"Die Evolution als spirituellen Prozess verstehen"

Von Gott und Nanorobotern: Der Computerpionier Ray Kurzweil legt im Interview mit Technology Review seine Zukunftsvision dar.

Lesezeit: 19 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 22 Beiträge
Von
  • Tom Sperlich
  • Ben Schwan

Der US-Informatiker Ray Kurzweil ist einer der großen Technik-Optimisten der Gegenwart. Wo andere durch Nanotechnik, Robotik und Künstliche Intelligenz ungeahnte Komplikation für das 21. Jahrhundert heraufziehen sehen, verficht er eine Art Techno-Evolution, die die Menschheit auf eine neue Ebene des Wohlstands und der Erkenntnis bringt. Diese Vision hat er in mehreren Büchern wie "The Age of Spiritual Machines" (dt.: "Homo S@piens") oder zuletzt "The Singularity is Near" (noch nicht übersetzt) dargelegt.

Kurzweil steht aber nicht nur für Visionen. Im Laufe von vier Jahrzehnten hat der Erfinder und Unternehmer verschiedene Innovationen wie Software für Text- und Spracherkennung oder für Sprach- und Musiksynthesizer entwickelt. Er betreibt unter anderem auch die Seite KurzweilAI.net, die einen äußerst lesenswerten Newsletter herausgibt. Technology Review sprach mit Kurzweil über sein Bild von der Zukunft.

Technology Review: Herr Kurzweil, in Ihrem letzten Buch, das bislang noch nicht auf Deutsch vorliegt ("The Singularity is Near", Viking), reflektieren Sie intensiv über das so genannte "Law of Accelerating Returns". Können Sie uns dieses Gesetz näher erläutern?

Ray Kurzweil: Nun, das Gesetz ist Bestandteil der Evolutionstheorie, nach der sich die Evolution immer weiter beschleunigt. Sie bildet eine neue Fähigkeit aus und nutzt diese dann, um die nächste Stufe im nächsten Zeitalter schneller zu erreichen. Aus diesem Grund wächst ein evolutionärer Prozess auch exponentiell. Die Evolution brauchte Milliarden von Jahren, bis sie die DNS entwickelt hatte, aber seither besitzt sie ein Backbone zur Informationsverarbeitung, einen kleinen Computer, der ihre Experimente speichert. In der nächsten Stufe, der kambrischen Explosion, entwickelten sich die Baupläne der Tiere dadurch hundert Mal schneller. Sie dauerte nur noch wenige 10 Millionen Jahre.

Ähnliches gilt für die technische Evolution: Die ersten Computer wurden mit Stift und Papier entwickelt und dann mit Schraubenziehern umgesetzt. Heute nutzen wir Computer und die zehnte Generation von CAD-Programmen, um neue Computer innerhalb von wenigen Tagen zu schaffen. Das heißt also: Die Evolution, sei sie nun technisch oder biologisch, beschleunigt sich. Die Früchte und Produkte dieser evolutionären Prozesse verbessern sich exponentiell. In der Informationstechnik verdoppelt wir die Leistung, Kapazität, Performance und Bandbreite sprichwörtlich jedes Jahr. Man bekommt heute also das Doppelte an Computerleistung von vor einem Jahr.

Wenn wir Leistung und Kapazität zum Preis X jedes Jahr verdoppeln, kann man das in zehn Jahren mit Tausend multiplizieren, in 30 Jahren mit einer Milliarde und weil es einen zweiten Faktor beim exponentiellen Wachstum gibt, lässt sich die IT-Leistung in 25 Jahren ebenfalls mit einer Milliarde multiplizieren. Das bildet sehr gut ab, was in den letzten 25 Jahren passiert ist - und diese Entwicklung wird sich wiederholen. Wenn Sie sich ansehen, wie leistungsstark heutige IT-Systeme sind - multiplizieren Sie das mal mit einer Milliarde in 25 Jahren! Das ist doch phänomenal. Gleichzeitig haben wir den Platzbedarf für die Technik in den letzten 25 Jahren um den Faktor Hunderttausend geschrumpft.

Der andere wichtige Punkt dabei ist, dass IT nicht nur ein spezieller Sektor ist, in dem es um Computer geht. Die IT umfasst letztlich alles, was uns wichtig ist. Viele Industriezweige sind immer noch in einer Phase vor dem Informationszeitalter gefangen, aber sie alle werden in den nächsten 25 Jahren zur Informationstechnik werden. Schauen Sie sich nur die Medizin und die Gesundheitsversorgung an - da gingen wir bislang auf gut Glück vor. Entweder haben wir etwas Neues entdeckt oder eben nicht - dabei wussten wir nie, warum es funktionierte, weil wir keine genauen Theorien dazu entwickeln konnten. Als Informationsverarbeitung haben wir die Medizin aber nie gesehen.

