Die Kampagne eines Arztes gegen Präsident Trumps Oktober-Überraschung

Wie Herzspezialist Eric Topol zum Aktivisten wurde, um die überstürzte Zulassung eines Covid-19-Impfstoffs vor den US-Wahlen zu verhindern.

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(Bild: Photo by Sam Moqadam on Unsplash)

Von
  • Antonio Regalado

Nach seiner Entlassung aus dem Walter-Reed-Militärkrankenhaus am 5. Oktober lobte US-Präsident Donald Trump seine Ärzte und versprach, dass die Öffentlichkeit bald einen Impfstoff gegen das tödliche Coronavirus erhalten würde. In Kalifornien reagierte ein Arzt namens Eric Topol in Echtzeit in den sozialen Medien. Er stellte die Gesundheit des Präsidenten, die Handlungen seiner Ärzte und sogar seinen Geisteszustand in Frage.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Topol, ein Herzexperte und Forscher mit einer eigenen großen Twitter-Fangemeinde, bereits Wochen eine persönliche Kampagne geführt, um sicherzustellen, dass die Regierung einen Covid-19-Impfstoff nicht überstürzt vor dem Wahltag am 3. November durch die behördlichen Zulassung peitschen konnte. Ein Leitartikel der New York Times hatte bereits im Juni die Möglichkeit eines Impfstoffs gegen „Oktober-Überraschung“ angesprochen und warnte davor, dass eine Impfstoffzulassung zu einem „Kampagnen-Stunt“ werden könnte.

Für Topol, der am Scripps Research Institute in La Jolla arbeitet und einer der bekanntesten Ärzte des Landes ist, wäre ein wirksamer Impfstoff gegen Covid-19 „das größte Ereignis unserer Generation“ und eines, das auf der Basis wissenschaftlicher Daten und nicht politischer Implikationen bewertet werden sollte.

Wenn Trump die US-Zulassungsbehörde FDA dazu brachte, einen Impfstoff vorzeitig zuzulassen, der nicht wirksam war oder sogar Schaden anrichtete, könnte das das Vertrauen der Öffentlichkeit in einen Covid-19-Impfstoff erschüttern. Für eine breite Immunität gegen SARS-CoV-2 müssten mehr Menschen geimpft werden als die, die jedes Jahr eine Grippeschutzimpfung erhalten.

Im Verlauf der Pandemie war die FDA unter Druck geraten, auch solche neuen Covid-19-Medikamente zur Verfügung zu stellen, für deren Wirksamkeit es nur wenige Beweise gibt. Die Bewertung eines neuen Arzneimittels oder Impfstoffs ist in der Regel ein langer Prozess. Nach den Anschlägen vom 11. September führte der US-Kongress jedoch eine „Notfallgenehmigung“ (emergency use authorization, EUA) ein, damit bei außerordentlichen Ereignissen wie einem Atomangriff die üblichen Regeln aufgehoben werden können. Anstatt zu beweisen, dass eine Behandlung funktioniert, erfordert der Notfallstandard nur eine „ausreichende“ Überzeugung, dass die Behandlung „wirksam sein kann“.

Politische Entscheidungsträger hatten mithilfe des flexiblen Verfahrens schon einmal im August die Kontrolle übernommen, als die FDA eine Sondergenehmigung für eine Plasmatherapie ankündigte, die das Blutserum von Covid-19-Überlebenden nutzt. Nur einen Tag bevor die Agentur eine breitere Anwendung der Behandlung erlaubte, beschuldigte Trump sie in einem Tweet, die Entscheidung absichtlich bis nach der Wahl verschoben zu haben.

Obwohl es unvollständige Beweise dafür gab, dass die Behandlungen mit Plasma erfolgreich gewesen waren, waren sich die meisten Menschen einig, dass die Transfusionen den losen Standard „möglicherweise wirksam“ erfüllen könnten. Während einer Pressekonferenz im Weißen Haus wichen die Beamten jedoch gänzlich von den Beweisen ab, und kündigten die Behandlung als „großen Fortschritt“ an.

