"Die Ablösung passiert jetzt"

Dass menschliche Arbeitskräfte von Maschinen ersetzt werden, gilt als mehr oder weniger ausgemacht, offen ist nur wann. Ein bekannter chinesischer Technologie-Investor warnt vor sehr baldigen Job-Verlusten.

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Kai-Fu Lee, einer der bekanntesten Technologie-Investoren Chinas, erwartet, dass künstliche Intelligenz viele Millionen Büro-Beschäftigte in seinem Land ersetzen wird. "Diese Ablösung passiert jetzt, und sie bringt eine echte, vollständige Dezimierung", sagte Lee Anfang November bei einer MIT-Konferenz. "Meiner Meinung nach werden Büro-Arbeiter zuerst dran sein, und erst später die Produktionsarbeiter."

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Als Belege dafür, wie Routine-Büroarbeit schon heute durch künstliche Intelligenz transformiert wird, führte Lee mehrere Unternehmen an, in die seine Gesellschaft Sinovation Ventures investiert hat. Eines davon ist Smart Finance Group, das mittels Maschinenlernen versucht, die Eignung von Bewerbern für Kurzzeitkredite zu bewerten. Außerdem hat Sinovation Unternehmen finanziert, die Kundenservice, Schulungen und anderen wiederkehrende Büro-Arbeiten automatisieren.

Es gibt gute Gründe dafür, Lees Warnung Beachtung zu schenken. Bevor er Investor wurde, baute Lee das Forschungslabor von Microsoft in China auf, 2009 wurde er Gründungspräsident von Google China. In den 1980er Jahren hat er an der Carnegie Mellon University grundlegende Beiträge zu Spracherkennung mittels Maschinenlernen geliefert.

Als Wagniskapitalgeber könnte Lee heute ein Interesse daran haben, die möglichen Auswirkungen von künstlicher Intelligenz zu übertreiben. Doch sein Blick auf China ist wichtig, denn die dortige Regierung investiert massiv in diesen Bereich.

Auf der Konferenz sprach Lee von vier Wellen der KI. Die erste Welle ist getrieben von der Verfügbarkeit großen Mengen an gekennzeichneten Daten. Dies hat großen Internet-Unternehmen, in China wie den USA, Vorteile dabei verschafft, ihr Geschäft und ihre KI-Kompetenz auszubauen.

Die zweite Welle ist relevanter für die Disruption am Arbeitsplatz, die Lee erwartet. Sie basiert auf der Verfügbarkeit von Unternehmensdaten, vor allem in Branchen wie Recht und Wirtschaftsprüfung. Kanzleien werden weniger Junganwälte und Helfer brauchen, wenn Tausende von Dokumenten statt von Menschen schnell und effizient von Maschinen durchsucht werden.

Die dritte Welle kommt von Unternehmen, die Daten mittels neuer Produkte oder Apps generieren oder dafür bezahlen. Und die vierte Welle, die noch ein Stück in der Zukunft liegt, soll vollständig automatisierte Dienstleistungen wie selbstfahrende Autos und Roboter-Helfer bringen.

"Künstliche Intelligenz, eingesetzt auf unterschiedlichen Gebieten und zum Produkt gemacht, wird phänomenalen Wert schaffen", sagte Lee. "Für Wagniskapitalgeber oder große Unternehmen, die von diesen Technologien Gebrauch machen wollen, hat das offene Zeitalter der KI begonnen."

Allgemein herrschte auf der Konferenz mit dem Titel "AI and the Future of Work" das Gefühl vor, dass sich die Technologie-Welt auf das Schlimmste vorbereiten muss. Zu Beginn der Veranstaltung sagte zum Beispiel der MIT-Präsident Rafael Reif, die jüngsten Entwicklungen in der Technologie hätten das Potenzial, die Gesellschaft grundlegend zu verändern.

Doch die Konferenz zeigte auch, wie uneins sich viele Technologie-Experten und Ökonomen darüber sind, welche Auswirkungen KI und Automation wirklich haben werden. Dies ist Teil einer größeren Diskussion, die in der Wirtschaftspolitik seit mittlerweile einigen Jahren geführt wird.

Mehrere Referenten brachten die Hoffnung zum Ausdruck, dass KI neue Unternehmen und Branchen mit mehr neuen Jobs entstehen lassen wird, als sie zerstört. Lee gehörte allerdings eindeutig nicht zu dieser Gruppe.

"Viele Optimisten sagen, bei technischen Revolutionen werden Jobs verschwinden und neue kommen", sagte er. "Ich glaube zwar auch, dass in Zukunft neue Jobs entstehen werden, aber ich würde sagen, das wird die Ausnahme sein."

(sma)