Nachdem uns nun die Daten des menschlichen Genoms vorliegen und wir wissen, wie es arbeitet, beginnen wir damit, Gesundheitsversorgung und Medizin als Informationsprozesse zu begreifen - und wir bekommen die Werkzeuge in die Hand, sie neu zu programmieren. Wir besitzen 23.000 dieser kleinen Software-Programme in uns - wir nennen sie Gene. Sie entwickelten sich vor Zehntausenden von Jahren, als die Evolutionsbedingungen ganz anders waren als heute. Vor wenigen Jahren mussten wir noch mit den Genen Vorlieb nehmen, die wir hatten. Heute können wir sie verändern. Wir haben also nicht nur die Möglichkeit, "Designer-Babys" zu schaffen, sondern auch den "Designer Baby Boomer". RNA-Interferenz kann Gene auch im Erwachsenenalter ausschalten, neue Formen der Gentherapie neue Gene ergänzen - wir können unseren genetischen Code also tatsächlich verändern. Wir können bestimmen, welche Proteine aus den Genen hervorgehen und die Software-Prozesse neu programmieren, die hinter den biologischen stecken - weg von Krankheit und weg von Alterungsprozessen.

In den nächsten 15 Jahren wird es uns buchstäblich möglich sein, Krebs, Herzkrankheiten und ungefähr ein Dutzend anderer Prozesse zu stoppen, die mit dem Altern zu tun haben. Es wird uns möglich sein, den Alterungsprozess aufzuhalten. Das hat alles viel mit Informationstechnik zu tun. Schon heute ist die Simulation biologischer Prozesse, etwa der Proteinfaltung, eine wichtige IT-Anwendung. Am Ende werden wir es schaffen, dank IT all unsere kühnsten Bedürfnisse zu stillen - sogar den Durst nach Energie. Wir werden IT im Nanobereich einsetzen und Nanodesigns auf molekularer Ebene nutzen, um extrem effiziente, kostengünstige Solarzellen herzustellen. Damit werden wir unseren Energiebedarf zu 100 Prozent decken, ohne dass wir fossile Brennstoffe bräuchten.

TR: Eine Änderung bei unserem Umgang mit Energie gilt allgemein als unbedingt notwendig. Wann wird es Ihrer Meinung nach soweit sein?

Kurzweil: In ungefähr 20 Jahren. Wir werden es mit einer Energieform zu tun haben, die heute definitiv nicht zu den Informationstechnologien gehört, aber in 20 Jahren durchaus. Wenn wir die Macht des exponentiellen Wachstums einkalkulieren, kommen wir zu einigen ziemlich erstaunlichen Szenarien. Dabei kalkuliere ich nicht nur die Daten der Vergangenheit mit ein, sondern auch die Zukunftsvorhersagen anhand dieser Modelle. Viele davon sind ziemlich umstritten.

TR: Eines der größten Probleme im Zusammenhang mit der Energieversorgung und dem Weiterkommen späterer Generationen ist der Klimawandel und die Umweltverschmutzung. Wie können Gentechnik, Nanotechnik und Robotik hier helfen, die Sie unter dem Schlagwort "GNR" zusammenfassen?

Kurzweil: Das habe ich gerade erwähnt. Wenn wir nur ein Prozent von einem Prozent des Sonnenlichtes, das auf die Erde fällt, einfangen würden, hätten wir bereits 100 Prozent unseres Energiebedarfs ohne die Verwendung fossiler Brennstoffe gedeckt. Das können wir heute noch nicht, weil Solaranlagen noch eine alte, industrielle Technologie sind, also sehr schwer, teuer und ineffizient. Aber es gibt bereits Nanotechnologie-Ansätze, mit denen wir diese Probleme beheben können. Innerhalb von 20 Jahren wird es uns also definitiv möglich sein, extrem billige Solarpanels aus sehr günstigen Materialien herzustellen - mit nanotechnischen Produktionsmethoden, die für uns fast alles herstellen können, was wir ihnen einprogrammieren.