Was Topol und andere Kritiker alarmierte, war, dass FDA-Kommissar Steve Hahn mitspielte und die Fakten völlig falsch darstellte. Für seine Behauptung, Plasmatransfusionen würden 35 von 100 Covid-19-Patienten retten, gab es keine Beweise. „In diesem Moment habe ich beschlossen, dass es Zeit ist, Aktivist zu werden", sagt Topol. „Ich war sehr verärgert. Ich sagte, er sollte zurücktreten oder die Wahrheit sagen. Es gab nur diese völlige Unterwürfigkeit gegenüber Trump.“

Andere schlossen sich Topols Kampagne an. „Eric hat Mut, keine Frage. Er hat keine Angst, sich für Dinge einzusetzen“, sagt Holden Thorp, Herausgeber des Fachjournals „Science“. „Er hat eine enorme wissenschaftliche Glaubwürdigkeit, kombiniert mit einer enormen Plattform.“ Tatsächlich entschuldigte sich Hahn später.

Topol zufolge hat er mit Hahn nach dem Debakel mehrmals telefoniert. Worüber sie sprachen, ist vertraulich. Aber alle Anzeichen deuten darauf hin, dass Topol Hahn drängte, sich den Bemühungen des Weißen Hauses zu widersetzen, bis zum Wahltag einen Impfstoff zu liefern. „Mein Respekt für ihn ist gewachsen“, sagt Topol. „Ich war überzeugt, dass er das Richtige tun würde.“

Um eine übereilte Impfstoffzulassung vor der Wahl zu stoppen, begann Topol auch das Pharma-Unternehmen Pfizer zu bearbeiten. Geschäftsführer Albert Bourla hatte monatelang kühn versprochen, dass die Untersuchung seines genetischen Impfstoffs im Oktober erste Wirksamkeitsergebnisse liefern würde. Pfizer hatte sich nie dem Regierungsprogramm „Operation Warp Speed“ angeschlossen. Dieses finanziert ein halbes Dutzend Covid-19-Impfstoffstudien, die allerdings frühestens Ende des Jahres Wirksamkeitsdaten zu den Impfstoffen vorlegen können würden.

Am 25. September sandte Topol zusammen mit 60 anderen Experten einen Brief an Bourla und forderte Pfizer auf, erst Ende November eine EUA zu beantragen, wenn weitere Sicherheitsdaten vorliegen. Topol sagt, er habe auch einige Vorstandsmitglieder von Pfizer mit seinen Bedenken überhäuft. Das Unternehmen wandte sich später an ihn und arrangierte Anfang Oktober ein Zoom-Treffen mit Impfstoffchefin Kathrin Jansen und ihrem Team.

„Egal, ob Sie Pfizer, Johnson & Johnson oder Moderna sind, Sie möchten das Rennen gewinnen. Aber Trumps ist in einem anderen Wettbewerb “, sagt Topol. „Trump will gewinnen, aber wir brauchen alle Unternehmen, um zu gewinnen, denn keiner kann alleine genug Impfstoff herstellen.“

Obwohl die Pandemie in den USA täglich mehr als 600 Menschen tötet, glaubt Topol nicht, dass eine frühe Erfolgserklärung schnell viel erreichen kann. „Wir werden nach einer Impfung immer noch Abstand halten und Masken tragen müssen. Sie ist nicht magisch“, sagt er. „Es ist wichtiger, dass wir es richtig machen.“

Zur Zeit von Trumps Entlassung aus dem Krankenhaus hatte das Weiße Haus die Veröffentlichung einer FDA-Empfehlung aufgehalten: Unternehmen, die einen Covid-19-Impfstoff entwickeln, sollten bei der Hälfte ihrer Versuchspatienten mindestens zwei Monate lang nach Nebenwirkungen suchen. Würde sie befolgt, wäre eine Notfallzulassung im Oktober selbst für Pfizer im Wesentlichen unmöglich.

Genau am Tag von Trumps Entlassung umging die FDA das Weiße Haus und übermittelte ihre Empfehlung direkt an einen wichtigen beratenden Impfstoffausschuss. Ein FDA-Sprecher sagte zwar, dass dies nichts Außergewöhnliches sei. Aber Topol glaubt, dass Hahn und seine Stellvertreter „zum ersten Mal Widerstand gegen Trump leisteten“ und ein „meisterhaftes“ taktisches Manöver ausführten. Laut dem „Wall Street Journal“ verwarf das Weiße Haus seinen Einwand gegen die Regeln und die FDA veröffentlichte sie vollständig.

Am 16. Oktober dann konnten Topol und seine Verbündeten endlich ihren Erfolg verbuchen. Pfizer-Geschäftsführer Albert Bourla kündigte an, das Unternehmen könne aufgrund der Sicherheitsstandards vor der dritten Novemberwoche keine Notfallgenehmigung für seinen Impfstoff einholen.

(vsz)