Die Cloud sprengt alle Grenzen

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Doch das Material enttäuschte die Redaktionen: 17481 Seiten nicht durchsuchbare PDF-Dokumente. Der Computerfachmann der "Washington Post", Peter Harkins, griff auf Amazons Cloud zu, startete dort 200 Computer zur Textkonvertierung – und nach neun Stunden war der Terminplan digitalisiert und für die Redakteure recherchierbar. Spektakuläre Verfehlungen fanden sich darin zwar nicht, aber die Redaktion war von der Leistungsfähigkeit der Cloud überzeugt. "1407 Stunden virtuelle Rechenzeit kosteten insgesamt 144,62 US-Dollar", erinnert sich Harkins. "Das war für uns der beste Beweis, dass das Konzept funktioniert."

Doch nicht in jeder IT-Abteilung sitzen Cloud-Experten wie Harkins. Damit Firmen trotzdem Cloud Computing nutzen können, bietet die britische Firma Dezineforce ein fertiges Simulationspaket für Ingenieure und Designer an. Um Details wie die Konfiguration der Rechner oder die Aufteilung der Jobs auf die angemieteten CPUs brauchen sich Anwender nicht zu kümmern. Mit Dezineforce-Software werden zum Beispiel die Belüftung großer Veranstaltungsräume, die Form eines Schiffrumpfs oder die Position von Windrädern optimiert. Je nach Rechenaufwand nutzt Dezineforce sein internes Rechenzentrum und Cloud-Computer von Microsofts Windows Azure.

Bei einer Windpark-Simulation konnte der erwartbare Ertrag der Anlage durch aufwendige Optimierungsalgorithmen um mehrere Millionen Euro gesteigert werden, berichtet Dezineforce in einer Fallstudie. Bei der Simulation wurden die Anzahl und Position der Windräder in einer zwei mal drei Kilometer großen Fläche immer wieder variiert – einzig die Windrichtung war vorgegeben. Die Frage war: Bei welcher Konstellation bekommt man die höchste elektrische Leistung je investiertem Euro? Wenn nur wenige Turbinen in großem Abstand aufgebaut werden, die sich gegenseitig kaum stören? Oder wenn die Windräder relativ dicht stehen? Und sollten die Räder eng in wenigen Reihen oder lieber locker in vielen stehen?

Die Optimierung dauerte letztlich nur drei Tage, obwohl für jede einzelne Konstellation jeweils aufwendige Berechnungen der Luftströmungen und Verwirbelungen durchgeführt wurden. Das Optimum lag in diesem Fall bei 63 in fünf Reihen aufgestellten Windrädern. In der ersten Reihe stehen 13 Turbinen, in den folgenden Reihen 12, 13, 12 und wieder 13 Windräder. Je Euro erreicht diese Konfiguration eine Leistung von 0,55 Watt. Die zunächst angenommene Anordnung der 63 Anlagen in sechs Reihen erreicht nur 0,50 Watt pro Euro. Das scheint zunächst nicht viel. Über 25 Jahre bedeutet diese Differenz aber einen Einnahmenunterschied von 55 Millionen Euro.

Die Beispiele zeigen, welches Potenzial in Cloud Computing steckt. Nutzer können auf eine enorme Rechenleistung zurückgreifen, die lange Zeit nur Großunternehmen zur Verfügung stand. Zugleich müssen sich Firmen nicht von Vornherein festlegen, welche Kapazitäten sie in Zukunft brauchen. Fehlinvestitionen oder ungenutzte Ressourcen werden so vermieden. Und schließlich ist Cloud Computing auch extrem kostengünstig: Man zahlt nur für die tatsächlich in Anspruch genommene Leistung – also CPU-Stunden, übertragene Daten oder Speicherplatz.

Dass Großkonzerne wie Amazon, Google oder Microsoft derzeit so massiv für die Cloud trommeln, geschieht jedoch nicht nur aus purer Kundenfreundlichkeit – es hat vor allem wirtschaftliche Gründe. Denn die großen IT-Konzerne müssen riesige Rechenzentren betreiben, um wie im Fall von Amazon den gewaltigen Kundenansturm kurz vor Weihnachten verkraften zu können. In der übrigen Zeit des Jahres werden diese Kapazitäten kaum gebraucht. Ähnlich ergeht es Google und Microsoft – allerdings im Verlauf eines Tages. Die Lastkurve bei Suchanfragen geht mehrmals täglich hoch und runter. Was liegt da näher, als brachliegende Kapazitäten durch Dritte nutzen zu lassen?

Hinzu kommen die Skaleneffekte bei den Kosten. Ein riesiges Rechenzentrum mit 50000 CPUs hat eine ganz andere Kostenstruktur als ein vom Unternehmen selbst betriebenes mit 1000 Rechnern. Die Preise für Speicherplatz je Tag, Datenübertragung pro Sekunde und Administration je CPU sind fünf- bis siebenmal kleiner.

Einen enormen Kostenblock bilden auch die Aufwendungen für Strom, die bis zu 20 Prozent der Gesamtkosten ausmachen. So ist es kein Zufall, dass die Cloud-Rechenzentren dort gebaut werden, wo Strom besonders billig ist. Für Windows Azure hat Microsoft beispielsweise einen 44000 Quadratmeter großen Komplex in der Kleinstadt Quincy (US-Bundesstaat Washington) errichtet. Der Strom kommt aus einem benachbarten Wasserkraftwerk in der Microsoft-Heimat. In Kalifornien wäre der Strom deutlich teurer.