Diese Panels werden dann ungefähr drei Prozent von einem Prozent der Sonnenenergie einfangen und sie in hochgradig dezentralisiert platzierten Nanobrennstoffzellen speichern. Um es nochmals zu erwähnen: Wir werden damit 100 Prozent unseres Energiebedarfs decken, ohne dass wir fossile Brennstoffe brauchen - zu enorm geringen Kosten. Ich finde es sehr interessant, dass die heutigen Diskussionen über die globale Erwärmung die Nanotechnik fast nie erwähnen - sie kommt auch in Al Gores Film "An Inconvenient Truth" nicht vor.

Es wirkt so, als würden wir in den nächsten 100 Jahren auf der Welt einfach weiter machen wie bisher, Kohle und Öl verbrennen und nichts verändern. Als wäre die Welt in 100 Jahren die gleiche, nur mit kleineren Handys oder so. Ich hingegen glaube, dass es sehr dramatische Veränderungen geben wird. Wenn wir über diese Langzeit-Veränderungen reden, die in den nächsten 100 Jahren erfolgen, müssen wir auch an die Veränderungen denken, die die IT mit sich bringen wird. In den nächsten 20 Jahren werden wir 100 Prozent unseres Bedarfs in Form erneuerbarer Energiequellen decken können. Und das sind Prozesse, die schon ablaufen!

TR: Werden wir schnell genug sein, um die dramatischen ökologischen Veränderungen abzuwenden, die vielen Wissenschaftlern zufolge bereits angelaufen sind?

Kurzweil: Oh ja, wir werden auch die globale Erwärmung rückgängig machen können, in dem wir das CO2 aus der Atmosphäre ziehen - ebenfalls mit Nanotechnologie. Wie das funktionieren könnte, beschreibe ich in meinem Buch. Bisher veränderte sich das Klima rund ein Grad in den letzten 100 Jahren - jedenfalls nach all den Quellen, die mir vorliegen. So dramatisch ist das noch nicht. Das werden wir in den nächsten 20 Jahren umdrehen - und zwar auch dann, wenn den Leuten die globale Erwärmung eigentlich egal wäre. Und auch die neue Solartechnik wird kommen - Energie ist eine zwei Billionen Dollar schwere Industrie mit enormen wirtschaftlichen Anreizen.

TR: Gehen wir einmal zurück zu den heute verfügbaren Technologien und dem Boom der Informationstechnik. Schon 2010, sagen Sie, werden die Geräte noch wesentlich kleiner sein als heute und überall integriert sein. Bis dahin erwarten sie auch den Durchbruch bei der virtuellen Realität (VR) und der Sprachtechnologie.

Kurzweil: Es stimmt schon, dass die Geräte bereits sehr klein sind. Ich habe meine gesamte Foto- und Film-Sammlung auf einem Flash-Drive mit 4 Gigabyte, das ungefähr so groß ist wie mein Fingernagel. Das habe ich schon einmal verloren, weil es so klein ist. Andere verlieren ihren kleinen iPod nano. Das wird so weitergehen, Anfang des nächsten Jahrzehnts werden diese Geräte noch sehr viel kleiner sein und dann in unserer Kleidung integriert werden. Wir werden in einer Umwelt leben, in der wir überall von Computern umgeben sind. Was den VR-Bereich anbetrifft: Heute kaufen sich die Leute zwar gigantische HD-Bildschirme, wollen aber auch, dass die Geräte immer kleiner sind. Das werden wir lösen, in dem wir Bilder in Brillen projizieren, die direkt auf unsere Netzhaut strahlen.

Diese Geräte funktionieren bereits und man kann schon jetzt VR-Displays bauen, die in HD-Auflösung arbeiten. Man kann diese sogar das gesamte Gesichtsfeld abdecken lassen - so ist man mittendrin in der virtuellen Realität. Diese Geräte sind extrem klein. Beim Militär und in der Medizin, etwa bei Chirurgen, wird so etwas bereits eingesetzt. Das wird sich weiter durchsetzen. Wir werden also künftig durch die Welt laufen und ständig online sein. Hinzu kommt die so genannte "Augmented Reality", bei der sich zusätzliche Informationen einblenden lassen. Man schaut sich dann sein Gegenüber an und der Computer versieht die Person mit einem Namensschild, falls man ihren Namen vergessen hat. Auch werden wir mit virtuellen Persönlichkeiten interagieren, mit Übersetzungscomputern arbeiten und vieles mehr. So wird die Welt des Personal Computing Anfang des nächsten Jahrzehnts aussehen.

