Die Billig-Smartphones kommen

In China mischen Noname-Hersteller den Smartphone-Markt auf: Mit Android-Geräten für 65 Dollar machen sie den Branchengrößen zunehmend das Leben schwer.

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  • Michael Standaert

In China mischen Noname-Hersteller den Smartphone-Markt auf: Mit Android-Geräten für 65 Dollar machen sie den Branchengrößen zunehmend das Leben schwer.

Noch vor einem Jahr war Liang Liwan in der Welt des mobilen Internet ein Unbekannter. Heute gehört zu einer neuen Schar von Unternehmern, die die Großen der Branche bald das Fürchten lehren dürfte. Denn Liang produziert einfache Smartphones, die für 65 Dollar über den Ladentisch gehen. Zehn Millionen Stück wird seine Firma Xunrui Communications in diesem Jahr fertigen. Das Erfolgrezept ist simpel: Liang kauft die Smartphone-Bauteile ein und lässt sie in verschiedenen kleinen Fabriken am Rand der Millionenstadt Shenzhen zusammenbauen.

Xunrui Communications ist eine von mehreren hundert chinesischen Marken, die inzwischen neben den Giganten wie Samsung oder Apple den Smartphone-Markt beliefern. Für den wurden 2012 weltweit rund 700 Millionen Neugeräte produziert. Während Samsung und Apple zwischen 300 und 600 Dollar für ein Internet-Telefon aufrufen, erschließen die kleinen Firmen nun das Marktsegment für kostengünstige Modelle.

Begonnen hat diese Entwicklung 2011. Damals boten die ersten Chip-Produzenten Prozessoren an, die sämtliche wichtigen Funktionen eines Smartphones abwickeln können. Diese Prozessoren eröffneten zusammen mit dem freien, von Google entwickelten Betriebssystem Android kleinen Herstellern den Zugang zu einem Markt, der bis dahin nur mit erheblichen Investitionen möglich gewesen war.

Die Flut der neuen Billig-Smartphones ist für strauchelnde Branchengrößen von einst wie Nokia bereits ein großes Problem. Bald könnte sie auch den Riesen Samsung und Apple zu schaffen machen. „Die haben ihren Peak erreicht“, sagt Liang. „Hinsichtlich der Verarbeitung haben wir schon fast deren Niveau erreicht. Der einzige Unterschied wird der Preis für die Marke sein.“

Handys und Smartphones in Gebrauch, 2003 – 2012, weltweit.

(Bild: Technology Review)

Die großen chinesischen Hersteller wie Huawei und Lenovo orientieren sich bereits um: Sie vertreiben zunehmend Geräte in der mittleren Preisklasse um 200 Dollar. Im vergangenen Jahr brachte es Lenovo damit in China auf einen Marktanteil von zwölf Prozent.

Die Smartphones von Liang markieren nun das superbillige Ende des Markts. Zu seinen Fabriken zählen unglamouröse Klitschen wie Guo Wei Global Electronics, die seit 1991 Telefon- und Audio-Equipment herstellen.

In der Fabrik geht es unprätentiös zu. Die jungen Ingenieure von Xunrui Communications vertreiben sich in der Lounge ihre Pause mit Zigaretten, warmer Coca-Cola und Computerspielen. Ein Stockwerk höher befinden sich die Fertigungsstraßen. An jedem löten 35 Arbeiter täglich 3000 Smartphones zusammen. Wer hier hineinwill, muss zuerst einen Metalldetektor passieren und durch eine Hochdruck-Kammer gehen, in der Staub und andere Verunreinigungen von den blauen Arbeitsanzügen geblasen werden.

Smartphone-Produktion in der Fabrik von Guo Wei Global Electronics, Shenzhen. Die Stückkosten der hier hergestellten Android-Geräte liegen bei 40 Dollar.

(Bild: Technology Review)

Um ins Smartphone-Geschäft einzusteigen, musste natürlich auch Guo Wei zunächst investieren. Aus Südkorea wurde Löt-Equipment importiert. Eine Fertigungsstraße kostet rund 1,6 Millionen Dollar. „Die Verfahren sind viel komplizierter als bei älteren Handys“, sagt Li Li, Produktionsmanager der Fabrik, der schon seit 17 Jahren bei Guo Wei ist. Angefangen hat er in der Abteilung zur Reparatur von Festnetz-Telefonen.

Dass er und seine Kollegen nun im gehobenen Smartphone-Geschäft mitspielen, liegt an großen Chipherstellern wie MediaTek und Spreadtrum aus Taiwan. Sie liefern seit vergangenem Jahr „schlüsselfertige“ Systeme aus Bauteilen und Chips, auf denen bereits Android und andere Software installiert ist. Die Arbeiter von Guo Wei müssen sie nur noch zusammenlöten. Spreadtrum schätzt, dass es in diesem Jahr 100 Millionen solcher Bausätze verkaufen wird.

Jeder kostet zwischen fünf und zehn Dollar, je nach Bildschirmgröße und Extras in der Ausstattung. Die Produktionskosten für ein Gerät lägen insgesamt bei 40 Dollar, sagt Liang. 30.000 Stück können seine Partnerfabriken pro Tag liefern. Abnehmer sind Firmen wie Konka Mobile und China Unicom.

In den USA und Europa gibt es zwar auch die großen Marken zu günstigeren Preisen, aber nur, weil die Netzbetreiber im Gegenzug für einen Nutzungsvertrag auf einen Teil ihrer Marge verzichten. Selbst bei Billiggeräten wie denen von Liang geschieht das: In Verbindung mit einem Mobilfunkvertrag werden sie gar für 35 Dollar angeboten.

Umsätze der vier großen IT-Konzerne im Mobilmarkt 2003 - 2012, weltweit. Der Gesamtumsatz mit Android-Geräten anderer Hersteller lag 2012 bei 120 Milliarden Dollar. Apple selbst machte im vergangenen Jahr 85 Milliarden Dollar mit iPhones und 33 Milliarden Dollar mit iPads.

(Bild: Technology Review )

Für ausländische Firmen wird es damit noch schwerer, in China – ohnehin schon der größte Smartphone-Markt der Welt – zu bestehen. Apple hält in den USA einen Marktanteil von 38 Prozent, während es in China nur elf Prozent sind. Tendenz: fallend. Google hat noch größere Probleme. Obwohl die Geräte mit Android ausgestattet sind, installieren die Hersteller häufig keine Apps von Google, nicht einmal die Google-Suche.

Liang geht es darum, bezahlbare Smartphones herzustellen, auch wenn sie nicht so gut sind wie iPhones – noch nicht. Kamera und Bildschirm haben dementsprechend nicht die höchste Qualität, und die Batterielebensdauer ist ebenfalls geringer. „Ich spreche immer von ‚akzeptabel’“, sagt Liang. „Viele Nutzer brauchen einfach nur ein akzeptables Produkt, kein perfektes.“

Aber die Qualität werde besser, versichert der Unternehmer. Denn ganz unten, am Ende der Preisspanne, könne man keinen Profit machen. „Also versucht jeder, seine Verfahren zu verbessern“, sagt Liang. (nbo)