Die Cloud sprengt alle Grenzen

Tausende Rechner auf Knopfdruck starten, jederzeit und überall Zugriff auf alle Daten. Die nahezu unbegrenzte und zudem kostengünstige Rechenleistung ermöglicht die Entwicklung völlig neuer Dienstleistungen.

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Von
  • Holger Dambeck
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Tausende Rechner auf Knopfdruck starten, jederzeit und überall Zugriff auf alle Daten. Die nahezu unbegrenzte und zudem kostengünstige Rechenleistung ermöglicht die Entwicklung völlig neuer Dienstleistungen.

Cloud Computing ist zum neuen Hype der IT-Branche geworden. Die Marktforscher von Gartner haben die Wolke zur wichtigsten strategischen Technologie des Jahres 2011 erklärt. Sie führt die Top-10-Liste von Gartner an – noch vor mobilen Anwendungen, Tablet-Computern und sozialen Netzwerken. Ganz vorn mit dabei ist auch der Software-Riese Microsoft: Der Konzern stellt seinen kompletten Auftritt auf der weltgrößten Computermesse CeBIT im März 2011 unter das Motto "Arbeiten und Leben mit der Cloud".

Allem Trommeln der IT-Berater und Branchenriesen zum Trotz bleibt die potenzielle Kundschaft jedoch noch immer skeptisch: Wer will im Zeitalter von Industriespionage und Wikileaks schon sensible Daten übers Netz schicken, damit sie in einem weit entfernten Rechenzentrum verarbeitet und gespeichert werden? Sind eigene Rechenzentrum nicht weitaus sicherer? Dabei bietet Cloud Computing nicht nur die Möglichkeit, routinemäßige IT-Dienstleistungen wie die Verarbeitung der firmeneigenen Mail oder die Steuerung der Telefonanlage kostengünstig auszulagern. Die millisekun- denschnelle Bereitstellung von Rechenkraft ermöglicht auch kleinen Unternehmen, völlig neue, innovative Dienste anzubieten.

Nikolai Longolius etwa, ehemals Spiegel-TV-Redakteur, leitet seit 2008 die Berliner Firma "schnee von morgen webTV GmbH", die Videos von Kunden ins Internet bringt. Weil das mitunter sehr viele sind und im Netz mittlerweile diverse Formate und Auflösungen ein und desselben Clips gefragt sind, bräuchte Longolius eigentlich eine ganze Armada von Highend-PCs für das zügige Transkodieren. Stattdessen nutzt er die Cloud: "Wir besitzen selbst keine Server, die Umwandlung findet in der Wolke statt", erklärt Longolius. Seine Firma hat den Amazon-Dienst Elastic Compute Cloud (EC2) gebucht. Wenn beispielsweise hundert verschiedene Filme à 30 Minuten in fünf verschiedene Formate transkodiert werden sollen, dann lässt der Berliner sein sogenanntes Amazon Machine Image in der Cloud auf Dutzenden Rechnern zugleich laufen. Dieses Image ist ein von ihm konfiguriertes Linux-System mit der passenden Software zum Transkodieren.

"Wenn viele Videos zu kodieren sind, werden Hunderte Systeme gleichzeitig gestartet", sagt Longolius. Das Umwandeln von hundert 30-Minütern dauere in der Cloud etwa 20 Minuten. Für die CPU-Stunde zahlt die Firma nicht einmal zehn US-Cent – ein günstiger Preis. Der Web-TV-Dienstleister profitiert dabei vom Spotmarkt für Cloud-CPUs. "Wir kaufen die Rechenzeit bei Amazon Spot Prize, einer Art eBay für Cloud Computing. Da legt man fest, wie viel man pro CPU-Stunde bezahlen will." Weil es beim Transkodieren nicht auf eine Stunde früher oder später ankommt, kann Longolius die Amazon-Rechner dann nutzen, wenn sie am günstigsten sind.

Ohne Frage siedeln sich in der Cloud aber auch fragwürdigere Dienstleister an, denn auch der Computer-Untergrund weiß die neue Rechenkraft kreativ zu nutzen. Seit Dezember 2009 etwa bietet der Dienst "WPA Cracker" die Entschlüsselung der WPA-Passwörter verschlüsselter WLAN-Funknetze per Cloud Computing an. Offiziell dient der Service, bei dem die Passwörter mit sogenannten Wörterbuch-Attacken angegriffen werden, nur der Überprüfung unsicherer Passwörter – praktisch liefert der Dienst für nur 17 Dollar aber innerhalb weniger Minuten seine Ergebnisse; er lässt sich daher bequem auch für den kleinen WLAN-Einbruch unterwegs benutzen. Die Lage dürfte sich verschärfen, wenn der Hacker Thomas Roth wie angekündig noch im Januar ein ganz ähnliches Programm im Quelltext veröffentlicht, denn dann kann praktisch jeder seinen eigenen Passwort-Knacker in der Cloud installieren.

Dass auch klassische Zeitungsredaktionen von der Cloud profitieren können, hat die "Washington Post" gezeigt. Im US-Präsidentschaftswahlkampf 2008 hatte die rechtskonservative Organisation Judicial Watch die Herausgabe des Terminkalenders von Hillary Clinton von 1993 bis 2001 eingeklagt – zu dieser Zeit war die jetzige US-Außenministerin noch die First Lady im Weißen Haus. Als die Daten 2008 veröffentlicht wurden, standen die Medien des gesamten Landes Gewehr bei Fuß, denn, so das Kalkül von Judicial Watch, der Terminplan sollte handfeste Belege für politische Verfehlungen der Clintons enthalten.