenger anbieten und sich die Nutzer aufgrund von Netzwerk-Effekten bei einem der beiden Anbieter sammeln, ist es für die Entstehung von Monopolen eigentlich egal, ob das auf der Basis von TCP/IP oder ICP stattfindet. Auch ist nicht ersichtlich, wie verhindert werden soll, dass Google, Amazon, Apple oder Microsoft sich mit ihren Milliarden-Reserven in den "Internet Computer" einkaufen. Womöglich könnten sie dort ihre Dienste mit dem Argument anbieten, man könne so zum "alten" Internet kompatibel bleiben. Und natürlich ist es denkbar, dass Dfinity oder eine aus Dominic Williams String Labs hervorgehende Firma kräftig an Transaktionsgebühren beim Tausch von ICP-Tokens verdient und hierauf sogar ein Monopol gründen könnte.

Auch der Bitcoin startete mit dem Gedanken, eine Infrastruktur zu demokratisieren und den Monopolisten, hier Staats- und Großbanken, wegzunehmen. Es ist jedoch nicht zu übersehen, dass eine relativ kleine Zahl von Großminern den Bitcoin kontrollieren, Transaktionen langsam und teuer sind, und sich die Demokratisierung für normale Anwender darin erschöpft, mit Bitcoin handeln zu können wie mit Gold oder anderen Assets.

Ein Blick in die Medien der Krypto-Szene zeigt dann auch, dass dort über der Start von Dfinitys "Internet Computer" eher weniger als versuchte IT-Revolution berichtet wird, sondern das ICP-Token als Kryptowährung im Vordergrund steht. Zeitgleich mit dem Start des "World Computers" haben mehrere Börsen den Handel mit dem ICP-Token gestartet, der bei starken Kursschwankungen kurzzeitig eine Marktkapitalisierung von fast 50 Milliarden Euro erreichte. Vielleicht sollte Dfinity genau so betrachtet werden: Weniger ein neues Internet als eine weitere Kryptowährung, deren Alleinstellungsmerkmal in der Absicht besteht, irgendwann mal auch noch die Basis-Infrastruktur des Internet kontrollieren zu wollen.

(bsc)