TR: Sie sagen einen weiteren wichtigen Schritt in der technologisch-evolutionären Sphäre voraus: Dass die Menschen eines Tages ihren Gehirninhalt mit Hilfe der GNR-Technik herunterladen können werden - in ein Substrat, das fortschrittlicher als dieses feuchte, graue Zellgewebe ist. Glauben Sie wirklich daran, dass es soweit kommt? Und warum sollten wir das überhaupt wollen?

Kurzweil: Der nichtbiologische Teil unserer Intelligenz wird seine Leistung exponentiell steigern - das liegt in der Natur der Dinge. Das Resultat wird ein intimer Zusammenschluss sein zwischen der Spezies, die die Technologie hergestellt hat, und dem technologisch-evolutionären Prozess, den sie auslöste. Es gibt beispielsweise bereits vier wichtige Konferenzen zum Thema "BioMEMS" (biologisch-mikroelektromechanische Systeme). Das sind Geräte von der Größe eines Blutkörperchens, die sich in die Blutbahn geben lassen, um medizinische Aufgaben zu erledigen. Diese werden in den nächsten 10 bis 15 Jahren sehr populär werden. Ab 2020 werden wir Millionen von Nanorobotern in unserem Blutkreislauf haben, die uns von Innen gesund halten werden. Sie werden auch in unser Gehirn kommen, unsere Gedanken direkt aus den Kapillargefäßen scannen und mit unseren biologischen Nervenzellen interagieren. Eine Anwendung dafür wäre eine virtuelle Realität direkt aus dem Nervensystem heraus. Will man sich in die VR-Welt begeben, schalten die Nanoroboter einfach die Signale von unseren echten Sinnen ab und ersetzen die Signale, die das Gehirn normalerweise erhalten würde, mit einer virtuellen Umwelt (Virtual Environment, VE). Dann wird es sich tatsächlich so anfühlen, als sei man in dieser VE, weil alle fünf Sinne angesprochen werden.

Die Anwendung der virtuellen Realität wird zu einer neuen Kunstform werden - jeder kann so einen anderen Körper bekommen. Diese Nanoroboter werden außerdem die menschliche Intelligenz und unsere Gedächtnisleistung steigern, in dem sie direkt mit dem Gehirn zusammenarbeiten. Unsere Mustererkennung und unsere Analysekraft werden besser werden - in letzterem Feld sind Computer schon heute viel besser.

2030 oder 2035 wird ein typischer biologischer Mensch ein Hybrid aus biologischer und nichtbiologischer Intelligenz sein. Biologisches Denken und nichtbiologisches Denken werden im Gehirn völlig vermischt sein. Und wenn Sie nun glauben, das sei sehr futuristisch - es gibt schon heute Cyborgs, die unter uns leben. Jemand, der an Parkinson erkrankt ist, kann sich einen Computer im Gehirn implantieren lassen, der biologische Nervenverbindungen ersetzt, die von der Krankheit zerstört wurden. Die neueste Generation dieser Gehirnimplantate wird die Möglichkeit bieten, jeweils neue Software-Versionen hochzuladen.

Wir müssen uns vor allem einer Sache bewusst werden: Biologische Intelligenz ist nicht erweiterbar. Sie verändert sich nicht, sie ist eine festgelegte Architektur. Man kann sein biologisches Denken kaum erweitern. Der nichtbiologische Teil unserer Intelligenz verdoppelt sich hingegen jedes Jahr und wächst exponentiell. 2040 oder 2045 wird das nichtbiologische Denken in unserem Gehirn Millionen, wenn nicht so gar Milliarden Mal fähiger sein als unser biologisches Denken. Das macht den biologischen Teil unseres Gehirns ziemlich unbedeutend. Zu diesem Zeitpunkt werden wir dann zu einem großen Teil nichtbiologisch sein.

Das Gehirn-Hochlade-Szenario sähe dann so aus: Die Nanoroboter in unserem Blutkreislauf werden jede Nervenzelle scannen. Es wird somit möglich werden, alle Zellen in unserem Gehirn zu erfassen, alle Neurotransmitter-Konzentrationen, alle Nervenverbindungen und die Lage der Ionen-Kanäle. Wir werden den gesamten Status unseres Gehirns erfassen und diesen dann in einer Simulationen in einem nichtbiologischen Medium nachbauen können - das wäre das erste Mal, dass das geht.

Ich selbst sehe eher das realistischere Szenario: Wir werden uns nur mit unserer Technologie vereinen und nicht umgekehrt. Computer werden ihren Weg in unsere Körper und unser Gehirn finden und wir werden mit jedem Jahrzehnt nichtbiologischer werden.

