KI und 3D-Drucker fertigen täuschend echte Ölgemälde an

Mit Scannern und 3D-Druckern erschaffen Spezialfirmen und Wissenschaftler berühmte Gemälde neu – samt dickem Farbauftrag.

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(Bild: Verus Art)

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So richtig in die Karten schauen lassen will sich das kanadische Unternehmen Verus Art nicht. Sehr oft spricht Marketingchefin Lori Farrow von "proprietärer Technologie", "speziellen Entwicklungen" und "sorgfältig ausgewählten Partnern". Kein Wunder, denn Verus Art stellt hochwertige Reproduktionen bekannter Ölgemälde her. Details dazu will Farrow aber nicht verraten – nur dass die Technik "einzigartig" sei, das Bild senkrecht gescannt werde und die Auflösung weniger als zehn Mikrometer betrage. Das Ergebnis sind Reproduktionen in 3D, die Farbauftrag und Pinselstrich des Originals so gut nachstellen, dass auch ein Fachmann zumindest auf den ersten Blick getäuscht werden könnte.

Das ist keineswegs trivial, denn anders als bei Aquarellen oder Zeichnungen gehört bei Ölbildern auch die Oberflächenstruktur mit zum Erscheinungsbild. Künstler wie van Gogh haben ihre Bilder sogar bewusst mit dicken Farbschichten und kräftigen Pinselstrichen quasi auf der Leinwand modelliert. Dazu kommt ein Netz feiner Risse in Farbe und Firnis, das durch Trocknung entstanden ist. Jede Reproduktion, die nicht auf den ersten Blick als solche zu erkennen sein soll, muss diese Eigenschaften mit abbilden.

Weltweit arbeiten Forscher und Unternehmen an Techniken, die das ermöglichen sollen – und Verus Art ist ganz vorn mit dabei. Denn originalgetreue Reproduktionen interessieren nicht nur Fälscher. Auch für Museen wird die Digitalisierung von Kunstwerken zunehmend interessant. Zum einen erlauben hochaufgelöste 3D-Scans viel mehr Menschen als bisher Zugang zu den Kunstwerken – vor allem via Internet. Zum anderen enthüllt die wissenschaftliche Vermessung der Kunstwerke oftmals verborgene Schäden, Veränderungen in den Farbtönen oder auch die Art und Weise, wie das Kunstwerk hergestellt wurde. Auch der Prototyp des Scanners, der bei Verus Art im Einsatz ist, stammt aus solch einem Museumsprojekt.

Täuschend echte Ölgemälde aus dem 3D-Drucker (5 Bilder)

Die Nahaufnahme zeigt, wie stark van Gogh seine Bilder mit Farbe modelliert hat.
(Bild: Verus Art)

Hinter Verus Art stecken drei Partner: der Scannerspezialist Arius, der Druckerproduzent Océ und der Rahmenhersteller Larson-Juhl. Arius hat einen Scanner weiterentwickelt, den kanadische Forscher Anfang der 2000er-Jahre für eine wissenschaftliche Untersuchung der Mona Lisa entwickelt haben. Er führt den Lichtpunkt eines schwachen weißen Lasers über das Bild. Ein Kamerasensor erfasst das reflektierte Licht, aus dessen Koordinaten sich das Höhenprofil des Bildes berechnen lässt. Mit einem Prisma zerlegt der Scanner den reflektierten Lichtpunkt dann in seine roten, grünen und blauen Komponenten, deren Helligkeit gemessen wird, um die Farbe des gescannten Punktes zu ermitteln.

An dieser Stelle ist besondere Sorgfalt nötig – die Beleuchtungsbedingungen müssen exakt eingehalten werden. Sonst kann es passieren, dass ein Bild im weißen Kunstlicht vielleicht noch in Ordnung zu sein scheint, im gelben Licht einer Lampe aber plötzlich schrecklich falsch aussieht.

Eine Software fasst dann Höhen- und Farbprofil in einem 3D-Modell zusammen. Anschließend konvertiert sie es in ein Ausgabeformat für den 3D-Druck. Für den ist die Canon-Tochter Océ aus den Niederlanden zuständig. Wie Océ den Aufbau der verschiedenen Schichten so steuert, dass jedes Pixel die richtige Farbe bekommt, verrät das Unternehmen nicht und beruft sich auf "proprietäre Technologie". Vermutlich verwendet es Kunstharz, das mit Pigmenten gefärbt ist, und ein Druckraster mit feinen Punkten wie bei einem Tintenstrahldrucker. Diese Raster werden dann in diversen Schichten übereinandergelegt, um Mischfarben zu erzeugen.

Wissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology haben 2018 auf diese Weise verblüffend gute Reproduktionen der Seerosen von Monet hergestellt, die aus zehn Farbschichten bestanden. Um einen möglichst naturgetreuen Farbeindruck hervorzurufen, hatten sie ein neuronales Netz darauf trainiert, die gemessenen Farbwerte durch eine Mischung von bis zu zehn Farbschichten möglichst gut zu treffen.

"Nach einer strengen visuellen Endkontrolle wird der endgültige Druck von unseren Partnern im Museum oder in der Galerie mit dem Original verglichen", sagt Farrow. Noch sind die 3D-Reproduktionen wegen des beträchtlichen Aufwandes ein Nischenprodukt. Aber die Nische wird größer, weil der Preis sinkt: Die ersten Van-Gogh-Nachbildungen lagen noch bei 25.000 Euro. Fujifilm hatte 250 davon 2013 für das Van-Gogh-Museum gefertigt. Bei Verus Art kosten sie mittlerweile nur einen Bruchteil davon: Seit Ende 2016 können Kunstliebhaber sich beispielsweise für 1.400 kanadische Dollar ein druckfrisches Schwertlilien-Stillleben von 1889 sichern.

(wst)