Die Geister, die ich rief

Das Zusatzprogramm Ghostery soll Nutzern eigentlich das Tracking von Werbevermarkten im Web vom Leibe halten. Die Firma hinter Ghostery verkauft aber selbst Daten an die Online-Werbebranche.

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Von
  • Tom Simonite

Das Zusatzprogramm Ghostery soll Nutzern eigentlich das Tracking von Werbevermarkten im Web vom Leibe halten. Die Firma hinter Ghostery verkauft aber selbst Daten an die Online-Werbebranche.

Im Netz weiß jeder, dass du ein Hund bist, lautet ein gängiges Bonmot über den gläsernen User von heute. Dank ausgeklügelter Tracking-Verfahren können Online-Werbevermarkter längst auch zuverlässig herausfinden, ob der Hund am liebsten Futter von Royal Canine frisst. 19 Millionen Nutzer setzen deshalb inzwischen das Browser-Add-on Ghostery ein. Es blockiert den Tracking-Code der Werbevermarkter und erhöht nebenbei auch noch die Ladegeschwindigkeit von Webseiten. Was kaum jemand weiß: Evidon, die Firma hinter Ghostery, ist Teil jenes Online-Werbe-Komplexes, vor dem sie die Nutzer schützen will.

Evidon verkauft nämlich die Daten von acht Millionen Ghostery-Nutzern, die die Daten-Sharing-Funktion Ghostrank des kleinen Programms aktiviert haben, an Werbevermarkter. Und hilft ihnen, ihren Tracking-Code zu verbessern. Die Firma steht so gewissermaßen auf beiden Seiten der Datenschutz-Debatte, die sich in den vergangenen Jahren speziell an der Datensammelei der Online-Wirtschaft entzündet hat.Allerdings versichert Evidon, dass Ghostrank keine Daten für eine personalisierte Anzeigenschaltung oder die Identifikation eines Nutzers sammele.*

„Da steckt kein ausgeklügelter Plan hinter“, beteuert Scott Meyer, Mitgründer und CEO von Evidon. Er kann auch keinen Konflikt darin erkennen, dass die Firma genau jene Unternehmen beliefert, vor denen Ghostery die Nutzer schützen soll. „Alles, was den Menschen mehr Transparenz und Kontrolle verschafft, ist gut für die Industrie“, sagt Meyer. Andererseits stört er sich auch nicht daran, dass elf Millionen Nutzer sich dagegen entschieden haben, ihre Ghostery-Daten mit Evidon zu teilen. Ohnehin seien diejenigen, die Werbebanner aktiv blockieren, unempfänglich für Werbung. Also sei Ghostery ein Gewinn für beide Seiten.

Aus den Daten, die Evidon sammelt, generiert die Firma zwei Dienstleistungen. Zum einen können Webseiten-Betreiber die Daten nutzen, um zu verfolgen, welcher Tracking-Code der verschiedenen Werbeunternehmen auf ihren Seiten aktiv ist und wie er die Ladegeschwindigkeit beeinflusst. Zum anderen können Werbevermarkter feststellen, wie verbreitet eine bestimmte Art von Tracking-Code im Web ist.

Vor allem die erste Dienstleistung sei sehr wichtig, betont Meyer. Denn viele Webseiten-Betreiber wüssten nicht, welche Tracking-Codes auf ihren Seiten von dritter Seite eingesetzt werden. „Das System, in dem Werbebanner auf eine Webseite gespielt werden, ist unglaublich komplex.“ Man brauche echte Daten, um nachvollziehen zu können, ob die Firmen auch das tun, was sie behaupten, so Meyer.

Zwar können Webseiten-Betreiber kontrollieren, welche Werbe-Netzwerke Banner auf ihren Seiten platzieren, nicht aber den Code, mit dem sie das tun. Der kommt häufig von dritter Seite, die zudem selbst Code-Schnipsel von anderen Firmen beziehen kann.

Es komme immer wieder vor, dass Webseiten-Betreiber anhand der Daten von Evidon feststellen, dass sie die Hälfte der in die Bannerschaltung eingebundenen Firmen gar nicht kannten, sagt Meyer. Die meisten Kunden des Analyse-Dienstes seien große Einzelhändler und Markenfirmen. Die nutzen die Evidon-Daten auch, um herauszufinden, ob ein bestimmter Tracking-Code auf jeder Einzelseite eingebunden wird.

Werbevermarkter prüfen mit Hilfe der Evidon-Daten zudem, ob ihre Dienste die Richtlinien von AdChoices erfüllen, einer freiwilligen Selbstverpflichtung von Unternehmen. Die soll Nutzern helfen, sich leichter gegen personalisierte Werbung zu entscheiden. AdChoices steht bei manchen Verbraucherschützern und Netzpolitikern in den USA und der EU jedoch in der Kritik, es verwirre die Nutzer eher.

„Evidon hat ein finanzielles Interesse, AdChoices auf Kosten von alternativen Ansätzen wie Do Not Track oder Cookie-Blockern zu fördern“, bemängelt der Datenschutz-Aktivist Jonathan Mayer von der Stanford University. Er arbeitet an einem Standard für ein „Do Not Track“-Element in Browsern mit. Ghostery hat er selbst noch nicht getestet, erkennt aber an, dass es einen sehr wirksamen Datenschutz ermögliche, wenn man es richtig konfiguriere.

Evidon ist nun dabei, eine ähnliche Anwendung für das Tracking in mobilen Apps zu entwickeln. Es gebe gerade einen Boom bei Verfahren, um Daten aus der täglichen App-Nutzung für personalisierte Werbung auszuwerten, sagt CEO Scott Meyer. Es sei fast unmöglich, sie auf dem eigenen Gerät zu entdecken. „Was in diesen Anwendungen steckt, ist unsichtbar.“

Für die mobile Ghostery-Entsprechung hat Evidon deshalb kürzlich Mobilescope gekauft. Das Projekt war von Datenschutz-Experten gestartet worden, um Smartphone-Nutzern aufzuzeigen, welche Daten von Apps übertragen werden und bestimmte Daten wie etwa die E-Mail-Adresse als vertraulich zu markieren. Eine verbesserte Mobilescope-Variante soll bis Ende des Jahres auf den Markt kommen.

*Nachtrag: Ein Leser wies uns darauf hin, dass Evidon mit der Ghostrank-Funktion nur anonyme Daten erhebe. Im Privay Statement von Evidon steht dies allerdings so explizit nicht drin. Die Redaktion. (nbo)