TR: Ihre Annahme, dass wir mit nichtbiologischem Material, mit Technologie eins werden, macht noch vielen Leuten Angst - manche finden diese Vorstellung schlicht schrecklich. Dazu gehören nicht nur Nanophobiker, die fürchten, dass sie ihre Menschlichkeit, ihre Persönlichkeit verlieren.

Kurzweil: Aber es wird ein schrittweiser Übergang werden und nur wenige Menschen werden ihn vollständig vermeiden. Es wird wie üblich "Early Adopter" geben und Leute, die weniger aggressiv an das Thema heran gehen. Wie viele Leute sagen denn heute, sie wollen keine Handys oder Computer benutzen? Natürlich gibt es immer ein paar Menschen, die so sind. Es gibt ja auch Dorfgemeinschaften, in denen überhaupt keine Technologie oder Medizin verwendet wird, aber die sind selten und eben nicht der Mainstream. Einige Menschen werden aktiver sein als andere, aber nahezu jeder wird diese Technologien eines Tages wollen, wenn sie bewiesen haben, dass sie gut für die Gesundheit ist.

Es wird zur Routine werden, Nanoroboter im Blut zu haben, die Krebszellen bekämpfen und abtöten, uns gesund halten, DNS und RNA reparieren, den Alterungsprozess rückgängig machen und uns vielleicht zu einem etwas besseren Gedächtnis verhelfen - die Leute vergessen schließlich immer mal wieder wichtige Dinge. Sobald diese Technologie dann im Mainstream angekommen ist, wird sie bereits sehr weit perfektioniert sein. 2040 wird es nur noch sehr wenige Menschen geben, die diese Technologien komplett meiden. Und selbst diejenigen, die in diesem Bereich nicht sehr aktiv sind, werden eines Tages mehr Computertechnik im Gehirn haben, als biologisches Material.

TR: Um Ihre Sicht der Dinge zusammenzufassen - einerseits sagen Sie, dass es eine exponentielle Beschleunigung geben wird, die ständig zu immer mehr Komplexität führt und die Intervalle zwischen Paradigmenwechseln, die wir erleben, immer kürzer werden. Andererseits sagen Sie aber auch, dass es einen schrittweisen Veränderungsprozess geben wird, der dann zu einer Singularität führt.

Kurzweil: Wir werden die Singularität nicht mit einem einzigen großen Schritt nach vorne erreichen, sondern mit zahlreichen kleinen Schritten, die uns jeweils eher unbedeutend erscheinen. Das läuft graduell, aber beschleunigt. Eine exponentielle Kurve verläuft immer weiter, nur eben schneller und schneller.

Das können Sie schon heute sehen: Es dauerte 50 Jahre, bis ein Viertel der Erdbevölkerung ein Telefon hatte. Schauen Sie sich den heutigen Zustand an: Vor fünf Jahren nutzte noch niemand Suchmaschinen. Vor drei Jahren gab es keine Social Networks und keine Blogs und die Leute sagten, es sei unmöglich, mit Internet-Werbung Geld zu verdienen - heute macht Google Hunderte von Millionen. Die Veränderung beschleunigt sich und das wird so weitergehen.

TR: Wie definieren Sie den Begriff der Singularität?

Kurzweil: Für die Singularität gibt es unterschiedliche Definitionen. Um es einfach zu machen: Es wird ein Zustand sein, in der nichtbiologische Formen von Intelligenz rein biologische übertrumpfen werden, obwohl sie von ihnen abstammen. Das führt uns hinter das Jahr 2030, vielleicht 2040 oder 2050. Die Singularität betrifft dann eines Tages sogar Gott - oder die gewöhnliche Definition von Gott als etwas, das unendlich viel Intelligenz, Wissen, Kreativität, Schönheit und Liebe in sich vereint. Je weiter sich Systeme entwickeln, desto komplexer, intelligenter und wissender werden sie auch. Sie werden schöner und komplexer und damit stärker bereit, höhere Emotionen wie Liebe auszudrücken. Also wachsen sie exponentiell in den Bereichen Intelligenz, Wissen, Kreativität, Schönheit und Liebe - alles Qualitäten, die die Leute einem unendlichen Gott zuschreiben.

Obwohl die Evolution diese Stufe mit all ihren Attributen nicht wirklich erreichen wird, schwingt sie sich doch zu immer höheren Höhen auf, so dass wir die Evolution als spirituellen Prozess verstehen können, der sich hin zum Ideal bewegt. Die Singularität lässt sich dann als Explosion als dieser höheren Werte der Komplexität begreifen. (nbo)